Ducati Multistrada 1260 S

Ducati Multistrada 1260 S


Multiple Persönlichkeit

Ducati hat sein Multistrada-Konzept breiter aufgestellt und kommt mit der neuen 1260 S den Reisefreunden entgegen.

Als Ducati seine erste Multistrada im Jahre 2010, damals noch als 1200er, präsentierte, wollten die Italiener das ultimative 4-in-1-Motorrad auf die Räder gestellt haben. So ganz ist ihnen das nicht gelungen, denn Leistung alleine und eine tolle Ausstattung genügen nicht, um bei den großen Reiseenduros eine wichtige Rolle zu spielen. Ausgewogenheit, Praxistauglichkeit und Komfort sind mindestens ebenso wichtig, und da war das „Juwel aus Borgo Panigale“ nun doch noch nicht so weit. 

Familien-Zuzug

In der Zwischenzeit haben die Ducati Marketing-Strategen nachgelegt und das italienische Multitool-Konzept über Modellvarianten verfeinert: Für Einsteiger gibt’s den Allrounder Multistrada 950, wer mehr ins Gelände möchte, wählt die Multistrada 1200 Enduro oder die Multistrada 1200 Enduro Pro. Doch dazwischen klafft eine Lücke, die die 1260er mit einer tiefgreifenden Modellüberarbeitung gegenüber der Vorgängerin nun füllen soll. Sicherheitshalber haben die Italiener dann gleich vier Modellvarianten davon aufgelegt, wie sie es schon in der Vergangenheit hatten: Die Basisversion Multistrada 1260 kommt mit LCD-Bildschirm und herkömmlichem Fahrwerk, die hier gefahrene S-Version unterscheidet sich davon durch das semiaktive Fahrwerk, ein TFT-Cockpit, das adaptive Kurvenlicht, eine stärkere Bremsanlage und den serienmäßigen Schaltassistenten. Auch das Ducati Multimedia System zur Kopplung mit dem Smartphone gehört dazu. Während die Basis 16.990 Euro kostet, muss für die 1260 S in Rot 19.390 Euro hingelegt werden, in Grau oder Weiß sind es nochmals 200 Euro mehr. Die S-Ausstattung gibt es auch als D-Air-Version, die zusätzlich die Dainese-Airbag-Integration für 20.090 Euro zu bieten hat. Das Spitzenmodell Multistrada 1260 Pikes Peak zeichnet sich durch leichte Schmiederäder und ein herkömmliches Fahrwerk mit edlen Öhlins-Komponenten aus, Kostenpunkt: 23.990 Euro. 

Ducati Multistrada 1260 S 01

Typischer Look

Gegenüber der Multistrada 1200 fallen die optischen Unterschiede allerdings nicht sofort ins Auge, der Modellkonstanz wegen. Im Großen und Ganzen wahrt die Multistrada 1260 den bekannten Look mit dem kurzen Rabenschnabelfortsatz vorn und der langbeinigen Silhouette. Neu sind sportliche Y-Leichtmetallfelgen und ein modifizierter Kennzeichenträger mit kleinen LED-Blinkern, knappere Seitenteile an der Front lassen die Multi insgesamt ein wenig luftiger wirken. 

Neuer Desmo-Druck

Die wesentlichen Neuerungen befinden sich allerdings den Blicken verborgen unter der sportlich geschnittenen Verkleidung. Den typischen 90°-V-Zweizylinder mit Desmodromik und variablen Steuerzeiten DVT bringt ein längerer Hub bei gleicher Bohrung auf 1262 statt 1198 cm3 Hubraum, dafür waren intensive Eingriffe in das Triebwerk notwendig: Neue Pleuel, neue Zylinder und eine neue Kurbelwelle gehören samt Anpassungen bei Peripherie und DVT-System dazu. Der Papier-Effekt liest sich nicht sooo gravierend mit nun maximal 158 PS bei 9.750/min und einem Drehmomentgipfel von 129,5 Nm bei 7.500/min.

