Vergleichstest Harley-Davidson Dyna Wide Glide, Kawasaki VN1700 Classic und Victory Vegas Jackpot

Vergleichstest Harley-Davidson Dyna Wide Glide, Kawasaki VN1700 Classic und Victory Vegas Jackpot


Tieflader: 6 Zylinder und 3.615 Kubik verteilt auf 3 Mopeds

Harley Davidson Dyna Wide Glide und Kawasaki VN1700 Classic stellen sich der Victory Vegas Jackpot. Alteingesessen gegen den neuen Nachbarn sozusagen. Und die Vegas Jackpot ist noch dazu ein schillernder Neuling. Die Victory versucht erst gar nicht einen auf klassisches Cruiserdesign zu machen. Die Vegas Jackpot sieht aus wie frisch vom Customizer in die Mangel genommen. Aufwändige Effektlackierung, tolles Felgendesign, klasse gestreckte Optik. Next Topmodel wird eindeutig die Vegas Jackpot. Aber wir wollen ja fahren und nicht betrachten.

Fakten

Kaum zu glauben, aber die Harley-Davidson Dyna Wide Glide hat mit 1.584 ccm den kleinsten Hubraum. Die Kawasaki VN1700 Classic bringt es auf glatte 1.700 ccm und die Victory Vegas Jackpot schießt mit 1.731 ccm den Vogel ab. Dies drückt sich entsprechend in den Leistungsdaten aus: 89 PS und 140 NM Drehmoment lässt die Vegas Jackpot auf den Fahrer los. Die VN1700 Classic bringt es auf 74 PS und 135 NM, die Dyna Wide Glide hat 78 Pferdchen und 126 NM. Leistung und Drehmoment sind auch bitter nötig, denn alle 3 Modelle gehören zur vollschlanken Gattung der 2-Räder: bei der VN bleibt der Zeiger der Waage erst bei 349 kg (fahrbereit) stehen. Für ein unverkleidetes Motorrad wohlgemerkt. Victory gibt für die Vegas ein Trockengewicht von 296 kg an. Die Dyna Wide Glide mimt mit einem Trockengewicht von 295 kg den Askethen. Sowohl für die Victory als auch die Harley-Davidson gilt: vollgetankt knacken beide die 310 kg locker. Soviel Motorrad hat natürlich seinen Preis. Die Kawasaki VN1700 Classic kommt auf 13.195 Euro. Die Harley-Davidson Dyna Wide Glide startet bei 14.795 Euro, die hier getestet Version mit Flammenlackierung kommt auf 15.955 Euro. Victory verlangt für die Vegas Jackpot 17.990 Euro, der Aufpreis zur Standard Vegas beträgt 3.000 Euro.

Vergleich Harley-Davidson, Kawasaki, Victory 02

Eindruck

Selten wurde ein im Grunde genommen gleiches Konzept unterschiedlicher interpretiert als in diesem Vergleichstest. Die Vegas Jackpot zieht mit Sicherheit die meisten Blicke auf sich. Abseits von aller Aufregung bietet sie einen bequemen und vor allem tiefen Sitzplatz: gerade 653 mm sitzt man über der Straße. Der Sitzmulde ist straff gepolstert und bietet dem unteren Rücken sogar etwas Halt. Insgesamt sitzt man tief und lang, die gestreckte Optik wirkt sich auch auf den Fahrer aus. Auch die Harley-Davidson sorgt mit der Flammenlackierung für den einen oder anderen verdrehten Hals. Obwohl sogar 1cm länger, sitzt es sich auf der Dyna Wide Glide kompakter. Der Fahrersitz sitzt bequem aber mit 680 mm nicht ganz so tief wie der der Jackpot.

Harley-Davidson Dyna Wide Glide 01

Der Lenker der Wide Glide ist etwas weiter vorne platziert und könnte etwas breiter sein. Zusammen mit den weit vorne montierten Fußrasten ergibt sich eine etwas extremere Sitzposition als auf der Victory. Nachteil: der Fahrer sitzt bei längerer Fahrt auf der Wide Glide etwas hilflos im Wind, der Rücken erfährt keinerlei Unterstützung, was auf Dauer ermüdend ist. Die VN1700 Classic hat was die Optik betrifft, leider etwas das Nachsehen. Zwar bringt auch sie jede Menge Chrom mit, aber gegen den Auftritt dieser Konkurrenz reicht das nicht. Insgesamt wirkt die Kawasaki braver. Die Sitzhöhe ist mit 720 mm am höchsten, auch wenn man tatsächlich alles andere als hoch sitzt. Sitzposition ist cruisertypisch, aber deutlich entspannter als bei der Harley und der Victory. Der Fahrersitz ist ein ausgewachsener und weich gepolsterter Sattel, der auch nach vielen Stunden noch bequem ist.

