Fahrbericht Ducati Scrambler Desert Sled

Fahrbericht Ducati Scrambler Desert Sled


(K)ein Vergleich zur XT500

Retro-Bikes für die Straße gibt es mittlerweile zuhauf. Das dachte sich wohl auch Ducati und hat mit der Scrambler Desert Sled eine Enduro-orientierte Interpretation an den Start gebracht. Die optischen Anleihen an die kultige Yamaha XT 500 sind dabei nicht ganz von der Hand zu weisen.

Dabei könnte sich die Geschichte mit den optischen Anleihen möglicherweise ganz anders gestalten. Immerhin hat Ducati mit der 350 SS bereits 1969 das mexikanische Bajaj-1000 Rennen gewonnen, mit einem für die damalige Zeit genretypischen „Wüsten-Schlitten“. Zur Erinnerung: Die Stilikone Yamaha XT 500 erblickte erst 1976 das Licht der Welt. Dass die Ducati Scrambler Desert Sled der XT mit ihren goldenen Felgen und dem hohen Kotflügel der Japanerin optisch dennoch sehr nahekommt, lassen wir gerne als stillschweigende Hommage an die goldene Enduro-Epoche der 80er Jahre gelten.

Desert Sled mit Offroad-Attitüde 

Mit dem optischen Auftritt enden allerdings die augenscheinlichen Parallelen zur XT 500 schon wieder. Denn die zur Ducati-eigenen Scrambler-Familie gehörende Desert Sled legt nicht nur viel Wert auf ihr Äußeres, sondern möchte mit bewährter Technik gerne auch als geländegängige Vertreterin ernstgenommen werden. Dazu hat Ducati tief in die Trickkiste gegriffen und der Desert Sled komplett neue Federelemente mit beachtlichen 200 mm Federwegen angedeihen lassen. Ein Novum stellt dabei die kräftige, voll einstellbare Upside-Down Gabel von Kayaba dar, die mit 46 mm Durchmesser zudem deutlich stabiler ausfällt, als die 41 mm dicken Exemplare der übrigen Scrambler Modelle.  Mit geländetauglichen Pirelli Scorpion Rally STR besohlt, dürften die Drahtspeichenräder im 19-Zoll Format vorne und mit 17 Zoll in der Hinterhand auch derbere Offroad-Einsätze bestens wegstecken. Allerdings dürfte für derartige Einlagen der zugegebenermaßen recht mickrige Motorschutz gerne länger ausfallen, da der vordere Krümmer nebst Zylinder sträflich ungeschützt ist. Praxisorientierter gestaltet sich da schon der mit homologiertem Schutzgitter und LED-Lichtbandeinfassung ausgestattete vordere Rundscheinwerfer, der über dem hohen, zweiteiligen Schutzblech thront. 

Den letzten Beweis für die angedachte Geländegängigkeit erbringt dann die Sitzbank, die kleinere Fahrer in luftigen 860mm Höhe vorfinden. Ducati bietet eine optionale Sitzbank mit 20 mm reduzierter Sitzhöhe, die die Ausrichtung jedoch nicht entscheidend verändern kann. Der breite, konifizierte Endurolenker mit Querstrebe passt ausgezeichnet zur insgesamt entspannten Sitzposition. Optisch eher unpassend und mit höchstenfalls mittelmäßiger Ablesbarkeit präsentiert sich das LCD-Kombiinstrument, das zwar alle notwendigen Infos parat hat, ansonsten hätte uns an dieser Stelle ein analoger Geschwindigkeitsanzeiger besser gefallen.

Ducati Scrambler Desert Sled 11

Motor mit sanftem Ansprechverhalten

Unsere Erwartungshaltung bekommt beim Starten des kultiviert laufenden, luftgekühlten V2 im wahrsten Sinne des Wortes einen leichten Dämpfer verpasst, denn aus den beiden Endtöpfen auf der rechten Seite meldet sich die Desert Sled mit zurückhaltender, beinahe zarter L-Twin Stimme zu Wort. Dafür überzeugt der Motor mit gleichmäßiger Leistungsabgabe, dem störende Vibrationen fremd sind. Das liegt zum einen an der Tatsache, dass der V2 nicht als tragendes Element in den Gitterrohrrahmen eingespannt wurde. Auf der anderen Seite sorgt der jetzt progressiv übersetzte Gasgriff für feinste Kontrollierbarkeit und sanftes Ansprechverhalten des 90-Grad-V2 mit dem sich die 75 PS Spitzenleistung in bester Landstraßen-Manier an das Hinterrad schicken lassen. Dabei sollte die Drehzahl jedoch nicht unter die 3.000er Marke fallen, darunter fordert der Motor mit Ruckeleinlagen den Piloten dazu auf, wieder höhere Drehzahlen zu erklimmen. Oberhalb dieser Marke erklimmt der Desmo die Drehzahlleiter ohne überfordernde Leistungsspitzen oder spürbare Einbrüche zu produzieren. Dank der homogenen Leistungsabgabe fällt auch das Fehlen einer Traktionskontrolle kaum ins Gewicht, auf der Desert Sled fühlt man sich jederzeit Herr der Lage. Beim durchsteppen des Sechsganggetriebes ist dagegen die volle Aufmerksamkeit gefragt. Mit halbherzig durchgeführten Schaltvorgängen kann der Treiber durchaus auch mal zwischen den Gängen landen.

Ducati Scrambler Desert Sled 16

Vertrauen ab dem ersten Meter

Mit der Desert Sled fühlt man sich trotz der Offroad-Attitüde auf der Straße schnell pudelwohl. Schnelles Abwinkeln und knackige Richtungswechsel gehen dank des breiten Lenkers leicht und ohne Nachdruck von der Hand. Mit der neuen, längeren Schwinge, die von einem gut ansprechenden, dezentral platzierten Federbein abgestützt wird und der voll einstellbaren Kayaba Upside-Down-Gabel mit 46 mm Durchmesser lässt sich rasch ein geeignetes Setup für die flotte Landstraßenhatz finden. Die großzügig dimensionierten 200 mm Federwege stehen dabei ambitioniertem Kurvenwedlern in keinster Weise im Wege. Stabil durcheilt die Desert Sled Kurvenkombinationen, lässt trotz der grobstolligen Pirelli Scorpion Rally STR keinerlei Nervosität zu. Das letzte Quäntchen Agilität bleibt dabei leider auf der Strecke, die Desert Sled will mehr urbaner Offroader als messerscharfe Supermoto sein. Gleiches gilt auch für die vordere Bremse. Die radial angeschlagenen M4.32 Vierkolbensättel von Brembo verbeißen sich in eine 330 mm große, halbschwimmend gelagerte Bremsscheibe und produzieren dabei passable Verzögerungswerte. Getrübt werden die Bremsbefehle nur durch einen schwammigen, undifferenzierten Druckpunkt des Handbremshebels. Das hintere Pendant lässt sich dagegen fein dosieren, sowohl auf der Straße, wie auch im Einsatz abseits befestigter Wege. Das verbaute Bosch-ABS, dass sich für Geländeeinsätze nur recht fummelig über das Bordmenü des LCD-Instruments entweder ganz oder gar nicht abschalten lässt, leistet aber dennoch gute Dienste.