Aprilia SMV 750 Dorsoduro

Aprilia SMV 750 Dorsoduro


Play Hard

Mit der Aprilia SMV 750 Dorsuduro kommt jetzt ein Motorrad nach Deutschland, dass die Supermoto-Konkurrenz ins Schwitzen bringen wird. Denn neben der Optik stimmt auch das Leistungsvermögen. Und richtig Spaß macht ein fast unschlagbarer Preis.

„Das ist kein Bike für Anfänger“, verkündet Francesco Polimeni mit ernster Stimme. Na gut, das flößt mir noch nicht den Respekt ein, den der Aprilia-Marketing-Mann vielleicht bei der versammelten Journalisten-Gilde hervorrufen will. Also schiebt Francesco nach: „Das ist kein Bike für die Fahrt zum Date mit der Freundin.“ Schade, denke ich mir, denn Frauen stehen eigentlich auf heiße Motorräder – und deren Besitzer. Aber geschenkt, ich bin ohnehin verheiratet. Dann kommt der Italiener zum Punkt: „Das ist ein Bike für richtige Männer, allein für den persönlichen Spaß, ein Motorrad zum Austoben.“ Jetzt werde ich hellhörig, sollte sich die lange Reise zur Präsentation des Supermoto-Fegers SMV 750 Dorsoduro doch gelohnt haben?

Männer-Mopped

Die lieben Kollegen aus England, die mir auf unserer ersten Testfahrt entgegenkommen, scheinen Franceso Polimeni beim Wort zu nehmen. Entweder sie bewegen sich nur auf dem Hinterrad fahrend vorwärts oder greifen derart in die Eisen, dass auf dem Asphalt schwarze Linien gezogen werden, die zur Markierung eines Basketballfeldes ausreichen würden. Die scheinen alle keine Freundin zu brauchen. Dabei ist die Dorsoduro deutlich mehr als nur ein Motorrad für Möchtegern-Stuntfahrer, die nur auf Leistung, giftige Bremsen und lange Federwege stehen. Denn die Aprilia erfreut auch das Auge. Geradezu filigran wirkt die 750er von hinten mit dem geteilten Endtopf aus Edelstahl, der quasi das Heck bildet. Die Schlitze in den Aluabdeckungen des Auspuffs sehen aus wie die Kiemen eines Haifisches – sehr aggressiv also. Auch die Schwinge am Hinterrad ist ein Hingucker, genauso wie die Scheinwerfereinheit mit dem schmalen, senkrecht aufgestellten Abblendlicht. Nicht nur nützlich, sondern auch noch stilistisch gelungen sind die Handprotektoren, die den Eindruck erwecken, als hätte man dem 905 Millimeter breiten Lenker Flügel verliehen.

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Baukasten-Prinzip

Völlig austoben durften sich die Designer dennoch nicht. Auch wenn rund 65 Prozent aller Bauteile zwischen der Dorsoduro und dem Schwestermodell Shiver 750 unterschiedlich oder wenigstens überarbeitet sind, so kommen unsereinem zahlreiche Bauteile doch sehr bekannt vor. Schließlich gilt auch bei Aprilia das Baukastenprinzip, welches die Mutterfirma Piaggio zur Perfektion getrieben hat. Die Rahmenkonstruktion, die Bremsanlage, das Sachs-Federbein, selbst die Cockpit-Instrumente sind identisch mit denen der Shiver. Und die elegante, goldfarben eloxierte Upside-Down-Gabel mit 43er Gleitrohren kennen wir aus der Aprilia Mana – für die Dorsoduro in Federvorspannung und Zugstuge einstellbar und mit einem ordentlichen Federweg von 160 mm ausgestattet. Sogar der Motor, ein flüssigkeitsgekühlter 90-Grad-V2 mit zwei obenliegenden Nockenwellen, ist, zumindest was die Eckdaten wie Bohrung und Hub sowie das Verdichtungsverhältnis anbelangt, mit dem der Shiver identisch. Allerdings auf 91 PS abgesoftet, was mittels Eingriff in die Motorelektronik erreicht wurde. Musste sich die Shiver noch Kritik wegen eines nicht optimalen Ansprechverhaltens bei der Gasannahme gefallen lassen, so arbeiten die elektronisch gesteuerten Drosselklappen bei der Dorsoduro optimal. Schon beim leichtesten Dreh am Gasgriff spürt man, dass die Supermoto nichts am Fleck hält.

Dabei kommt der Vortrieb nicht unvermittelt, sondern gleichmäßig und beherrschbar – aber dennoch mit Macht. Selbst in engsten Kurvenkombinationen kommt der V2 nicht ins stottern, jeder Gasstoß wird ohne Murren in Beschleunigung umgesetzt. Gerade Fahrer, die nur selten auf einem V2 sitzen und eher Vierzylinder-Bikes gewohnt sind, werden begeistert sein von der Geschmeidigkeit des Motors. Und Zweizylinder-Freaks, denen diese Art des technischen Fortschritts zu weit geht, können selbst Einfluss nehmen auf die Charakteristik der Leistungsentfaltung. Auch bei der Dorsoduro vertrauen die Aprilia-Techniker ihrem Drive-by-Wire-Einspritzsystem, gegenüber der ersten Shiver-Version in einer deutlich verbesserten Ausbaustufe. Dabei hat der Fahrer die Möglichkeit zwischen drei Fahrmodi zu wählen: Sport, Touring und Regen. Der Unterschied liegt im Ansprechverhalten des Motors auf Gasgriff-Impulse. In der Endleistung gibt es dabei kaum Unterschiede, je nach Modus wird aber die Drehzahl beschnitten bzw. die Drosselklappenstellung verändert. Touring reicht eigentlich völlig aus, um flott und fahraktiv unterwegs zu sein, in der Einstellung Sport zeigt die 750er ihr wahres Gesicht, aggressiv und angriffslustig. Hier wären Anfänger wirklich überfordert, oder sie sind ausschließlich im langweiligen Regenmodus unterwegs. Aber wer fährt mit einer Dorsoduro schon im Regen?

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Kein Sportgerät

Wobei erwähnt werden sollte, dass der V2 kein reines Supermoto-Sportgerät ist. Dagegen sprechen die knapp 210 Kilo Fahrgewicht, die für einen Sportler recht komfortable Abstimmung der Federelemente und auch die entspannte Sitzposition auf dem schmalen Polster hinter dem lediglich 12 Liter fassenden Tank. Teilweise kommt man sich wie auf einer schicken Reise-Enduro vor, weil auch die Fußrasten nicht schon von vornherein zu einer verkrampften Haltung zwingen, alle Hebeleien leicht erreichbar und individuell einstellbar sind, und die radialen Vierkolbenbremssättel kräftig, aber nicht unkontrollierbar in die beiden Wave-Bremsscheiben greifen. Zudem bietet Aprilia ein reichhaltiges Zubehörprogramm inklusive Koffersystem mit Softbags an. Ein weiteres Argument stellt Aprilia mit dem Preis bereit. Für rund 8600 Euro bekommt man bei anderen Herstellern gerade einmal eine einzylindrige Supermoto für den Straßengebrauch. Vielleicht rufe ich doch noch zuhause an und verabrede mich zu einem Date.

Text & Fotos: Norbert Meiszies

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