Yamaha FZ6 Fazer

Yamaha FZ6 Fazer


Ablösung für die Liebste

SEEFELD (Österreich). Die Yamaha FZS 600 Fazer zählt zu den beliebtesten Allroundern auf dem Motorradmarkt. Kein Wunder, denn die Synthese aus Zuverlässigkeit, Alltagstauglichkeit und sportlicher Leichtigkeit fasziniert Anfänger wie Könner. Nun, nach sechs Jahren, wird sie von der FZ6 Fazer abgelöst. Wir haben die Neue im Kurvenparadies der Tiroler Alpen schon getestet.

Die 1997 in Paris vorgestellte Yamaha Fazer 600 hat unzählige Vergleichstests gewonnen und tausende Herzen erobert. Egal ob Frau oder Mann, ob groß oder klein, ob dick oder dünn, ob Anfänger, Tourenfahrer, Haustrecken-Haudegen, Sonntagsfahrer oder Motorrad-Kurier. Sie alle schätzen bis heute die unbestreitbaren Qualitäten der quirligen 600er-Yamaha. Kaum ein anderes Mittelklasse-Motorrad ist so zuverlässig, so günstig, so alltagstauglich, so gelungen gezeichnet und so super-leicht zu fahren wie die Vierzylinder-Yamaha.

Aber die Fazer 600 hat auch ein Manko, das ihr nun, obwohl sie eigentlich noch keinesfalls überholt oder gar altmodisch ist, das Genick bricht: Ihr zwar durchaus moderner und von vielen Fans als fast idealer Tourenmotor bekannter Vierzylinder ist mit schnöden Vergasern bestückt und schafft daher die ab 2004 gültige Abgas-Hürde Euro II nicht. Nun macht Yamaha aus der Not eine Tugend und lanciert ein ganz neues Modell. Die vom Vierzylinder des Supersportlers R6 befeuerte und mit einem edlen Alu-Brückenrahmen ausstaffierte FZ6 Fazer. Mit Benzineinspritzung, Sekundärluftsystem und Katalysator. Die wichtigsten Eckdaten wecken rasch die Lust auf eine ausgedehnte Ausfahrt: 599 ccm, 98 PS bei 12.000 U/min, 63 Nm bei 10.000 U/min, flotte Halbschalenverkleidung, hochgezogene Auspufftöpfe, zwei bequeme Sitzplätze und lediglich 187 Kilogramm Trockengewicht.

Modern und doch vertraut

Schon im Stand macht die neue Yamaha FZ6 Fazer klar, dass sie die neue Königin der tourensportlichen Mittelklasse zu werden gedenkt. Ihr markentypisches Gesicht mit den nun flacheren Doppelscheinwerfern blickt grimmig-aggressiv. Ihr grosser Tank, an dem endlich die unbequemen Kanten durch weiche Rundungen ersetzt wurden, garantiert eine tourentaugliche Reichweite und dennoch satten Knieschluss. Lediglich die Beule oben auf dem Spritbehälter lässt einige Sorgenfalten aufkommen – ob darauf der Magnettankrucksack auch wirklich so sicher haftet wie auf dem flachen Tank der Vorgängerin? Beim Anblick der gestuften Sitzbank verfliegen die Sorgenfalten aber rasch wieder – dieses Sitzkissen verspricht noch mehr Tourenkomfort als bisher. Auch wenn die hintere Befestigung etwas labbrig ausgefallen ist. Dank der unter dem Sitz versteckten Auspufftöpfe konnten die Soziusrasten deutlich tiefer platziert werden als bei der Vorgängerin. So bequem wie auf einer FJR 1300 ist der Platz in der hinteren Reihe zwar nicht. Aber man sitzt um Welten angenehmer als auf der bekannten FZS 600 Fazer. Zudem nimmt das neue Heck auch voluminöse Koffer auf, ohne dass die neue FZ6 Fazer zum überbreiten Schwertransporter mutiert. Und der an die supersportliche Yamaha R6 angelehnte Alurahmen verspricht ebenso wie die nun im üblichen Superbike-Standardformat protzenden Reifen deutlich mehr sportliche Qualitäten. Bei der ersten Sitzprobe kommt sofort ein wohliges Gefühl auf. Die neue Yamaha FZ6 Fazer erinnert stark an die 1000er-Fazer und irgendwie sogar ein bisschen an die Reisesänfte FJR 1300. Aufrecht sitzt der Pilot hinterm relativ hohen, ideal gekröpften Lenker. Hände und Füße finden wie von alleine die richtige Position, die angenehm straffe Sitzbank schmeichelt dem Allerwertesten. Nur beim Blick ins Cockpit kommt Verwunderung auf. Mode ist ja schön und gut – aber vor Motorrad-Instrumenten sollte sie Halt machen. Die an das Cockpit der Kawasaki Z 1000 erinnernde Videospiel-Konsole ist klar zu unübersichtlich. Die Digitalanzeige für Tempo, Uhrzeit, Wegstrecke, Kraftstoffvorrat und Kühlmittel-Temperatur spiegelt stark, der bogenförmige Digitaldrehzahlmesser ist schlicht unbrauchbar. Da war das alte, klassische Instrumentarium der Fazer 600, auch wenn es etwas schwerer war, wesentlich besser.

