Yamaha XJ6

Yamaha XJ6


Fröhlicher Alltag

XJ steht bei Yamaha seit jeher für bezahlbaren Zweiradspaß im mittleren Hubraum- wie Leistungssegment. Beides ist in den vergangenen Jahren ein wenig verwässert worden durch Installation der FZ6-Baureihe, die es in verschiedenen Leistungsstufen und Ausstattungsvarianten gab. Damit ist nun Schluss, die neue XJ6 räumt mit dem unübersichtlichen Wirrwarr im Yamaha-Regal auf.

In der Schublade für landstraßentaugliche 600er befindet sich jetzt nur noch die sportliche FZ6 mit 98 PS starkem Reihenvierzylinder und eben der taugliche Alltagsspross XJ6, die mit moderater Leistung von versicherungsgünstigen 78 PS und einem massenkompatiblen Preis von knapp 6000 Euro lockt. Mit dieser beherrschbaren Leistung und einer leckeren Optik im Roadster-Stil soll das Mittelklasse-Motorrad ab sofort die Innenstädte erobern.

Mittelklasse

Das klingt im ersten Moment wie Durchschnitt, irgendwie unattraktiv. Doch langweilig ist definitiv das falsche Attribut für Yamahas brandneues Naked Bike, das macht das Motorrad schon auf den ersten Blick klar: Die XJ6 wirkt mit ihrem sportlich geschnittenen Scheinwerfer, den sie bei der potenten FZ1 ausgeliehen hat, der sportiv-luftigen Silhouette und dem schick unterm Motor hervor lugenden Schalldämpfer richtig sexy. Da tut es der Faszination keinen Abbruch, dass sie ein Stahlkorsett statt des Aluminiumchassis der Schwester FZ6 trägt, zumal dieses gut in die Optik integriert wird. Doch letzten Endes dürfte die Entscheidung für das Stahlgerüst aus Kostengründen gefallen sein. Dieser positive Eindruck wird beim Aufsitzen keineswegs geschmälert, im Gegenteil: In niedrigen 785 Millimetern nimmt man auf dem etwas zu weichen Polster Platz, genießt einen prima Knieschluss an der schlanken Taille und freut sich über einen gut zur Hand liegenden Lenker. Für Normalgroße ergibt sich eine versammelt-kommode Sitzposition, aus dem Sitz der XJ wirkt alles einfach easy, nur größere Zeitgenossen müssen ihre langen Gliedmaßen ein wenig verstauen. Wer’s sportlicher mag, kann durch Drehen der Aufnahme den Lenker mit wenigen Handgriffen um 20 Millimeter nach vorn verschieben. Das bringt dann eine deutlich aktivere Haltung, gut für den ambitionierten Hausstreckenfetischisten, doch für den alltäglichen Citydschungel mit seinem häufigen Stop-and-go-Verkehr passt die Standardeinstellung besser.

Sympathische Haptik

Insgesamt bewegt sich die XJ leichtfüßig, aber keineswegs nervös übers Parkett. Ihren handlingfördernd schmalen Reifendimensionen von 160/60 hinten und den gewichtsreduzierenden neuen Fünfspeichenfelgen stellt ein relativ langer Nachlauf von 106 Millimetern das stabilitätsfördernde Pendant entgegen. So macht die Yamaha immer einen leichtüßigen, aber stets verlässlichen Eindruck, der gerade Motorradneulingen sympathisch sein dürfte. Urbane Umgebung hatten auch die Fahrwerksentwickler im Blick. So kommt die XJ6 mit dem hierzulande leider so typischen, von Straßenbaubehörden vernachlässigten Innenstadt-Asphalt außerordentlich gut zurecht.

Die komfortable Abstimmung der nicht einstellbaren Gabel, sowie des lediglich in der Vorspannung justierbaren Federbeins schluckt selbst derbes Kopfsteinpflaster und beschert einen sehr angenehmen Fahrkomfort. Auf der rasant gefahrenen, kurvigen Hausstrecke, zumal mit Flickenasphalt versehen, kommt dadurch jedoch schnell wabernde Unruhe ins Gefährt. Trotz des unbestritten leichtfüßigen Handlings entpuppt sich die dynamisch auftretende Yamaha hier eher als Schaf im Wolfspelz, das lieber gemütlich tourt als Supersportler jagt. Doch für letzteres hält Yamaha ja die Schubalde mit den etwas teueren Angeboten in Form der sportlicher aufgestellten FZ6 bereit.

