BMW C1

BMW C1


Der Kugelroller

Natürlich waren wir alle auf den C1 gespannt. Nicht nur wegen dessen Fahreigenschaften; uns plagte vielmehr die Frage, wie unsere Umwelt auf diese selbstfahrende Kasperlbude reagieren würde. Können wir anschließend noch beim Bäcker anschreiben lassen, grüßt die Nachbarschaft, wird der Vermieter vorsichtshalber die Mietkaution erhöhen?

Fragen über Fragen, bis der Roller endlich vor der Tür stand. Er war nie allein, irgend ein Mensch strich ständig um ihn herum, beugte sich mutig hinein - und ging oft mit einem Kopfschütteln weiter. Erste Ausfahrt, sie soll nach Nürnberg zu einem Kunden gehen. Gerade die richtige Distanz für den C1. Was ziehe ich denn an? Ein Helm ist ja keine Pflicht, aber eine Mütze auf dem Kopf wäre nicht schlecht, Vorfahrer berichteten von heftigem Zug. Ich wähle vorsichtshalber eine nahezu perfekte Verkleidung: schwarzer Kapuzenpulli, eine tief ins Gesicht gezogene Kappe mit "Simson"-Aufdruck und Sonnenbrille. So dürfte ich unerkannt in die Nachbarstadt gelangen. Das Vorhaben scheitert bereits drei Straßen weiter. Ich habe den C1 gerade zum ersten Mal auf 50 km/h beschleunigt, als es mir die Mütze vom Kopf haut, bezeichnenderweise von hinten nach vorn. Anhalten, Motor aus, Sicherheitsgurt öffnen. Das erste Auto fährt über meine Mütze. Den kleinen Hebel nach oben ziehen, der Hauptständer fährt aus und das zweite Auto über meine Mütze. Jetzt den großen Hebel nach oben ziehen, dann wieder absenken. Das dritte Auto fährt über meine Mütze und auch noch gleich einen Fußgänger um Haaresbreite über den Haufen, weil Fahrer und Fußgänger völlig fassungslos meinem Treiben zusehen. Ich rette die Mütze von der Straße und stecke die nun ziemlich schmutzige Kopfbedeckung ein. Gut, dann muß es eben ohne gehen. Spätestens auf der Bundesstraße revidiere ich meine Meinung. Es zieht jämmerlich von hinten. Gut, daß ich den Kapuzenpulli trage, schnell ist dessen Kapuze über den Kopf gezogen. An der ersten Ampel, ich mogel mich frech zwischen den haltenden Autos durch, wieder offene Münder, kreischende Kinder und bei Grün eine abgewürgte Familienkutsche.

Erst später am ersten Schaufenster in der Höhe vom Eis-Schöller wird mit klar, warum mich alle so anstarren: Mit der schwarzen Kapuze und der Sonnenbrille sehe ich aus wie der Tod von Forchheim, fehlt nur noch eine Sense auf dem Gepäckträger. Gepäckträger? Na ja, da ist zwar etwas Ablageähnliches hinter dem Sitz, aber wer auf dem C1 größere Dinge transportieren will, muß sich für eine der Systemlösungen von BMW entscheiden oder in Eigenregie eine Box aus dem Baumarkt aufschrauben. Das in der von uns getesteten Basisversion angebotene absperrbare Fach reicht gerade mal für männliche Körperpflege-Utensilien, die Damenwelt kann darüber nur lachen. In der Innenstadt wird der C1 zur unschlagbaren Wunderwaffe, wenn man sich traut, ihn entsprechend flott zu bewegen. Zwar wird jeder Motorradfahrer angesichts der Dachkonstruktion bei beginnender Schräglage verwirrt nach vorn blicken, wenn sich die Holme neigen, aber spätestens nach einer Stunde Fahrzeit hat er sich an diesen Zustand gewöhnt.