Italienische Fahrfreude

Doch die Wirkung in der Praxis ist beeindruckend: Nach der schlüssellosen Startprozedur wirft der Anlasser das Triebwerk an, das mit mechanisch rauer Geräuschkulisse die Arbeit aufnimmt. Spontan und gefühlvoll sorgt die neue Motorsteuerung für eine exakte Gasannahme bereits ab Standgas, auch die Übergänge zwischen Schub- und Schiebebetrieb fallen spürbar geschmeidiger aus. Gangsensitive Kennfelder machen sich offensichtlich in hoher Laufkultur bezahlt und lassen Spitzkehren gelassen im zweiten Gang bei Drehzahlen um 2000 Touren bewältigen. Das neue Triebwerk liefert in jedem Drehzahlbereich eine satte, bestens nutzbare Leistung, und man merkt ihm an, dass ab 3000 U/min stets mehr als 100 Nm Drehmoment parat stehen. Ab 3500 U/min breitet sich sogar ein Drehmomentplateau von mehr als 122 Nm aus und verhilft der 1260er zu einem wunderbar gleichmäßigen Vorwärtsdrang. Dass im Gegenzug die Leistungsabgabe ab 6000 U/min weniger spektakulär erfolgt, nimmt man dafür gerne in Kauf. Obwohl diese Charakteristik Schaltfaule begünstigt, freut sich der Multi-Treiber geradezu auf Gangwechsel. Denn der überarbeitete Schaltautomat Ducati Quick Shift Up & Down und das mit kürzeren Schaltwegen versehene Schaltgestänge lassen die Gänge äußerst geschmeidig ohne Kupplung wechseln – rauf und runter, versteht sich. 

Ducati Multistrada 1260 S 03

Souveränes Kurvenspiel

Den ausgewogenen Motortugenden haben die Fahrwerksentwickler ein adäquates Pendant zur Seite gestellt. Mit längerer Einarmschwinge, flacherem Lenkkopf, sechs Millimeter längerem Nachlauf und daraus resultierend mehr Radstand fährt die Multistrada 1260 neutraler und insgesamt ausgewogener. Präzise sticht sie nun in die Kurven, der Souveränität ist aber ein Jota Agilität geopfert. Nichtsdestotrotz darf die 1260er für sich in Anspruch nehmen, der leichtfüßigsten Gruppe unter den großvolumigen Reiseenduros anzugehören. Ihren Teil zum Wohlfühlarrangement trägt auch die sportliche, aber nicht unbequeme Integration des Fahrers bei. Recht nah am Vorderrad mit aufrechtem Oberkörper und moderaten Kniewinkeln hat er die Multistrada 1260 wahlweise in 825 oder 845 Millimeter Sitzhöhe gut im Griff. Leider ist die Höhenverstellung um zwei Zentimeter nur mit Werkzeug möglich. Schalter und Hebel am Lenker liegen dort, wo man sie erwartet, bei Nacht hilft eine Hinterleuchtung das Erkennen der Funktionen. 

Elektronik-Tricks

Zur S-Version gehört serienmäßig das Ducati Skyhook Suspension (DSS) Evolution System mit semiaktiv gesteuerter Dämpfung der Sachs-Federelemente. Die Grundabstimmung ist nun spürbar komfortabler geraten, was die Multi auf wenig perfekten Straßenverhältnissen komfortabler macht. Wer ihr indes die Sporen gibt, sollte die Dämpfung elektronisch nachjustieren. Dies ist problemlos möglich in den vier zur Verfügung stehenden Fahrmodi Enduro, Urban, Touring und Sport über das logischer aufgebaute Menü im TFT-Instrument. Das gilt gleichfalls für die mit dem Riding Mode vorgegebenen Einstellungen der achtfach justierbaren Traktions- und Wheeliekontrolle wie auch der dreistufigen Motorcharakteristik. 

Ducati Multistrada 1260 S 13

Stoppt wie Hulle

Auch das Bremsverhalten ist einstellbar in drei vorkonfigurierten Modi: Level 1 maximiert die Offroad-Tauglichkeit durch eine ausgeschaltete Hinterrad-Abhebeerkennung, das ABS wirkt nur auf das Vorderrad – diese Einstellung ist im Enduro-Modus hinterlegt. Level 3 optimiert im Touring- und Urban-Modus die Kombibremsfunktion mit stark eingreifender Lift-up-Erkennung und sicherheitsorientierter Kurvenbremsfunktion. Level 2 arbeitet ohne Lift-up-Erkennung, aber mit ABS-Kurvenfunktion bei minimierter Kombibremse. Im Fahrmodus „Sport“ und zusätzlich mehr Dämpfung holen die beiden 330er-Bremsscheiben mit radial montierten Brembo M50 Monobloc Vierkolben-Festsätteln samt Radialpumpe das beste Verzögerungsniveau heraus.

Ausstattungs-King

Unverändert aufwändig ist die Ausstattung der 235 Kilogramm schweren Multistrada S, die neben den elektronischen Assistenzsystemen Kurven-ABS, Traktions- und Wheelie-Kontrolle einen Tempomaten, einstellbare Hebeleien. eine Berganfahrhilfe, Voll-LED-Licht samt adaptivem Kurvenlicht und eine automatische Blinkerrückstellung bietet. Tourenfreunde kommen trotzdem nicht um das 1.069 Euro teure Touring-Paket herum. Das bietet sehr gut integrierte Hartschalenkoffer, feine Heizgriffe und einen Hauptständer.