Unterwegs

Aufsitzen, Zündung an und auf den Knopf drücken. Bereits hier gehen die Kontrahenten getrennte Wege. Die Dyna Wide Glide hat das Zündschloss auf der Tankkonsole. Wobei das eigentlich Zündschloss ein großer Schalter ist, der durch den Schlüssel entsperrt wird. Den Schlüssel braucht man dann auch erst wieder, wenn der Schalter gesperrt werden soll. Nachteil: vergisst man den Schalter zu sperren, haben Langfinger leichtes Spiel. Auch die VN1700 hat ein ähnliches Prinzip, der Schlüssel gibt einen Drehschalter für die Zündung frei und kann dann abgezogen werden. Allerdings sperrt dieser Schalter automatisch wieder in der Off-Stellung und man braucht zum Starten wieder den Schlüssel. Der Victory ist dies alles zu banal. Sie hat das Zündschloss auf der linken Seite im Zylinder-V. Damit hat es sich dann auch. Druck aufs Knopfchen und die Motoren gestartet. Die Soundwertung geht ganz klar an die Harley-Davidson. Schon im Stand massiert die Wide Glide die Seele, beim Beschleunigung öffnet sich die Auspuffklappe und die Harley bollert frei aus den Rohren. Victory und Kawasaki sind da schon zurückhaltender. Auch die Vegas Jackpot und die VN1700 Classic haben eine feinen V2-Sound, allerdings fehlt bei beiden das Bollern. Sie klingen einfach eine ganze Klasse braver als die Dyna Wide Glide.

Kawasaki VN1700 Classic 02

Mit einem lauten Klock legen alle Maschinen den ersten Gang ein. Und jetzt schlägt die Stunde der Vegas Jackpot. Was Leistung und Performance betrifft, lässt sie sowohl die Harley-Davidson als auch die Kawasaki hinter sich. Egal ob volle Beschleunigung oder Durchzug, der Vegas Jackpot kann weder die Wide Glide noch die VN1700 das Wasser reichen. Dabei hängt speziell die Harley-Davidson ebenfalls hervorragend am Gas und bietet Druck in allen Lagen. Der gute Sound verstärkt diesen Eindruck noch. Man hat nie den Eindruck mehr Leistung zu benötigen. Lediglich im direkten Vergleich mit der Victory fällt deren noch bessere Performance auf. Die VN1700 Classic hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Auch bei ihr geht das Gebotene völlig in Ordnung, aber schon die Dyna Wide Glide lässt die Kawa hinter sich. Von der Vegas Jackpot ganz zu schweigen. Zum einen muss die VN schon einen Zentner mehr Eigengewicht schleppen, zum anderen scheint die Übersetzung insgesamt zu lang gewählt. Bei der Kawa scheint alles in Watte gepackt zu sein.

Fahrwerk

Hier schlägt jetzt die Stunde der Kawasaki VN1700 Classic. Einmal in Fahrt wirft sie einen Großteil ihres Gewichts ab. Speziell im Vergleich zur Vegas und Wide Glide ist das Handling der VN geradezu spielerisch. Die Kawa lässt sich unglaublich einfach bewegen und bietet dabei ein Maximum an Komfort. Dies ist vor allem auf schlechterem Belag ein großer Vorteil. Zwar schwingt die VN1700 nach Bodenwellen ordentlich nach, hält dabei aber die Spur und schlägt vor allem nicht durch. Dazu hat sie als einzige eine Doppelscheibe am Vorderrad und dazu noch serienmäßig ABS. Die Bodenfreiheit ist zwar nicht hoch, aber insgesamt kann man gut damit leben und es lässt sich beschwingt durch die Kurven wuseln. Die Grundabstimmung der Dyna Wide Glide ist ähnlich. Auch sie ist komfortabel und schwingt schnell auf Bodenwellen nach. Dann ist es aber mit den Gemeinsamkeiten zur VN schon vorbei. Die Harley-Davidson ist leider viel schwammiger im Fahrverhalten, die Federelemente schlagen sogar gelegentlich durch. Dazu kommt die viel zu geringe Bodenfreiheit. Schon bei geringer Schräglage kratzen die Fußrasten über den Asphalt, rechts herum gesellt sich kurz darauf auch noch der Schalldämpfer dazu. Um befriedigende Bremswirkung zu erzielen, muss zwingend Vorder- und Hinterradbremse betätigt werden.

Victory Vegas Jackpot 04

Auch dann ist die Verzögerung alles andere als brutal. Ein ganz anders Bild hinterlässt die Vegas Jackpot. Die Abstimmung ist straff, das Handlich störrischer als auf der Harley und der Kawa. Hier muss dem 250er Hinterreifen Rechnung getragen werden. Die Victory will immer mit Nachdruck in Schräglage befördert werden. Dafür hält sie dank strafferer Abstimmung stabil die einmal eingeschlagene Linie bei. Nach kurzer Eingewöhnung lässt sich die Vegas erstaunlich flott bewegen. Auch die Schräglagenfreiheit ist deutlich besser, dafür bietet die Vegas Jackpot deutlich weniger Komfort. Bei den Bremsen reicht auch die Victory nicht an die VN1700 Classic heran, kann sich jedoch vor der Dyna Wide Glide platzieren.