ABS - empfehlenswertes

ExtraAuch an das erheblich höhere Gewicht im Gegensatz zu einem normalen Roller muss und kann man sich gewöhnen. Weil der C1 ohne Helm gefahren werden darf und die Sicherheitszelle entsprechend stabil ausgelegt sein muß, kommen hier schnell die Kilos zusammen, die das Gefährt vor allem bei extrem langsamer Fahrt sehr kippelig machen. Ist der Roller erst einmal im Rollen, stabilisiert sich die Fuhre schnell. 185 Kilo stemmt der C1 auf die Waage, da wiegen inzwischen manche Superbikes bereits weniger. Die haben dafür allerdings kein Dach und keinen Scheibenwischer: Das Fahrwerk ist dank Telelever-Technik an der Gabel perfekt abgestimmt, natürlich poltern die kleinen 12- und 13-Zoll-Räder gern in ein Schlagloch, spürbar werden allerdings erst die wirklich groben Stöße. Allererste Sahne ist die Bremsanlage. Unser Testfahrzeug verfügte über das als Extra bestellbare ABS, was bedeutete, dass der Fahrer ohne Rücksicht auf Bodenbeschaffenheit und -feuchte an jeder Ampel voll in die Bremsen greifen darf, solange es geradeaus geht. Zwar gelangt das Hinterrad bei kräftigem Zupacken schnell in den ABS-Regelbereich, der Bremser merkt es am pulsierenden Hebel, aber auf diese Art steht der Roller wirklich schnell und sicher. Ein unbedingt empfehlenswertes Extra. Etwas gewöhnungsbedürftig ist das Anfahren.

Beim Gasgeben kommt der Motor zunächst auf Drehzahl, bevor die Fliehkraftkupplung nach einer Gedenksekunde greift und die 15 PS auf das Hinterrad zu wirken beginnen. Gerade beim Beschleunigen aus Kurven muss diese Verzögerung mit eingerechnet werden, sonst gibts kippelige Momente. Nicht weiter dramatisch, nur gewöhnen muss man sich dran. Der Motor selbst ist laut, wobei dieser Eindruck subjektiv durch den fehlenden Helm verstärkt wird. Die 15 PS sind kerngesund, der Viertakter mit einem wassergekühlten Zylinder und Vierventiltechnik verfügt über eine Einspritzanlage und Abgasreinigung per Katalysator. sie bringen den C1 Je nach Windverhältnissen und Fahrergewicht rennt der C1 zwischen (am Tacho angezeigten) 110 und 120 km/h Spitze. Das genügt, um selbst auf der Autobahn schnelle österreichischen LKW und apokalyptisch dahindonnernde holländische Wohnwagengespanne in Schach zu halten. Und auch die Bergprüfungen erfüllte der C1. Zwar mit deutlich reduzierter Geschwindigkeit, aber sonst ohne Tadel. Selbst am Gößweinsteiner Aufstieg fiel die Geschwindigkeit nicht unter 60 km/h ab, die Variomatik stellt durch ihren stufenlosen Antrieb immer das beste Drehmoment zur Verfügung.

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Dann kam der Regen, und ich war sehr gespannt, was nun trotz des Wetterschutzes alles passieren wird. Um es vorwegzunehmen: Ganz trocken bleibt keiner, an den Schultern wird es schnell naß und beim Anhalten regnet es natürlich auf den nun nicht mehr hinter der Verkleidung stehenden Fuß. Und der größte Pluspunkt ist, gerade in der Stadt das Dach, weil es nun im Stand nicht mehr von oben regnet. Dafür erfreuten bei unserem Testexemplar die Wasserspiele aus Lichtschalter und aus dem nicht absperrbaren Ablagefach rechts neben dem Lenker. Weil gute Geister das Fahrzeug vorher geputzt hatten, war hier wohl noch etwas Seifenlauge hängengeblieben. Sie und das vom Unterdruck angesaugte Regenwasser blubberten jetzt fröhlich aus dem Schalter und den Abflußbohrungen des Ablagefaches. Hier kann mit ein paar Abdeckungen Abhilfe geschaffen werden, ebenso wie es in absehbarer Zeit ein Windschott als Nachrüstteil hinter der Kopfstütze des Fahrers geben dürfte.

