Fahrbericht Honda X-ADV

Fahrbericht Honda X-ADV


Alles Crossover oder was?

Es gibt sie, diese Tage, an denen du als Tester deine ureigene Voreingenommenheit schnurstracks über Bord wirfst und sich alles ganz anders entwickelt als du es dir vorgestellt hast. So geschehen beim Erstkontakt mit Hondas neuer Crossover-Maschine Maschine X-ADV.

Eigentlich begann an diesem schönen Donnerstagmorgen ein Testtag wie jeder andere auch. Wäre da nur nicht dieses leicht süffisante Grinsen in den Gesichtern meiner Kollegen. Man hatte mich dazu auserkoren, den Fahrbericht mit der neuen X-ADV von Honda zu übernehmen. Mit Schulterklopfern und überschwänglichen Ausführungen meiner überaus geschätzten Kollegen über die Vorteile des neuen Crossover-Konzepts von Honda verlasse ich die Redaktion in Richtung Erstkontakt.

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Ein Neues Crossover-Konzept

Die X-ADV begrüßt mich in fescher 3-farbiger Lackierung, die sehr deutlich an die CRF1000L Africa Twin angelehnt ist. Doch nicht nur die Lackierung erinnert direkt an die hochbeinige Reisebegleiterin. Auch der breite Lenker mit den Handprotektoren, die Upside-Down Gabel nebst radial angeschlagener Bremssättel, die mächtige Verkleidung und der fast senkrecht stehende Auspuff der X-ADV weisen frappierende Ähnlichkeiten mit der CRF1000L auf. Hondas neues Crossover-Konzept wirkt im direkten Vergleich mit der großen Offroad Schwester wie ein nicht minder cooles Alternativ Modell aus dem Lego Technic Baukasten. Dabei haben sich die Honda-Designer redlich bemüht, der X-ADV ein sehr erwachsenes Aussehen zu verpassen. Der erwachsene Auftritt manifestiert sich beim Druck auf das Knöpfchen durch einen sehr amtlichen Sound aus dem steil aufragenden Endtopf. Dank praktischem Keyless-Go System erwacht der aus der Integra weiterentwickelte Langhuber ohne nervige Zündschloss-Fummelei schon nach der ersten Kurbelwellenumdrehung zum Leben. Seine Leistung von 55 Pferdestärken entwickelt der 745 cm³ große Parallel-Twin mit 270 Grad Kurbelwelle bereits bei moderaten 6.250 U/min. Das maximale Drehmoment von 68 Nm steht sogar schon bei 4.750 U/min deutlich früher zur Verfügung. Fahrwerkstechnisch vertraut die X-ADV auf eine in Zugstufe und Vorspannung einstellbare Upside-Down Gabel mit 41 mm Durchmesser. Beim Federbein hingegen lässt sich nur die Vorspannung justieren. Die Gummierung der schön gemachten Speichenfelgen übernehmen Bridgestone Trailwings in moderaten Dimensionen von 120/70-17 vorne und 160/60-15 hinten. In Verbindung mit den recht großzügigen Federwegen von 153 mm vorne und 150 mm hinten mutiert die X-ADV laut Aussage von Honda damit zu einem offroadendem, autobahnbolzendem, stadt- und landstraßentauglichen Tausendsassa.  

Ergonomie und Ausstattung

Meine Befürchtungen, heute einen Roller testen zu müssen, haben sich bereits nach wenigen Augenblicken verflüchtigt. Honda hat mit dieser mutigen Symbiose aus Offroader und urbanem Fortbewegungsmittel eine vollkommen neue Motorradgattung auf den Markt geworfen, die schnell Lust auf mehr macht. Während ich noch darüber sinniere, welcher Name dafür wohl am treffsichersten wäre, schwinge ich mich auf meinen neuen Arbeitsplatz für diesen Tag und bin erneut erstaunt. Ein gut ablesbares Dashboard im CRF 450 Rallye Style empfängt mich mit guter Ablesbarkeit. Die Fülle an gebotenen Informationen lässt einen Hauch von Paris-Dakar aufkommen. Wie von selbst fallen die Hände auf den breiten Lenker mit den üppig ausgestatteten Armaturen. Einzig die Ergonomie der Trittbretter in Verbindung mit dem breiten, komfortablen Sitz ist für sehr groß gewachsene Europäer ein wenig zu knapp ausgefallen. Normalgewachsene Naturen dürften mit dem Platzangebot des X-ADV jedoch keinerlei Probleme haben. Schnell noch die Verkleidungsscheibe mit der etwas hakelig bedienbaren Verstellung auf die höchste Stufe gestellt und mit dem Druck auf den Starterknopf den Ring frei gemacht für einen großen Auftritt.