Mehr sportliche Talente

Egal – Startknopf gedrückt – wroouumm – läuft. Die mit 36-mm-Drosselklappen arbeitende, komplett neu entwickelte Benzineinspritzung sorgt für eine gesunde Kaltstart-Drehzahl und sofortige, spontane Gasannahme. Der Sound ist, angesichts der aggressiven Auspuffanlage, eher dezent, weicht bei kurzen Gasstössen einem angenehmen, kehligen Knurren. Die Kupplung ist leichtgängig, der Handhebel leider nicht einstellbar. Von einem Yamaha-charakteristischen Klack untermalt rastet der erste Gang ein. Los geht’s. Seidig-weich hängt der Motor am Gas, das Summen aus den Auspufftöpfen wird von unaufdringlichen Vibrationen untermalt. Die Yamaha macht bereits auf den ersten Metern einen zwar nach wie vor handlichen, aber auch durchaus erwachsenen Eindruck. Mit lockerer Hand dirigiert man die leichte 600er durch den Stadtverkehr. Dabei macht sich der wegen des höher im Rahmen montierten Motors ebenso höher liegende Schwerpunkt nicht negativ bemerkbar. Zielsicher und mit spontaner Reaktion auf den kleinsten Druck am Lenker wuselt die FZ6 Fazer durch den Morgen-Stau. Kurz danach, auf der Landstrasse, freut sich der Fahrer noch mehr. Denn der Windschutz hinter der breiteren Verkleidung ist markant besser als beim alten Modell. Der Oberkörper ist völlig vom Winddruck entlastet, der Helm wird sauber angeströmt. Endlich trommeln dem Fazer-Piloten nicht mehr ständig laute Turbulenzen auf die Ohren. Ebenso komfortabel und dennoch sportlich präsentiert sich das Fahrwerk. Die nun mit 43-mm-Standrohren ausgestattete Telgabel filtert ebenso wie das jetzt ohne Umlenkhebelei direkt beaufschlagte, fast senkrecht stehende Federbein gröbere wie feinere Unebenheiten zuverlässig ab. Und obwohl die Gabel gar nicht, das Federbein nur in der Federvorspannung justiert werden kann, stimmen Dämpfung und Federwegsreserven beim touristischen ebenso wie beim sportlichen Einsatz. Was wieder einmal beweist, dass ein Fahrwerk nicht unbedingt immer zahllose Einstellmöglichkeiten aufweisen muss. Eine gelungene Grundabstimmung ist wesentlich wichtiger. Und diese ist bei der FZ6 Fazer hervorragend gelungen. Überdies passt auch die Motorcharakteristik zum samtigen Fahreindruck. Das kurzhubige Triebwerk begeistert mit kräftigem Antritt und aufregend viel Power bei hohen Drehzahlen. Zwischen 2.000 und 4.000 U/min sowie oberhalb von 8.000 U/min ist die neue FZ6 Fazer deutlich kräftiger als die von Vergasern beatmete FZS 600.

