Kawasaki H2 SX SE

Kawasaki H2 SX SE


Fröhliches Zwitschern

Kawasaki kombiniert seine Kompressor-Technik mit tourensportlichen Attributen im Technologieträger Ninja H2 SX SE.

Neue Modelle sind normalerweise das Ergebnis jahrelanger Untersuchungen und intensiver Kundenbefragungen. Im Falle der Kawasaki H2 SX war das angeblich nicht so, vielmehr erzählte Projektleiter Hiroyuki Watanabe eine erfrischende Story: Als er mit einer Gruppe Kawa-Ingenieure durch Deutschland tourte, wurde er auf der Autobahn von einer Gruppe Porsches überholt trotz eines sehr ambitionierten Tempos. „Das wollte ich nicht nochmal erleben“, so der Entwickler, und begab sich an die Idee des „schnellsten Sporttourers auf der Autobahn.“

Techno-Mix

Und dafür haben sie bei den Grünen genau die richtige Technologie im Köcher: Den Kompressor aus dem Mega-Sportler H2. Doch Watanabe nimmt nicht einfach die vorhandene Basis und steckt sie in das Fahrwerk aus dem Tourensportler Z 1000 SX, das wäre nicht nur zu einfach sondern würde auch dem Einsatzgebiet nicht gerecht – die H2 ist zu extrem, als dass sie sich für den normalen Landstraßeneinsatz zähmen ließe. 

Im Wissen um die Stärken der H2, die zugleich ihre Schwächen sind, hat Watanabe-San ein komplett neues Aggregat geschaffen, auch wenn das Konstruktionsprinzip des Reihenvierzylinders und wesentliche technische Daten wie Zylinderbohrung, Hub und damit der Hubraum von 998 Kubikzentimetern zwischen H2 SX und H2 identisch sind. Aber alle Motorenkomponenten wurden komplett neu entwickelt: So sind die Kolben, der Zylinderkopf, der Lufteinlass mit den Drosselklappen, die Kurbelwelle, die Ventile und auch die Auspuffanlage speziell für die H2 SX entworfen. Ansaug- und Auslasskanäle wurden modifiziert, die Steuerzeiten angepasst. Und natürlich ist die Kompressoreinheit neu gezeichnet mit einem angepassten Verdichterrad, dessen Schaufeln für mehr Luftdurchsatz bei geringeren Drehzahlen geändert wurden.

Kawasaki_Techno-mix

Zahlenwerk

Unterm Strich soll der Reihenvierer eine ähnliche Leistung wie die Basis-H2 aus seinem Hubraum von 998 Kubikzentimeter holen bei 200 PS bei 11.000/min und ein minimal höheres Drehmoment mit 137 Nm bei 9.500/min leisten. Der Kompressor wird übrigens über ein Planetengetriebe mit einer Übersetzung von 9,2 von der Kurbelwelle angetrieben – das Verdichterrad dreht also bei der Maximaldrehzahl mit etwa 100.000 Touren. Die Verdichtung des SX-Motors ist mit 11,2 deutlich höher als die des H2-Aggregats mit 8,5, das optimiert die Aufladung im unteren und mittleren Drehzahlbereich, was die souveräne Kraftentfaltung bewirkt und den Kraftstoffverbrauch reduzieren soll, da der SX-Antrieb niedriger dreht als ein Saugmotor bei vergleichbarem Output.

