KTM 990 Super Duke

KTM 990 Super Duke


Und ewig lockt der Streetfight

Die Straße ist das Ziel, und KTM setzt mit der 990 Super Duke ein unübersehbares Zeichen. Gut möglich, dass stolze Besitzer herkömmlicher Naked Bikes nun bitterlich zu weinen beginnen.

Die österreichische Motorradschmiede KTM präsentiert das Zweizylinder-Modell 990 Super Duke und stellt damit das Gefüge der starken Zweizylinder-Roadster handstreichartig auf den Kopf. 120 PS und ein Trockengewicht von 179 Kilogramm lassen kaum mehr Fragen offen.

Herzstück

Das Herzstück der neuen 990 Super Duke ist der Motor. Das 75-Grad-V2-Aggregat wurde in Mattighofen entwickelt und in der großen Reiseenduro 950 Adventure vor knapp zwei Jahren zur Serienreife gebracht. Die Leistungssteigerung von respektablen 98 auf satte 120 PS erreichte man durch Erhöhung der Zylinderbohrung, neue leichte Kolben, verstärkte Zylinder, 48-Millimeter-Einlass, Optimierung von Brennraum und Kanalformen, neue Kurbel- und Nockenwelle, neue Auspuffanlage, eigens entwickelte Keihin-Einspritzung, doppelte Drosselklappen, Lambda-Sonden sowie durch elektronisches Motormanagement. High Performance, ganz klar. Selbst die für 2006 geplante Abgasnorm Euro 3 wird erfüllt, der geregelte Drei-Wege-Katalysator und das Sekundärluftsystem machen’s möglich. Doch erst das Fahrerlebnis lässt die wahren Dimensionen erahnen: Der nur 58 Kilogramm schwere Motor fährt sich linear wie ein Vergasermodell, locker, widerstandsfrei und allzeit beherrschbar. Ab 3.000 Umdrehungen lässt sich bedenkenlos und ruckfrei Gas geben, bei 5.000 kommt man so richtig zur Sache, und dann orgelt man den Motor bis knapp unter 10.000 Umdrehungen in den Begrenzer. Die Kraft will nicht enden, und man tut gut daran, die 120 Pferdestärken (und sich selber!) unter Kontrolle zu behalten. Höchstes Niveau! Der nächste Schritt ist der auf den gesicherten Rundkurs.

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Verzögerung

Was beschleunigt wird, will auch verzögert werden. Derartige Beschleunigung braucht ein gutes Gegenargument, und das liefern die beiden vorderen 320-Millimeter Bremsscheiben mit Vierkolben-Bremszange, Radialpumpe und jeweils vier Einzelbelägen. Brembo ist ein guter Partner. Selbst Unvorhersehbares kann uns da nicht mehr aus der Ruhe bringen, die glasklare Bremse würde selbst einem Hypersportler gut zu Gesicht stehen. Da kann man getrost darüber hinweg sehen, dass die Super Duke über keine radial montierten Bremssättel verfügt. Ein punktgenauer Stoppie lässt Nörgler verstummen. Damit die gewaltigen ansetzenden Kräfte auch gebührend auf die Straße gebracht werden, hat man den stabilen Gitterrohrrahmen mit einem extrem ausgewogenen und über einen weiten Bereich einstellbaren Fahrwerk gepaart. Die Kombination ist interessant: Das Fahrwerk ist etwas Neues und Eigenständiges, es ist nicht das einer Supermoto, nicht das eines Supersportlers, auch nicht das eines Naked Bikes oder Streetfighters. Seine Grundabstimmung ist straff, und dennoch bieten die Federwege enormen Spielraum für harte Manöver selbst auf holpriger Straße. Mit 66,5 Grad Lenkkopfwinkel und einem kurzen Radstand von 1.438 Millimeter dringt man in neue Dimensionen der Handlichkeit vor. Der breite Alu-Lenker von Renthal ist ein Verwandter der Offroader - und sorgt für extrem präzise Führung. Ergo lässt sich das 990er KTM Motorrad mit beachtlicher Leichtigkeit in die Kurve bringen und am Kurvenausgang mit perfekter Traktion früh und messerscharf beschleunigen. So soll es sein. Und die Pirelli Diablo halten einwandfrei...

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Das Design der Super Duke stammt – so wie auch bei allen anderen KTMs – aus der Werkstatt des Salzburger Meisters Gerald Kiska. Uns gefällt’s, und selbst bei längerer und eingehender Betrachtung sind an der 990 Super Duke keine unschönen Ecken und Kanten zu entdecken. Die Under-Seat-Pipes der soundstarken Auspuffanlage sind vollendet formschön, die Fußrastenanlage ist schlicht und schlank, selbst Blinker und Rückspiegel fügen sich harmonisch ins Gesamtbild. Armaturen und Bedienelemente sind übersichtlich und funktionell. In großen Ziffern verweist der digitale Tacho auf die zumeist beachtliche Geschwindigkeit und informiert zudem wahlweise über Uhrzeit, Gesamtkilometer und zweierlei Tageskilometer. Die Drehzahl wird analog geliefert, der Hintergrund beider Anzeigen ist orange, und das, Achtung, macht oft schneller als die Polizei erlaubt.