Der Sitz auf dem C1 ist Gewöhnungssache. Nicht wegen der Anschnallerei, die Gurte sind nicht nur lang genug, sondern auch an den richtigen Stellen angebracht, sie sitzen gut. Die Sitzfläche selbst ist ungesund nach hinten geneigt, auf längeren Strecken macht der Fahrer automatisch einen Rundrücken, und das mögen die Bandscheiben nicht so sehr. Bitte ändern als Verstellmöglichkeit zum individuellen Einstellen auf jeden Fahrerhintern. Unter der Sitzbank befindet sich, mit einem seitlich angebrachten Schloss gesichert, der Zugang zum Tank. Dessen Befüllung ist etwas fummelig und trotz einer großen Auffangwanne geht schon mal ein Schluck daneben. Hier wäre eine Tankklappe nach Autoart im Heckbereich sicher die bessere Alternative gewesen.

Der Tank selbst fasst ca. 9 Liter, wir haben dem Schätzeisen namens Tankuhr nicht sonderlich getraut und nach spätestens 150 Kilometern Fahrtstrecke den Tankwart mit dem Kugelroller erschreckt. Runde vier Liter bleifreies Superbenzin genehmigt sich der Motor auf 100 Kilometer, angesichts des Gewichts kein schlechter Wert. Bei den Armaturen ging BMW im Gegensatz zu seinen Motorrädern für die Blinkerbetätigung wieder den konventionellen Weg und läßt die Fahrtrichtungszeiger mit dem linken Daumen bedienen. Tacho und die Kontrollleuchten liegen gut im Blickfeld, der Scheibenwischer ist zweistufig ausgelegt und erlaubt Intervall- und ständiges Wischen. Hält der Roller an, schaltet sich der Wischer automatisch auf Intervallstellung um. Die gut funktionierende Scheibenwaschanlage ist bei Schmuddelwetter dringend nötig, denn bei einer verschmutzten Scheibe hat der Fahrer keine Möglichkeit zu alternativen Sichtweisen. Nach einer Woche wurde ich mutig. Nahm den C1 und fuhr zur Kathi-Bräu nach Heckenhof.

Okay - es war ein verregneter Samstag und auf dem Parkplatz so gut wie nicht los. Und, ich gebe es zu, ich habe mir einen Helm aufgesetzt. Nicht wegen der Angst, sondern einfach, weil ich diesmal nicht am Kopf frieren wollte. Angenehmer Nebeneffekt der Scheibe: Beim Integralhelm kann das Visier offen bleiben, beim Jethelm benötigt man keine Brille. Die große C1-Show von Heckenhof blieb aus, nur ein paar Leute von BUELL warteten zusammen mit einem Bamberger Händler auf Probefahrtpublikum und boten mir sofort einen Tausch an. Ich ließ sie ein paar Runden auf dem leeren Parkplatz fahren, schließlich sollten sie an diesem Samstag wenigstens ein kleines Erfolgserlebnis haben. Sie gaben den C1 nur widerwillig zurück, ich hätte an diesem Tag sicher eine ausgiebige Buell-Tour machen können. Nach vierzehn Tagen ging der C1 wieder von uns. Die Menschenaufläufe in unserer Straße nahmen sofort rapide ab, fragende Gesichter auch, Ruhe kehrte wieder ein. Als Glanzlichter dieses Tests können wir notieren, das man als C1-Fahrer nicht nur blubbernde Lichtschalter erleben kann, sondern auch überdachten Fahrspaß, der selbst in der Fränkischen funktioniert.

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Der Roller wird seinen Weg gehen, noch nicht heute und morgen, aber spätestens, wenn seine Zeit gekommen ist und der C1 auf deutschen Straßen nicht mehr der beglotzte Exot, sondern ein ernst zunehmendes Fortbewegungsmittel sein wird. Für kontaktarme Zeitgenossen wird es den C1 vielleicht sogar demnächst als Therapiegerät auf Krankenschein geben: Denn wer mit diesem Fahrzeug unter Menschen gerät, wird zur Kommunikation einfach gezwungen und kann sich weder unter einem Helm, noch in einer geschlossenen Karosse verstecken. Übrigens: Unsere Antwort war stets: Nein, ich bin nicht vom Zirkus!

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