Kawasaki 1400GTR 2009

Kawasaki 1400GTR 2009


ICE auf zwei Rädern

Mit der Kawasaki 1400GTR haben die „Grünen“ endlich einen ordentlichen Powertourer im Programm. Während die Konkurrenz beispielsweise mit der Yamaha FJR 1300 seit längerem Erfolge feiert, hat Kawasaki jetzt nachgelegt. Die Kawa ist eine durchaus mächtige Erscheinung, speziell wenn die serienmäßigen Koffer montiert sind. Aber wie lässt sich die 1400GTR bewegen?

Früher war alles besser! So hört man zumindest oft. Bei Motorrädern darf man dies mit Sicherheit hinterfragen. Bei der Kategorie Tourer kann man es blind unterschreiben. Früher waren Tourer schwer und unhandlich, dafür aber bequem. Touren war ein Synonym für – sagen wir mal – gemütlich fahren. Im Hinblick auf die Kawasaki 1400GTR kann man folgendes feststellen: einiges ist geblieben, vieles hat sich geändert.

Weniger Leistung – mehr Kraft!

Die 1400GTR basiert technisch auf der ZZR1400, wobei der Motor auf Toureransprüche angepasst wurde. Dieser wurde in der Spitzenleistung zugunsten eines günstigeren Drehmoments reduziert. Wobei der Begriff „Reduzieren“ bei einer Leistung von 155 PS sicher relativ ist. Ebenfalls beeindruckend ist das Drehmoment von 136 Nm. In Realität bedeutet dies: es liegt immer und überall Leistung, Druck, Power im Überfluss an. Der 4-Zylinder der Testmaschine läuft dabei kultiviert, aber etwas rau. Was ihn nur sympathischer macht. Die Kraft wird über ein 6-Ganggetriebe übertragen, wobie der 6. Gang als Overdrive ausgelegt ist. Das Getriebe lässt sich sehr verlässlich aber auch etwas hakelig bedienen. Die ganze Sache hat natürlich auch ein Gewicht. Hier blieb alles beim alten: mit einem Gewicht von 308 kg ist die Kawasaki 1400GTR der Tradition treu geblieben, dass es auch mal etwas mehr sein darf.

Verdoppelung der Schließgewalten

Die 1400GTR bringt serienmäßig Koffer und ein elektrisch verstellbare Scheibe mit. Diese kann per Schalter stufenlos nach oder unten bewegt werden. Die Verstellung ist auch während der Fahrt möglich und reicht von „Winddruck auf den Schultern“ bis zur vollkommenen Entlastung des Oberkörpers. Dann strömt der Fahrtwind allerdings direkt auf den Helm, was die Sache recht laut werden lässt. Ein weiteres Ausstattungsmerkmal ist das so genannte KIPASS. Im wesentlichen ist es der Versuch, das aus Automobilen bekannte „Keyless-Go“ auf das Motorrad zu übertragen. Das heißt, dass der etwa Streichholzkästchen große Sender in der Hosentasche bleibt, vom Motorrad erkannt wird und die Zündung frei gibt und man dann den „stationären Schlüssel“ im Zündschloss drehen kann. Dies funktioniert zuverlässig und ist eine feine Sache. Tankklappe und Koffer müssen allerdings weiterhin per Schlüssel geöffnet werden. Wofür man eben den Gnubbel aus dem Zündschloss oder den von der Fernbedienung benutzen kann. Dieser Schlüssel steckt im Sender und muss dafür erstmal raus gezogen werden, was recht fummelig ist. Alles in allem für mich kein wirklicher Fortschritt. Dafür sind die Koffer praktisch und lassen sich auch spielend leicht abnehmen. Dann wirkt die Kawasaki 1400GTR zudem überhaupt nicht mehr so klobig. Allerdings fällt dann auch der scheinbar unendlich lange Auspuff ins Auge. Mir hat die Kawa mit Koffern besser gefallen, aber egal.