Allerdings notieren wir auch eine ebenso spürbare Durchzugsschwäche zwischen 6.000 und 8.000 U/min sowie - insbesondere in den niedrigen Gängen und bei hohen Drehzahlen - deutliche Lastwechsel im Testbuch. Erfreulich: der Verbrauch ist mit 5,5 l/100 km so niedrig wie bisher. Deutlich mehr Spass als das alte Modell macht die neue Fazer beim sportlichen Kurvenwetzen. Die breiteren Reifen (120/70-17 und 180/55-17) bringen mehr Stabilität, dennoch stimmen Handlichkeit und Neutralität. Der neue, aus zwei asymmetrisch geformten Hälften verschraubte und den Motor voll tragend integrierende Alurahmen bringt klar mehr Stabilität bei hohem Tempo und in schnellen Kurven. Flink und mit stoischer Ruhe umrundet die FZ6 selbst schnellste Kurven. Nur über die Erstbereifung sollte sich Yamaha nochmals Gedanken machen. Die beim Test montierten Dunlop D 209 haben für ein so sportliches Motorrad deutlich zu wenig Grip und weisen zudem ein recht ausgeprägtes Aufstellmoment beim Bremsen auf.

Gesteigertes Tourenvergnügen

Wer sich nun fragt, ob denn die neue Yamaha FZ6 Fazer auch beim gemütlichen Motorrad-Wandern durch landschaftlich reizvolle Gegenden so viel Spass bereitet wie das für diesen Zweck geradezu als ideal geltende Vorgänger-Modell, darf aufatmen. Das Mehr an Leistung und an sportlichem Talent schmälert nicht das Vergnügen beim erholsamen Bummeln. Im Gegenteil macht sich der zusätzliche Druck im unteren Drehzahlbereich positiv bemerkbar. Mit der neuen Fazer ist man auch bei schaltfauler, niedertouriger Fahrweise durchaus flott unterwegs. Allerdings kann das Tagesgepäck nicht mehr einfach mit Gummibändern übers Heck gespannt werden. Weil die Kunststoffabdeckungen am Heck von der mit Katalysator bestückten Auspuffanlage mächtig aufgeheizt werden, ist ein Gepäckträger bei der neuen FZ6 Fazer eigentlich Pflicht. Überzeugt haben dafür die neuen, optisch etwas billig anmutenden Doppelkolben-Schwimmsattel-Bremszangen im Vorderrad, welche die Referenz verdächtigen, einteiligen Zangen der alten 600er Fazer ersetzen. Wirkung, Dosierbarkeit und Standfestigkeit der neuen Bremsanlage stimmen auch bei forcierter Gangart. Schade ist es aber schon, dass Yamaha bei der Bremse, den nun durchgefärbten statt lackierten Kunststoffteilen (die zudem nicht bei allen Testmaschinen optimale Passform aufwiesen) und Kleinigkeiten wie den billigen Kettenspannern derart spart. Doch angesichts der hochwertigen Zutaten wie dem aufwändigen Alurahmen, den leichten Gussrädern, dem Doppelscheinwerfer, dem Katalysator, der Edelstahl-Auspuffanlage und den biegsam gelagerten Blinkern verzeiht man solche Dinge. Weil der Preis der neuen FZ6 Fazer nur unwesentlich über jenem des bisherigen, mit schnödem Stahlrahmen und Vergasermotor ausgestatteten Vorgänger-Modell rangiert. Und Einsteiger, für welche die neue Yamaha FZ6 Fazer wegen ihres neutralen Handlings sowie des niedrigen Gewichts ebenfalls bestens geeignet ist, werden sich über den im Verhältnis zum Gebotenen günstigen Preis sicher ebenso freuen wie erfahrene Tourenpiloten, die in der FZ6 Fazer die ideale Begleiterin für alle Tage finden. Puristen müssen sich übrigens noch bis ins Frühjahr gedulden. Erst dann steht die unverkleidete Schwester der FZ6 Fazer beim Händler. Mit markantem Scheinwerfer und aggressiver Mini-Scheibe.

Text: Jörg Wissmann
Fotos: Wissmann/Yamaha

Weitere Testberichte Yamaha Naked Bike

Yamaha FZS 600 S Fazer

Yamaha FZ1 2006

Yamaha MT-01


Weitere Testberichte Naked Bike

Honda CBF 600 ABS

Honda Hornet 600

Honda CBF 600 S

Suzuki GSR 600 2006