Die Lichtmaske mit ihren zwei übereinanderliegenden Scheinwerfern ist in der Strafzettel freien Überlandzone als Windschutz durchaus funktionell, ab 160 muss man als groß gewachsener Mensch allerdings den Kopf einziehen. Notabene sind selbst mit einem Motocross-Helm 210 Stundenkilometer drinnen, Hand aufs Herz. Alles eine Frage des Willens. Mit nur 179 Kilogramm trocken ist die 990 Super Duke in ihrer Klasse ein wahres Leichtgewicht. Und als ob’s noch nicht genug wäre: Mit den KTM-eigenen Power Parts werden Sie geholfen. 23 verschiedene Carbon-Verkleidungsteile lassen das Gewicht um weitere drei Kilogramm schrumpfen, der Carbontank bringt nochmals zwei und die sündhaften Carbonräder drei Kilo Erleichterung. Schreckt man selbst vor der Akrapovic-Racing-Anlage (sechs Kilo weniger) nicht zurück, kommt man auf schlanke 165 Kilogramm Kampfgewicht. Alles ein Frage der Bedürfnisse und der Geldbörse.

Das Urteil ...

Die 990 Super Duke wurde von Fahrern für Fahrer gebaut, das ist in jeder Faser ihrer großen orangen Seele zu merken. Sie ist herrlich agil und handlich, hat ein harmonisches und stabiles Fahrwerk, einen kräftigen und durchzugsstarken Motor, kolossale Bremsen und ein makelloses Getriebe. Und sie hat jede Menge Freude am Streetfight, verleitet zum Gasgeben wie kein anderes Motorrad dieses Segments. KTM-Projektleiter Philipp Habsburg bringt die Sache auf den Punkt: „Wir haben all das in die Super Duke gepackt, was wir uns selber von einem Motorrad wünschen.“ Ooooh ja! Die Herrschaften aus Oberösterreich sind enthusiasmierte Motorradfreaks und wissen ganz genau, was sie wollen. Mit der 990 Super Duke haben sie ein wahrlich überzeugendes Stück Arbeit abgeliefert (und auch sich selber eine große Freude gemacht). Unsereins bekommt hier eine Waffe in die Hand gedrückt, die nur eine einzige Frage offen lässt: Wo ist der nächste Gegner?

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... und die Vision

KTM hat in den letzten Jahren eine ausgesprochen beachtliche Performance hingelegt. Ausgefeilte Produkte, treue Kunden, Motocross- und Enduro-Weltmeistertitel sowie Siege bei der Dakar-Rallye waren und sind gute Zugpferde. Knapp 80.000 Motorräder verließen im vergangenen Geschäftsjahr die Werkshallen in Mattighofen, 1992, nach der Neuübernahme, waren es gerade einmal 7.000 Stück. Ein gutes Management ist ein gutes Management. Bezüglich der weiteren Zukunftspläne von KTM macht Geschäftsführer Stefan Pierer klare Ansagen: „Wir verfolgen eine strikte Expansionspolitik und wollen im europäischen Raum die führende Marke werden.“ Ups! Europas Nummer Eins? Aber hallo! Doch was auf den ersten Blick vermessen klingen mag, entbehrt nicht einer gewissen Logik und Möglichkeit auf Realisierung: Zum einen haben die italienischen Marken mit hausgemachten Problemen zu kämpfen, zum anderen geht KTM mit der 990 Super Duke nun zielgerichtet den Weg auf die Straße - und findet hier offene Flanken vor. Das Wachstumspotenzial der kommenden Jahre liegt für KTM ganz klar im Onroad-Bereich. Die Einzylinder-Duke machte den Anfang, die Supermoto-Palette war die Fortsetzung und das Engagement im Straßen-Grand-Prix glaubwürdiges Beiwerk. Und nun kommt die große Duke. Produziert werden in den nächsten Monaten knapp über 2.000 Stück. Das macht das Kraut noch nicht fett, aber: Es ist erst der Anfang. Die KTM 990 Super Duke geht ab Februar in Produktion, und für die ersten Auslieferungen im März ist mit starkem Andrang zu rechnen ... Tipp: Das Video zum Motorrad unter www.990superduke.com. Sehenswerter Streetfight!

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Text: Karin Mairitsch

Fotos: Steve Jackson

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