Fahrbericht Benelli Leoncino

Fahrbericht Benelli Leoncino


Der König der Löwen?

Benelli beendet mit der neuen Leoncino die Dreizylinder-Ära und verpflanzt ein chinesisches Reihen-Twin-Herz in das neue Retro-Bike. Wir haben ausgiebig mit der Raubkatze gespielt und herausgefunden, ob die Leoncino den Löwen von Pesaro zurecht auf ihrem vorderen Schutzblech trägt.

Mit dem Klang des Namens Benelli fauchten automatisch auch die heiseren, charakterstarken Dreizylindermotoren der TNT-Modelle in unseren Gehörgängen. Benelli stand wie kaum eine andere Marke für emotionales und polarisierendes Motorrad-Design. Man denke da nur an die aufwändig verschweißte Stahlrohr-Fachwerkschwinge der TNT 1130 mit ihren bulligen Kühlern an den Flanken zurück. Benelli galt als Inbegriff für fahrbare Design-Revolutionen. Erstens kommt es jedoch meist anders und zweitens, als man denkt, und so wurde die Marke Benelli im Jahre 2005 an den chinesischen Zweirad- und Motorenhersteller Qianjiang verkauft. Die darauffolgenden Jahre entpuppten sich für die bereits 1911 im italienischen Pesaro gegründete Marke als turbulente Achterbahnfahrt die schlussendlich in einer kompletten Neuausrichtung der Traditionsmarke mündete.

Design: Volumenmodell statt Stravaganza 

Mit der komplett neu entwickelten Leoncino will Benelli den nun Beweis antreten, dass sich auch unter chinesischer Führung emotionale Motorraderlebnisse bauen lassen. Und genau so präsentiert sich der kleine Retro-Löwe auch. Gefällig, kompakt und mit feinen Details garniert, zaubert bereits der erste Sichtkontakt ein breites Grinsen auf unsere Gesichter. Die im Vergleich zu den martialischen Auftritten der früheren Dreizylinder TNTs design-technische Zurückhaltung hat der Entwicklung der Leoncino sichtlich gutgetan. Der Blick schweift vom formschönen 13 Liter Tank mit seinen auffälligen Seitenverkleidungen über das schmal zulaufende Heck mit der geschmackvoll abgesteppten Sitzbank an deren Ende sich ein ästhetisch integriertes LED-Rücklicht nebst passenden LED-Blinkern befindet. Dazu schmiegt sich der Stahlrohrrahmen perfekt unter die vorgegebene Tank-Sitzbank-Linie. Dieser nimmt mit zusätzlichen Verstrebungen den neuen Zweizylinder auf, der seine Abgase nach Euro-4 Norm über zwei Krümmer mit hübsch anzusehenden Schweißnähten in einen nicht übergroß gehaltenen Endtopf mit zwei markanten Auslässen entsorgt. Eine Upside-Down Gabel mit 50 mm Durchmesser in der Front und die Gitterrohrschwinge im Heck nehmen Pirelli Angel GT bereifte, moderne 12-Speichen Gussräder auf. Dabei fällt besonders der seitlich befestigte Kennzeichenhalter mit seinem filigranen Gitterrohr-Ausleger auf. Aber auch die Front hat optisch einiges zu bieten. Oberhalb der dreifach geklemmten, unteren Gabelbrücke ist ein großer Rundscheinwerfer mit bogenförmigen LED-Standlicht und Benelli Logo im Reflektor angebracht und auf dem knackig kurzen Schutzblech thront eine kleine Figur des Pesaro Löwen. Selbst der Kühlerverschluss im Handrad-Format einer Lachgasflasche weiß auf sich aufmerksam zu machen. Schnell ertappt man sich dabei, die Leoncino länger zu betrachten als ursprünglich gedacht.

