Moto Guzzi Breva V 750 IE

Moto Guzzi Breva V 750 IE


Kleine Freundin

Seit 1921 entstehen in Mandello del Lario am Comer See im Zeichen des Adlers wahre Motorrad-Ikonen. Doch in den letzten Jahren war das einst so stolze Guzzi-Wappentier eher flügellahm. Nun gehört Moto Guzzi aber zu Aprilia und so interessante Neuheiten wie die Breva V 750 IE sollen den Erfolg zurück bringen. Wir haben ausprobiert, ob es funktionieren könnte.

All die treuen, unerschütterlich an ihre Marke glaubenden Moto-Guzzi-Fans dürfen endlich aufatmen. Mit Moto Guzzi geht es seit der Übernahme der Geschäfte durch Aprilia-Boss Ivano Beggio endlich wieder voran. Neue Modelle sind in der Entwicklung, im Werk in Mandello del Lario am schönen Comer See hält nach und nach moderne Produktions-Methodik und -Technik Einzug. Erstes Ziel der neuen Moto-Guzzi-Chefetage: endlich die Qualität der gebauten Maschinen auf das heute übliche Niveau anzuheben. Darüber hinaus wurden in vielen europäischen Ländern die Importeure ausgewechselt, das Händlernetz massiv gestrafft und die Werbe-Anstrengungen verstärkt.

Doch all das würde nichts helfen, wenn die neuen Moto-Guzzi-Modelle einfach nur italienische Motorräder wären. Nichts gegen italienische Bikes – aber es muss bleiben, wie es immer war: Eine Guzzi ist eine Guzzi ist eine Guzzi. Einzigartig, charakterstark, mit liebeswerten Schwächen und vielen verkannten Stärken.

zweites herzhaftes Aufatmen

Und auch an diesem Punkt dieser Geschichte dürfen alle Moto-Guzzi-Fans ein zweites Mal einen Seufzer der Erleichterung ausstoßen. Denn die neue Breva V 750 IE ist trotz des unverkennbar vorhandenen Aprilia-Einflusses noch immer eine waschechte Moto Guzzi. Sie wird, so verlangen es die Firmen-Tradition und vor allem die Kundschaft, von einem längs eingebauten V2-Motor befeuert. Sie verzichtet gekonnt auf allerlei modischen Schnickschnack, setzt auf Purismus und verwöhnt so das Auge des Betrachters mit ihren schnörkellos-schicken Linien. Der schmale Lenker, der kantig-klassische und sehr gerade Tank, die elegant geschwungene und doch bequeme Sitzbank – all dies verleiht der Breva 750 IE jene gestreckte Linie, die für jede Moto-Guzzi so typisch ist. Und natürlich steht auch bei der Breva 750 IE der längs eingebaute, silber lackierte V2-Motor im Zentrum des Designs. Zwar ist der 750er-V2 wegen der zierlicheren Zylinderköpfe bei weitem nicht so mächtig und beeindruckend wie das Kraftwerk der größeren Guzzi-Modelle. Dennoch ist er ein Schmuckstück traditioneller Motorenbaukunst. Selbst Laien erkennen die Wege, die das Benzingemisch auf dem Weg durch diesen Motor durchläuft, ehe es durch die beiden klassischen Auspuff-Trompeten als Abgas ausgestoßen wird. An diesen beiden Auspuffrohren erkennt man übrigens den Aprilia-Einfluss: die Qualität ist besser geworden, die Auspuffe sind aus Edelstahl gefertigt. Außerdem sind alle Kabel so weit als möglich verborgen geführt, die Steckverbindungen der Bordelektrik sitzen durchweg sicher, es werden hochwertigere Schrauben verarbeitet und während der Testfahrten ging kein einziges Teilchen der Breva 750 IE verloren. Das war durchaus nicht immer der Fall, wenn wir in früheren Jahren einer Moto Guzzi auf den Zahn fühlten.

 