Druck im Kessel

Und souverän ist der richtige Begriff für diesen Hammer. Zwar stehen drei Motormodi zur Verfügung, die die Leistung bei entsprechend zunehmend aggressiver Charakteristik mit 50, 75 und 100 Prozent darbieten. Aber die intensiven Eingriffe in den Antrieb inklusive angepasster Übersetzungen des Sechsganggetriebes zähmen die Kraftquelle einsatzgemäß. Aber natürlich will man wissen, wie sich der Kraftprotz bei „100%“ gibt. Der erste Eindruck: Erstaunlich gelassen. Schon bei niedrigen Drehzahlen hängt der Four sauber am Gas und lässt sich prima dosieren. Von der Kratzbürstigkeit und Unwilligkeit der H2 ist die SX definitiv geheilt. Ab der Drehzahlmitte geht die Post ab, und das in einem Maße, wie man es bislang nicht kennt: Machtvoll schiebt die Grüne voran, im Gegensatz zu einem herkömmlichen Saugmotor geht der SX-Motor nicht nur unten und in der Drehzahlmitte gewaltig zur Sache, vor allem oben herum begeistert das Triebwerk mit Schub, Schub und nochmals Schub – der Druck will selbst an der Roten Linie bei 12.000 Umdrehungen kein Ende nehmen, schön im Cockpit visualisiert durch die drei mit zunehmendem Aufladedruck nacheinander aufleuchtenden Boost-Anzeigen. Neben dem optischen und sensitiven Eindruck macht ein akustischer das einmalige Erlebnis komplett: Markantes Kompressorzwitschern dringt aus dem Ansaugtrakt und untermalt den einzigartigen Sound der H2.

Viel mehr als nur Kompressor

Doch die neue Kawasaki auf ihren zugegeben außergewöhnlichen Antrieb zu reduzieren, würde ihr nicht gerecht. Denn die H2 SX hat mehr zu bieten. Beispielsweise eine gewaltige Präsenz, die sie ihrem markanten Auftritt verdankt: Wo immer diese aggressive Schnauze mit den beiden Ansaugschlünden neben dem zyklopenartigen Projektionsscheinwerfer im Rückspiegel auftaucht, ist Platz machen angesagt. Für einen Tourensportler ist das Überholprestige geradezu unglaublich, der Tourenkomfort dagegen nur durchschnittlich. Sportliche Kniewinkel und der bauchige Tank engen etwas ein, doch hinterm Lenker können auch Größere mit relativ aufrechtem Oberkörper und innigem Gefühl zum Motorrad ihren Spaß finden. Die Ergonomie fällt sportlich aus, der gute Windschutz kann dagegen voll überzeugen.

Kawasaki_Kompressor

Fahraktiv

Trotz ihrer samt Serien-Hauptständer 260 Kilogramm kann die Kawa auch Landstraße. Hier überzeugen die USD-Gabel wie auch das Zentralfederbein mit feinem Ansprechverhalten und guter Dämpfung, die auch vernachlässigten Untergründen seinen Schrecken nimmt. Das selbstverständlich ebenfalls neu entwickelte Fahrwerk mit dem gegenüber der H2 versteiften Gitterrohrrahmen und der längeren Einarmschwinge vermittelt eine unbeirrbare Solidität, störrisch zu sein. Viel Vertrauen kommt durch das neutrale Fahrverhalten zustande, akkurat, aber mit ein wenig Einsatz sind Richtungswechsel mühelos machbar. Aber natürlich mag die SX eher die größeren Radien, je enger, desto mehr wird der Fahrer gefragt. Und wird’s doch mal zu schnell, kümmern sich die famosen Radialzangen um die Verzögerung – nüchtern, sauber dosierbar und äußerst effektiv sorgen sie zusammen mit einem spät regelnden Kurven-ABS jederzeit für Halt.

Technik-Features

Als erste Kawasaki erfreut die H2 SX in der edel ausgestatteten SE-Version mit einem gut ablesbaren TFT-Display. Zahlreiche Einstellmöglichkeiten im Bordcomputer-Menü für Traktionskontrolle, Launch Control, Tagfahrlicht, Quickshifter, und, und, und unterstreichen den hochwertigen Ansatz. Neben dem TFT unterscheidet sich die SE von der normale H2 SX durch einen Blipper, den Hauptständer, das adaptive Kurvenlicht, eine Launch Control und hübschere Felgen. Tourenfreunde freuen sich über die praktikablen, im Handumdrehen demontierbaren optionalen Koffer.

Kawasaki H2_Technik-Features