Ducati Hypermotard

Ducati Hypermotard


Hyperaktiv

In den letzten Jahren war es immer das gleiche Spielchen: Zunächst machten uns die Hersteller mit ihren wunderschönen Motorrad-Entwürfen auf den Herbstmessen die Zähne lang, doch bei den ersten Fahrtests im folgenden Frühjahr holte uns die ernüchternde Realität kostenbewusster Controller ein - von der Faszination des ursprünglichen Bikes blieb in der Regel nicht mehr viel übrig.

Kein Wunder also, wenn die versammelte Motorrad-Journaille nach den desillusionierenden Erfahrungen der letzten Jahre vergleichsweise emotionslos auf Präsentationen vermeintlich toller Motorräder wie der Ducati Hypermotard reist. Trotzdem siegt vor Ort natürlich die Neugier, und wir Schreiberlinge können es kaum erwarten, die Hypermotards anfassen, umrunden und aufsitzen zu dürfen. Im Hotel auf Sardinien trauen wir dann unseren Augen kaum: Die dort hübsch aufgereihten Hypermotards sehen fast genau so aus wie die Studien auf dem Mailänder Salon vor zwei Jahren, als man sich nur mit Ellbogeneinsatz einen Blick aufs Allerheiligste verschaffen konnte. Befragt, ob die Entwicklungscrew um Ideengeber Pierre Terblanche die Zahlendreher unter desmodromischen Zwangs-Druck gesetzt haben, schmunzelt Ducati-Produktmanager Claudio Domenicali, der ehemalige Rennstall-Chef Ducatis, nur und meint: "Wer sagt denn, dass die Hypermotard von damals eine Konzeptstudie gewesen sei?" Mithin war dies schon der Testlauf eines Prototyps, der nur bei extrem ablehnenden Publikumsreaktionen aus den Produktionsplänen wieder herausgenommen worden wäre. Doch damit hat natürlich niemand gerechnet.

Filigrane Gesamterscheinung

So bestaunen die Kollegen und ich die zahlreichen mit viel Liebe fabrizierten Details und feinen Spielereien; von den genialen Klappspiegeln über breite Handprotektoren mit integrierten LED-Blinkern, bis hin zum neuen, futuristischen Cockpit und den beiden Rundschalldämpfer unterm Heck, die stark an die Multistrada erinnern. Alles in allem eine äußerst schmale, fast filigrane Gesamterscheinung. Aus der Perspektive des Fahrers scheint das Motorrad noch mal zu schrumpfen. Die schmale Taille hängt zierlich und kompakt zwischen den Beinen, trotz der respektablen Sitzhöhe von 845 mm scheint die Hypermotard leicht beherrschbar. Eine Sitzbankkuhle bringt den Fahrerhintern knapp hinter den Tank, das Ambiente ist aggressiv und dennoch bequem. Doch tourentauglich ist anders; dafür ist das Polster zu schmal und zu straff, allerdings will die Hypermotard auch gar kein Reisemotorrad sein. Mit aufrechter Körperhaltung nimmt der Pilot die breite Lenkstange in die Hände und fühlt sich als Matador der Straße - mit viel Übersicht und bestem Kontrollegefühl bereit zum Angriff auf der Landstraße.

Multistrada Antrieb

Diese Ambitionen finden mit dem charakteristischen Ducati-Antrieb einen adäquaten Erfüllungsgehilfen: Der luft-ölgekühlte 90-Grad-Vau kommt mit desmodromisch gesteuerter Zweiventiltechnik, 1078er Hubraum und Doppelzündung. Diese Konfiguration befeuert auch andere Modelle wie beispielsweise die Multistrada. In der Hypermotard begeistert das Triebwerk mit spontanem Ansprechverhalten und rundem Motorlauf, im unteren Drehzahlbereich nervt jedoch ein unangenehmer Lastwechselschlag beim unüberlegten Gasanlegen. Verglichen mit den Schwestermodellen stellt die Hyper mit "nur" 90 PS fünf Pferdchen weniger zur Verfügung. Grund dafür ist die einteilig ausgeführte Tank-Airbox-Konsole unter Sitz und Tankattrappe, die wegen der extrem schmalen Formgebung des Motorrades kleiner ausfällt, was das Ansaugvolumen der Airbox verringert. Mehr als ein Ausgleich für die verlorenen PS ist indes der optimierte Drehmomentverlauf: Bereits bei 4.750 Umdrehungen liegt das druckfreudige Maximum von 94 Nm an und behält ein hohes Plateau bei. Diese Auslegung mit viel Druck unten herum passt optimal zum Landstraßenkonzept der Hypermotard und macht beim Fahren einfach richtig Laune. Ohne größere Anstrengungen stellt sich die Rote beim Anfahren locker aufs Hinterrad und hebt auch noch im zweiten Gang beschwingt den Vorderfuß. Mit Vehemenz prescht der Vau durch den mittleren Drehzahlbereich gen Begrenzer, der den gewaltigen Vortrieb weich einbremst. Untermalt wird das freudvolle Szenario von einem erstaunlich erwachsenen Sound, den man dem Motorrad in Zeiten der Euro-3-Geräuschhemmung nicht zugetraut hätte.