Benelli Leoncino (4)

Leoncino wildert in kleineren Hubraumklassen

Mit der Neuausrichtung einhergehend hat sich Benelli der Hauptzielgruppe des chinesischen Mutterkonzerns angeschlossen. Und so wildert das Zweizylinderherz des Löwen mit 48 PS bei 8.500 U/min aus 500cm² Hubraum in der Klasse der Einsteiger- und Wiedereinsteiger. Dort sind die bereits bei 6.000 U/min früher anliegenden 45 Newtonmeter Drehmoment ein zusätzlicher Pluspunkt für den stressfreien Umgang mit der Leoncino. Überhaupt darf der mit selektiver Zylinderüberwachung ausgestattete, mit doppelter, obenliegender Nockenwelle und 4 Ventilen pro Zylinder bewehrte Motor als hochmoderner Vertreter seiner Art angesehen werden. Seine Power überträgt der Reihen Twin per Nasssumpfschmierung und hydraulischer Kupplung an das Hinterrad. 

Sound eines Löwen würdig

Wer jetzt vermutet, dass der Motor durch seine Modernität nach unschuldigem Miezekätzchen klingen dürfte, wird nach Druck auf den Starterknopf eines Besseren belehrt. Mit kehligem Knurren nimmt der Twin seine Arbeit auf, die mit steigender Drehzahl in ein forsches Fauchen übergeht. Also flugs Platz genommen, bevor der Löwe noch ohne uns auf die Jagd geht. Nachdem wir in moderaten 815 mm Sitzhöhe Platz genommen haben, fällt unser Blick als erstes auf das LCD-Display mit bläulichen Ziffern und Symbolen. Das hübsche gestylte Anzeigeinstrument hält neben Tankanzeige und 2 Tageskilometerzählern auch noch eine Ganganzeige für uns parat.

Forsch voran geht es mit dem Twin der Leoncino oberhalb der 3.000er Marke, ab 7.000 Touren gesellen sich noch spürbare Vibrationen dazu, ehe der Begrenzer im fünfstelligen Bereich dem Drehzahltreiben abrupt ein Ende setzt. Dabei hängt der Motor entgegen seinem akustischen Auftritt beim auswringen sanft wie ein Schmusekätzchen am Gas, kann aber auch lässig bei 2.000 Touren im letzten Gang durch die Gassen schnurren. Im Klassenvergleich gesehen geht die Leoncino zwar nicht ab wie Schmieds Katze, dürfte aber in jedem Fall fahrleistungstechnisch in der 48 PS Klasse in der vorderen Liga mitspielen.

Benelli Leoncino (21)

Fahren wie auf Samtpfoten

Mit spielerischer Leichtigkeit lässt sich der kleine Löwe durch weite und enge Bögen dirigieren. Dabei spielen ihm die moderate Reifenkombination aus 120er Vorderreifen und 160er Hinterreifen in die Karten. Erst beim gestreckten Galopp offenbart die insgesamt komfortable Fahrwerksabstimmung ihre Überforderung. Die Upside-Down-Gabel und das direkt angelenkte Federbein sind trotz einstellbarer Zugstufendämpfung nicht für brachiale Wetzeinlagen ausgelegt. Trotzdem rollt die Leoncino dank 100 mm Nachlauf und dem nicht zu kurz gewähltem Radstand von 1.460 mm stabil durch Radien aller Art. Zu schnell angegangene Biegungen werden von den vorderen, radial angeschlagenen Vierkolbenstoppern mit klarer Rückmeldung am Hebel entschärft. Dabei macht sich nur ein geringes Aufstellmoment beim Bremsen bemerkbar. Dezent, mit feinen Regelintervallen überwacht das Bosch-ABS Überbremsungen im Hintergrund. Zwar lässt sich das ABS auch abschalten, aber der wie ein Fremdkörper wirkende, an der Spiegelklemme befestigte Knopf lässt sich nicht nur schlecht vom Griff aus erreichen, sondern sieht auch wie ein Billig-Zubehörteil aus dem Zubehörbedarf aus. Hier macht sich der federführende Rotstift des chinesischen Mutterkonzerns bemerkbar. Womit wir auch direkt zur Verarbeitungsqualität der Benelli Leoncino kommen: Die Benelli entpuppt sich entgegen den ersten Befürchtungen als ordentlich verarbeitetes Motorrad, dass qualitativ zwar keine Wunder vollbringt, aber auch keine bemerkenswerten Schwächen vorzuweisen hat.