Klassisch schönes Handling

Was die optische Qualität schon erahnen lässt, setzt sich beim Starten fort. Der 750er-Motor startet kalt wie warm spontan, erfreut den Fan mit dem sanften Kippmoment der längs liegenden Kurbelwelle. Bei jedem Gasstoß neigt sich das Motorrad etwas nach rechts, folgt so dem Drehmoment der rotierenden Massen. Aber keine Angst: nach einem halben Tag hat man sich dran gewöhnt, nimmt diese Eigenart gar nicht mehr bewusst wahr. Dafür erfreut man sich selbst nach einem ganzen Tag auf Achse noch auf den letzten Kilometern zur heimatlichen Garage am klassischen Moto-Guzzi-Fahrgefühl. Aufrecht im erfreulich niedrigen Sattel sitzend, die Maschine wunderbar eng zwischen den Knien spürend, dirigiert der Fahrer die Breva mit zarter Hand. Die Maschine kommuniziert mit dem weich eingreifenden Piloten. Wer sich auf dieses Motorrad einlässt und ihm zuhört, es fühlt und versteht, der wird rasch mit der Breva 750 IE eine Einheit bilden und kann dann sicher und erstaunlich flott unterwegs sein. Jeder kleine Druck am schmalen Lenker, jede Gewichtsverlagerung wird von der Guzzi spontan aufgenommen und weich umgesetzt. Dieses Motorrad ist so handlich, dass es fast mit den Gedanken gelenkt werden kann. Grund: die relativ schmalen Reifen und das wunderbar ausbalancierte Chassis mit seinem kurzen Radstand machen die Moto Guzzi Breva 750 IE flink wie eine klassische 125er. Zudem sorgt der relativ vibrationsarm laufende 48-PS-V2 für absolut stressfreie Dynamik ohne künstliche Hetze. Bis zu 180 km/h Spitzengeschwindigkeit liegen drin. Doch eigentlich sind derartige Tempo-Exzesse nicht unbedingt die Stärke eines so klassischen Motorrades. Am schönsten reist (und nicht rast) man mit der Breva im Touristen-Tempo-Bereich zwischen 80 und 120 km/h. Hier fühlt sich der Motor am wohlsten, zieht dank seines guten Drehmoments gummibandartig vorwärts. Dank einer gelungen abgestimmten Benzineinspritzung hängt der kleine Guzzi-V2 übrigens sehr gut am Gas. Im normalen Drehzahlbereich werden auch kleine Befehle am Gasgriff ohne Verzögerung umgesetzt. Geschmeidig setzt die Leistung ein, ab 4.500 U/min zieht der Motor wirklich kräftig an. Der reaktionsarme Kardanantrieb, das exakt und für Moto-Guzzi-Verhältnisse quasi lautlos schaltbare Getriebe sowie eine leichtgängige Kupplung sorgen für Komfort auch auf längeren, kurvigen Etappen. 

Motorrad-Wandern macht Laune

Mit der Moto Guzzi Breva 750 IE, so man sie versteht, lässt es sich also hervorragend „Motorrad-Wandern“. Man erlebt das Bike und die Umwelt bewusster, kehrt entspannter und zufriedener nach Hause zurück. Und hat dort einiges zu erzählen. Weil man nicht nur Fahrbahnbelag und langsame Autos gesehen hat, sondern auch alles aufnehmen konnte, was sich mehrere Hundert Meter neben der Strasse abspielte. Logisch, dass sich die Breva 750 IE auch hervorragend für Wiedereinsteiger und Frauen eignet. Erstens ist sie leicht (vollgetankt unter 200 kg), zweitens niedrig und drittens sorgen die nicht zu aggressiv aber doch wirkungsvoll zupackenden Bremsen für viel Vertrauen. Kreuzbrav, aber nie langweilig bietet die kleine Moto Guzzi enorm viel klassisches Fahrgefühl und Erholungswert. Sie verzichtet auf Überflüssiges, ist aber nicht einfach nur puristisch. Sie ist schnell genug, setzt ihren Besitzer aber keinem unnötigen Leistungsdruck aus. Sie ist günstig, wirkt dennoch nicht billig. Sie ist schön, braucht dazu aber keine futuristisch gestylten Designer-Elemente.Und sie hat liebenswerte Macken, wie jede Guzzi. Beispielsweise die klar zu straff gedämpften Federbeine, die ganz leichte Fahrer(innen) manchmal doch recht deftig ins Kreuz knuffen. Auch ist der Lenker fast schon etwas zu schmal geraten. Aber ein Paar Federbeine und ein etwas breiterer Lenker kosten nicht die Welt.Schön hingegen: die neue Alltags-Orientiertheit des Moto-Guzzi-Zubehör-Programms: Für Damen gibts einen 30 mm niedrigeren, speziell geformten Lady-Sitz. Für Tourenfans sind ein Gepäcksystem sowie eine Tourenscheibe erhältlich. Dazu gibt’s natürlich auch für die Breva 750 IE jede Menge schmückende Accessoires sowie – für die/den stolzen Besitzer(in) das klassische Guzzi-Outfit aus Leder oder Goretex.

Fazit:

Die Moto Guzzi Breva 750 IE bietet einen wartungsarmen Kardanantrieb, einen elastischen V2-Motor, schönes Design und narrensicheres Fahrverhalten. Und das alles für lediglich 7.650 Euro. Mehr Fahrgefühl und Motorrad-Klassik mit moderner Technik für weniger Geld gibt’s kaum irgendwo. Da kann man über kleine Schwächen wie die billigen Federbeine locker hinwegsehen. 

     

Text: Jörg Wissmann

  

Fotos: Mario Borri