Zum spontan reagierenden Motor passt ein unglaublich direktes Fahrgefühl wie die Faust aufs Auge. Auf der Geraden untadelig stabil, lässt sich die Duc über die konische Lenkstange präzise durch kniffligste Kurvenkombinationen dirigieren. Richtig spielerisch fällt das Handling aber nicht aus, die Hypermotard will sich in der Kurve immer ein wenig aufrichten, da gilt es sanft gegenzuhalten. Beim Einlenken taumelt sie geringfügig um die Lenkachse - unter Zug gefahren wirkt sich das eine wie das andere jedoch nur gering aus. Zudem dürften sich beide Phänomene mit intensiven Abstimmarbeiten der voll einstellbaren Federelemente weitgehend neutralisieren lassen, wozu beim Testride auf Sardinien aber leider keine Zeit blieb.

"S" - wie Sport

Dass es deutlich besser geht, beweist die um zwei Kilo leichtere "S"-Version der Hypermotard. Auf einer neuen und fein parat gemachten Rennstrecke im Herzen der Insel - größer als eine Kartstrecke, aber kleiner als ein richtiger Rennkurs - bereitet sie einen herzerfrischenden Kurvengenuss, der unbändige Lust auf mehr macht. Dazu tragen in erster Linie Ihre noch hochwertigeren Federelemente bei, die mächtige 50er Marzocchi-Gabel ist mit reibungsarmer DLC-Beschichtung versehen, hinten übernimmt ein Öhlins-Federbein mit verstellbarer Schubstange zur Heckanhebung den Feder-Dämpfer-Job. Im Zusammenspiel mit federleichten und sauteuren Schmiederädern sowie klebrigen Pirelli-Pneus (die Standard-Version rollt auf alltagsfreundlicheren aber weniger sportlichen Bridgestone BT 014-Reifen) bleibt von der Trägheit, dem unharmonischen Einlenken und der bisweilen mangelnden Neutralität der Standardversion praktisch nix mehr übrig, selbst die Lastwechsel zeigen sich deutlich abgemildert. Vor diesem Hintergrund sind die für die "S" fälligen 2000 Extrawurst-Euro fraglos gut angelegt.

Brembo MonoblockIm S-Paket ist auch ein Bremsen-Update mit Brembo-Monobloc-Zangen statt "normaler" Brembo-Vierkolbenfestsattelzangen an der Standard-Version enthalten. Dieses bringt aber nur ambitionierten Spätbremsern und professionellen Landstraßenprofis Vorteile. Denn schon die Standard bremst außerordentlich verlässlich, bissfest und gut dosierbar. Mit den "S"-Stoppern müssen Normalfahrer auf der Landstraße schon viel Vorsicht walten lassen, die Brembos beißen unglaublich giftig zu. Enormer FahrspaßNichtsdestotrotz bereitet die Hypermotard im kurvigen Asphaltgeschlängel so viel Fahrspaß wie kein anderes Modell der italienischen Edelmarke. Dieses langbeinige Motorrad erschließt der Sportmarke Ducati neue Kunden, die es satt sind, sich auf einen Supersportler zusammen zu falten - und trotzdem sportlich unterwegs sein möchten, gerne auch nur auf dem Hinterrad. Für die rattenscharfe Optik verzichten die Entwickler um Ideengeber Pierre Terblanche fast komplett auf Baukastenteile und überzeugen mit viel Liebe zum Detail, die aber nicht zum verspielten Selbstzweck ausartet. So erlauben die exklusiven einklappbaren Spiegel eine prima Rücksicht - in der Stadt sollten sie zwecks Baubreitenreduzierung indes besser eingefahren werden - und den schicken Schalldämpfern entweicht richtiger Gänsehaut-Sound. So machen Motorräder auch ohne exorbitante Motor- oder Fahrleistungen Spaß, hinzu kommt angesichts des Preises von 11.500 Euro noch eine gewisse Exklusivität - auch wenn die Hypermotard dieses Geld sicherlich wert ist.

Text: Thilo Kozik

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