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Segensreiches ABS

Wird’s mit der XJ6 zu heftig, helfen im Bedarfsfalle die effektiven Stopper aus der Patsche: Vorn verarbeiten zwei Scheiben mit Doppelkolbenzangen den Vortrieb wirkungsvoll und gut dosierbar, gegenüber der FZ6 0,5 Millimeter dünner ausgeführt minimieren sie die ungefederten Massen um rund 180 Gram. Hinten wirkt die Einzelscheibe mit 245 Millimeter Durchmesser dagegen recht stumpf, die Wirkung ist nicht sonderlich gut dosierbar. Eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, egal, ob Anfänger oder Experte, ist das segensreiche ABS, mit dem Yamaha die unverkleidete Hübsche für 545 Euro Aufpreis bestückt – diese ABS-XJ6 ist erfreulicherweise sofort verfügbar, die vom deutschen Importeur später bestellte ABS-lose XJ trudelt erst im Mai beim Yamaha-Händler ein. Beim Antrieb vertraut die XJ einem klassischen Reihenvierzylinder japanischer Prägung, der in seiner Grundkonstruktion schon die sportliche Schwester FZ6 befeuert – mit einem Bohrungs-Hubverhältnis von 65,5 x 44,5 mm und der hohen Verdichtung von 12,2:1 erreicht der neue Reihenvierzylinder seine Spitzenleistung bei 57,0 kW (78 PS) bei 10.000 U/min, das Drehmoment-Maximum von 59,7 Nm steht bereits bei bei 8.500 U/min zur Verfügung.

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Verringerter Schadstoffausstoß

Unheimlich viel Feintuning an Motorenperipherie, Nockenwellen und Kennfeldern der Einspritzanlage kappen den Vierling nicht nur auf die versicherungsgünstige Leistung. Gezielte Maßnahmen wie ein auf 32 Millimeter reduzierter Drosselklappen-Durchmesser – in der FZ6 misst er weiterhin 36 Millimeter – und schlankere Einlasskanäle bescheren der XJ vor allem in der Drehzahlmitte spürbar kräftigeren Druck. Neue Nockenwellen mit geringerer Ventilüberschneidung von 34 Grad bringen ebenfalls mehr Drehmoment, tragen aber auch zur Reduktion unverbrannter Frischgase bei, womit der Schadstoffausstoß weiter verringert werden konnte. Nicht unwichtig ist in diesem Zusammenhang die neu gestaltete 4-in-2-in-1-Auspuffanlage mit den vier markanten Krümmern, die in einen kompakten, mittig unter dem neuen Stahlrohrrahmen platzierten Schalldämpfer münden. Dem dreistufigen Reflektionsschalldämpfer entweicht ein bemerkenswert kräftiger Sound, ein Dreiwege-Katalysator und eine Lambdasonde helfen, die Schadstoffe weiter zu verringern.

Ungeachtet aller drehmomentfördernden Maßnahmen tut sich der Four unten herum konstruktionsbedingt immer noch etwas schwer, doch subjektiv tut der XJ die fleischigere Mitte einfach gut. Mit dieser Auslegung ist es nicht unbedingt nötig, den eigentlich sanften Four bis in den kribbeligen Bereich jenseits der 9000 Touren zu hetzen – ausreichend Vortrieb gewährt das Aggregat schon deutlich darunter. Hilfreiche Assistenten findet der Motor im mit etwas langen Schaltwegen versehenen, aber gut abgestuften und sauber schaltbaren Sechsganggetriebe sowie in der überarbeiteten Kupplung: Der Ausrückmechanismus liegt nun innen, verlangt nur minimale Betätigungskräfte und vermittelt eine gute Rückmeldung beim Einkuppeln. Das macht die Motorleistung richtig gut nutzbar für ein unkompliziertes und jederzeit locker beherrschbares Fahrerlebnis.

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Zweckorientiertes Zubehör

Zu einem solch vielseitig einsetzbaren Motorrad gehört ein passendes Zubehör-Angebot, mit dem die Basis-XJ besser auf die jeweiligen Einsatzzwecke modifiziert werden kann. Yamaha bietet dafür einige Gepäckoptionen, einen Motorschutzbügel sowie einen Hauptständer – dieser ist leider nicht serienmäßig, schade eigentlich bei einem Motorrad mit Kettenantrieb. Doch irgendwo müssen die absolut erschwinglichen Preise von 5950 für die Basis- und 6495 Euro für die ABS-Variante der neuen XJ6 ja herkommen, zumal der unproblematische Fahrgenuss bereits inbegriffen ist.

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Text: Thilo Kozik

Bilder: Yamaha