Kawasaki 1400GTR Bild 8

Bits und Bytes

Genug der Theorie, jetzt geht’s an die Praxis. Erstmal Platz nehmen. Die Sitzbank bietet ordentlich Sitzfläche, der Lenker liegt gut zur Hand. Zusammen mit den in moderater Höhe angebrachten Fußrasten ergibt eine nicht ganz aufrechte, sehr bequeme Sitzposition. Die Instrumente liegen gut im Sichtfeld, ein Bordcomputer ist ebenfalls dabei. Dieser lässt sich allerdings nur über einen Schalter zwischen den Instrumenten bedienen, zu dem man sich schon ein wenig strecken muss. Ein Schalter am Lenker wäre hier praktischer gewesen. Der Bordcomputer hinterlässt ohnehin einen spiespältigen Eindruck. Die Verbrauchswerte werden in KM/Liter angegeben - Liter/100 KM ist üblich. Die Restreichweite wird nach aktueller Stellung des Gasgriffs ermittelt – und schwankt damit ständig zwischen 100 KM und 250 KM Restreichweite. Wo man den Reifendruck und die Batteriespannung abrufen muss, habe ich auch nicht verstanden. Aber was soll’s, will ja fahren und nicht philosophieren. Zudem sorgten die Kawasaki Techniker bei Abgabe des Fahrzeugs für Aufklärung. Mittels Handbuch kann man das Cockpit von der japanischen Verbrauchsanzeige, die rechnen tatsächlich in Kilometer pro Liter auf die europäische Anzeige umstellen kann. Noch komplizierter wird’s bei den Amis. Die Rechnen in Miles per Gallon. Also Meilen pro Gallone. Naja, jedem das Seine.

Optimales Handling

Knöpfchen drücken, verlässlich springt die 1400GTR an. Erster Gang: klack und los geht’s. Trotz des Gewichts lässt sich die Kawasaki überraschend leicht bewegen. Der anfängliche Respekt vor Gewicht und Leistung ist schnell dahin. Bereits nach wenigen Kilometern hat man das Gefühl die 1400GTR seit Ewigkeiten zu kennen. Auf der Hausstrecke geht es daher auch gleich flott voran. Die erste enge Wechselkurve bringt dann auch gleich eine Überraschung: erst mit der linken und dann mit der rechten Fußspitze Bodenkontakt hergestellt. Dabei ist es nicht so dass die Kawasaki 1400GTR ultraschnell aufsetzt, es ist einfach die Kombination aus sehr schnellem Vertrauen in das Motorrad und bekannter Strecke. Kompliment an Kawasaki: einem solch schweren Hobel so feine Manieren anzuerziehen ist wirklich erste Sahne. Hier wurde klar mit der Tradition der guten alten Zeit gebrochen. Zum Glück!

Kawasaki 1400GTR Bild 18

Grinsebacken

Das Fahrwerk ist ein sehr gelungener Kompromiss zwischen Komfort und Sportlichkeit. Es lässt ein wirklich zügiges Landstraßentempo zu ohne ins Schlingern zu geraten. Auf der letzten Rille kommt natürlich einige Unruhe rein, aber einem Sportwagen wirft man ja auch nicht seinen kleinen Kofferraum vor. Dafür verwöhnt die 1400GTR auf Straßen 2. und 3. Ordnung mit einem sehr angenehmen Ansprechverhalten, wo Sportbikes ihren Reiter schon längst abgeworfen haben. Der Kawa ist dabei übrigens egal ob der Fahrer alleine oder zu Zweit unterwegs ist. Das Beifahrerplätzchen gehört wie der vordere Platz zur kommoden Sorte. Er (oder sie) sitzt etwas erhöht, was eine gute Übersicht für den Mitfahrer ergibt. Meine Testsozia war restlos begeistert, der Sitzplatz absolut langsteckentauglich und der Motor brannte sowohl Fahrer als auch Beifahrer(in) das Grinsen ins Gesicht.

Kawasaki 1400GTR Bild 59

Bahn frei – Der ICE kommt!

Habe ich zum Beginn dieses Tests nicht geschrieben „Tourer sind fürs gemütliche Fahren“? Sicher, geht auch. Problemlos sogar. Völlig unaufgeregt mit niedrigster Drehzahl dahingleiten. Überholen? Kurzer Dreh am Gasgriff und ein Lidschlag später ist es erledigt. Dazu den Windschild ganz nach oben fahren und man fühlt sich wie in die Kawa eingebettet. Aber die 1400GTR kann auch ganz anders. Die 152 Pferdchen stehen wirklich gut im Futter und sind allzeit bereit und abrufbar. Ob bei der flotten Landstaßenhatz oder auf der Autobahn. Leistung ohne Ende, der Anzug scheint nie zu enden. Und wenn doch, hochschalten und der Wahnsinn geht weiter. Dabei läuft die Kawa mit einem etwas rauen Unterton. Nix mit aalglattem Tourer, das Ding lebt und teilt dies auch mit. Nächster Gang, wieder Schub ohne Ende. Aber Obacht: schon im 3. Gang bewegt man sich dann lediglich auf der Autobahn im legalen Bereich. Natürlich spielt die 1400GTR auf der Autobahn alle Trümpfe aus. Hohe Leistung und guter Wetterschutz ermöglichen wirklich hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten. Dabei muss man sich nicht krampfhaft hinter der Verkleidung abducken. Einfaches Kopfeinziehen genügt. Die imposante Front der Kawa sorgt auch für freie Bahn. Selten haben mir die Kollegen in den Dosen auf der Bahn so brav Platz gemacht.