Fahrbericht Harley-Davidson Heritage Classic

Fahrbericht Harley-Davidson Heritage Classic


Weltenverbinder

Die US-Amerikaner von Harley-Davidson haben jahrzehntelang ihren Kult gepflegt und sorgsam in eigens dafür aufgestellten Schubladen abgelegt. Mit dem Modelljahrgang 2018 verbindet die Motor Company die Dyna mit der Softail-Baureihe und bewahrt mit der Heritage Classic das Erbe des Harley-Tourers.

Im kommenden Jahr feiert Harley das 115. Firmenjubiläum, und das will man sich nicht mit miesen Zahlen versauen lassen – um die Absatz- und Umsatzzahlen wieder zu steigern, wird das Harley-Modellprogramm neu strukturiert: Die Softail- und die Dyna-Baureihe verschmelzen zur neuen Softail-Plattform, der Begriff Dyna hat ausgedient. Angetrieben werden die neuen Softails ausschließlich vom „Milwaukee Eight“-V2, der bisher in Dyna und Softail verwendete Twin Cam-Motor wird aufs Altenteil geschoben. 

Touring at it’s best

Als klassischer Vertreter der Touren-Philosophie von Harley-Davidson steht die Heritage Classic im Grunde genommen da wie eh und je: Das Hinterteil findet im breiten, stark gestuften Sitzmöbel ein angenehmes Polster vor, die Arme reichen an einen vergleichsweise hohen Lenker und der Oberkörper sieht sich von einem aufragenden, abnehmbaren Windschild gut geschützt. Äußerst entspannt thront es sich im dicken Sattel, die ausladenden Trittbretter erlauben dazu eine große Beinfreiheit. Auch die Sozia findet ein bequemes, vielleicht ein etwas zu kurz geratenes Sitzplätzchen vor. Das Reiseerlebnis auf der Heritage Classic wird durch die serienmäßigen Hartschalen Satteltaschen mit Lederüberzug optimiert, die darüber hinaus auch wasserdicht und abschließbar sind. Im Rampenlicht jeder Harley steht aber der mächtige Big Twin, das ist in der neuen Heritage Classic mit dem Kürzel »FLHCS«, nicht anders. Beim Druck aufs Starterknöpfchen – dank schlüssellosem Startsystem und sich in unmittelbarer Nähe befindlichem Transponder – erwacht der 114er Milwaukee-Eight mit seinen 1868cm3 Hubraum zum Leben. Der luft- und ölgekühlte Vau-Zwei mit vier Ventilen je Zylinder, einer untenliegenden Nockenwelle und zwei vibrationsmindernden Ausgleichwellen lässt bei 5020/min 94 Pferdchen galoppieren, während der „kleine“ Motor mit 87 PS auskommen muss. Viel wichtiger ist aber das vollfette Drehmoment von 155 Nm (Milwaukee-Eight 107:145 Nm) bei 3000/min. Dezente Lebensäußerungen blubbern bei beruhigend niedrigen 850 Touren im Stand aus den beiden Side Pipes.

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Stärke in der Mitte

Wird die schwergängige Kupplung gezogen und der erste der sechs Gänge mit vernehmlichem Klonk ins sauber rastende Getriebe eingelegt, geht der 114er-Motor elektronisch gesteuert ans Gas. Dadurch wird eine „Geschwindigkeitsregelanlage“, gemeinhin auch als Tempomat bekannt, möglich und ist in der Heritage Classic serienmäßig verbaut. Wie nicht anders zu erwarten, ist die durchzugsstarke Mitte um das Drehmomentplateau bei 3000/min eine Herzensangelegenheit des 45 Grad V2, konstruktionsbedingt sind höhere Drehzahlen als 4500 dem weiteren Vortrieb nicht wirklich förderlich und es wird zäh beim weiteren Erklimmen der Drehzahlleiter. Dafür geht der große Milwaukee-Eight ohne störende Lastwechsel geschmeidig ans Gas. Der nahezu wartungsfreie Zahnriemenantrieb übernimmt dabei einen großen Part zur Lastwechsel-Eliminierung.

Starrsinn

Der gewaltige Motor steckt starr im komplett neukonstruierten Stahlrahmen. Hier verzichteten die Entwickler auf Stereofederbeine und tauschen sie gegen ein direkt angelenktes, in der Vorspannung verstellbares Zentralfederbein unter der Sitzbank aus. So behält die Heritage die klassische Starrrahmenoptik, ohne damit die mark- und plombenerschütternden Eigenschaften eines ungefederten Hinterrads zu erben. Obwohl die 330 Kilo Trockengewicht einen ziemlich beeindruckenden Brocken darstellen, hat Harley immerhin 17 Kilo gegenüber der Vorgängerin eingespart – der einfacher zu bauenden Rahmenneukonstruktion aus halb so vielen Einzelteilen und weniger Schweißnähten sei Dank.

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Handlich und präzise

Weitere Vorteile des neuen Rahmens, der geänderten Hinterradfederung und der neuen 49er-Teleskopgabel mit sogenannter „Dual Bending Valve“-Technologie: Die Heritage Classic bleibt trotz ihres breiten 130er-Vorderrads durchaus präzise im Einlenkverhalten und neutral in Schräglage. Dabei lässt sie sich dank des schmaleren Rahmens im Vergleich zur Vorgängerin leichter über den gemäßigten Apehanger durch Wechselkurven dirigieren. Die Abstimmung ist äußerst kommod geraten, dennoch braucht es eine gehörige Portion Mut, damit die bequemen Trittbretter mit 3 Grad mehr Schräglagenfreiheit jetzt erst bei 28 Grad in Kontakt mit dem Untergrund kommen.

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Massen-Phänomen

Verzögert wird die Masse von einem Vierkolben-Festsattel an einer Einzelscheibe vorne sowie einem neuen Zweikolben-Schwimmsattel an einer Einzelscheibe hinten. Wer richtig verzögern möchte, muss schon kräftig am Hebel ziehen und – gemäß amerikanischer Verzögerungstaktik – auch die Fußbremse bis zum Eingreifen des ABS einsetzen. Zum Ablesen der Geschwindigkeit muss der Blick gesenkt werden, bis das runde Kombiinstrument auf dem Tank in Sicht kommt. Ein integriertes Digitaldisplay informiert wahlweise über Kilometerstände, Drehzahl und Verbräuche, eine Tankanzeige in Balkenform ist immer sichtbar. Bei der Heritage Classic darf sich der Käufer neben dem LED-Hauptscheinwerfer außerdem über zwei LED-Nebelscheinwerfer, eine automatische Blinker-Rückstellung und einen USB-Anschluss im Bereich des Lenkkopfs freuen.