Perfektes Doppelkupplungsgetriebe

Honda hat mit der aktuellen Ausbaustufe des Doppelkupplungsgetriebes (DCT) die kleinen Schwächen der ersten Generation vollkommen ausgemerzt und der X-ADV 5 Fahrmodi zur Seite gestellt. Zur Wahl stehen neben dem manuellen Gangwechsel per Knopfdruck der automatische D-Modus und drei zusätzliche, sportlich ausgelegte S-Modi. Die neue Software des DCT lässt Gangwechsel im D-Modus erst 500 Umdrehungen später von statten gehen. Auch die drei Sportmodi gehen nun spürbar aggressiver zu Werke, unterstützt von kürzer übersetzten Getriebestufen. Ich entscheide mich vorerst per Knopfdruck an der rechten Lenkerarmatur für den in allen normalen Lebenslagen ausreichenden D-Modus. Ein deutlich vernehmbares Klacken, kombiniert mit einem kleinen Rucken, signalisiert mir die Einsatzbereitschaft des DCT. Also Brause rechts auf Durchzug stellen und… Heidewitzka! Die X-ADV schiebt fast schon brachial los! Bereits nach den ersten Metern sehne ich mir schon die nächste Signalanlage herbei, in der Hoffnung dort auf einen würdigen Gegner für einen zünftigen Ampelsprint zu treffen. In Ermangelung eines geeigneten Tatorts freunde ich mich in der Zwischenzeit auf der sich sanft schlängelnden Landstraße mit dem DCT der X-ADV an. Honda hat es tatsächlich geschafft, mit dem Doppelkupplungsgetriebe Gangwechsel unglaublich gut auf das jeweilige Fahrverhalten anzupassen. Das DCT schafft es in nahezu jedweder Fahrsituation die richtige Gangstufe anzubieten. Ob gemütliches Landstraßen-Surfen oder verzwickte Kurvenkombinationen, die X-ADV schaltet sich vollkommen autark durch das Getriebe. Manuelle Gangwechsel werden damit beinahe in die Bedeutungslosigkeit degradiert. Für spaßiges Angasen empfehlen sich die 3 Sportmodi: Das Ausdrehen und das angenehm zugfreie durchladen der Gangstufen macht damit richtig Spaß. Gut, das Honda trotz aller Sportlichkeit den Verbrauch mit durchschnittlich 3,5 Litern auf 100 km angibt. Apropos tanken. Beim Spritfass auffüllen ist mir unter der Tankabdeckung ein Tankdeckel ins Auge gestochen, der mich an das Pendant der seligen Honda Lead 50 zurückerinnert hat. Liebe Honda Produktmanager: So ein Tankdeckel muss im Jahre 2017 nun wirklich nicht mehr sein an einem ansonsten piekfein verarbeiteten Zweirad.

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Fahrspaß auf allen Wegen?

Mit prall gefülltem Tank geht es wieder zurück auf die Straße und der Suche nach einer geeigneten Möglichkeit, das Honda Offroad Werbeversprechen einzulösen. Der Weg dorthin führt mich über die Autobahn und die Erkenntnis, über welch stoischen Geradeauslauf die Crossover Allzweckwaffe verfügt. Egal welche Geschwindigkeit auch gerade auch anliegt, die X-ADV zieht unbeirrt stabil ihre Bahn. Fantastisch, wie sich auch dank des guten Windschutzes hinter der Verkleidungsscheibe Kilometer fressen lassen. Die Auslegung des Fahrwerks erweist sich in der Honda als goldrichtig.Einen Großteil des spielerischen Handlings verdankt die Honda ihrem, in einem Winkel von 62 Grad tief im Rahmen montierten Motor.  Damit vollführt die X-ADV das Kunststück, trotz des leichten Handlings auch schnelle Radien mit stabiler Kurvenlage zu quittieren. Selbst hartes Ankern mit den von der CRF 1000L entliehenen Stoppern bringt die X-ADV nicht aus der Ruhe. Lediglich ein nicht zu aufdringliches Pulsieren des ABS-Regelbereichs ist in den beiden Hebeln zu spüren. Richtig gelesen, in beiden Hebeln. Ein Fußbremshebel fehlt Rollertypisch an der Honda X-ADV. Den ich jetzt bei der bevorstehenden Geländeeinlage schmerzlich vermisse. Um es vorweg zu nehmen: Die X-ADV ist für harten Geländeeinsatz nicht wirklich geeignet. Die inaktive Sitzposition, der zu tief montierte Lenker und die Trittbretter vermiesen richtiges Adventure Feeling. Die edel von Rizoma produzierten Honda-Zubehörfußrasten, die zwischen Trittbrett und Soziusfußrasten geschraubt werden, sorgen zwar für eine deutliche Verbesserung, aber so wirklich lässt es sich auch damit nicht über Stock und Stein fräsen. So gesehen bleiben leichte Schotter-, Wald- und Feldwege aber eine immer gern gesehene Abwechslung zum tristen Asphaltleben der X-ADV.