Vom Col de l´Iseran zum Grand Ballon in den Vogesen

Kurvenreiche Passstraße zum Grossen Sankt Bernhard
Kurvenreiche Passstraße zum Grossen Sankt Bernhard - Bild 10 | 15
Vom Col de l´Iseran zum Grand Ballon in den Vogesen

Vom Col de l´Iseran zum Grand Ballon in den Vogesen


Bella Italia und zurück

Unter diesem Motto fuhr ich mit dem Autozug und meiner Aprilia Atlantic 500, am Sonntag dem 13. Juni 2010 um 15:54 Uhr von Düsseldorf über Koblenz, Frankfurt, Karlsruhe, Freiburg nach Basel. Ein kurzer Aufenthalt zum Lock- und Personalwechsel, dann geht die Fahrt weiter.

Von Domodóssola kommend erreichen wir in den frühen Morgenstunden, bei einem herrlichen Sonnenaufgang, den Lago Maggiore. Nach Arona, Oléggio und Novara überqueren wir den Po nördlich von Valenza. Zwischen Novara und der Poebene bei Valenza erstreckt sich ein unendliches Reisanbaugebiet das von vielen Bewässerungskanälen durchzogen wird. Außerdem ist Valenza/Po als „Stadt des Goldes“ bekannt, denn hier sind Gold- und Edelstein-Schmuckarbeiten sehr günstig zu erwerben. Pünktlich treffen wir um 7:25 Uhr in der Provinz Piemont, in Alessandria ein.

Vom Bahnsteig zum Entlade-Terminal mussten wir bei 28°C und mit komplettem Gepäck treppauf und ca. 500 Meter zurücklegen. Gegen 9:00 Uhr hatte ich meine Maschine wieder fahrbereit bepackt. Noch ein Anruf zuhause und das Navi programmieren, dann konnte es losgehen. Nach Alessandria, der Stadt des Borsalinohutes, die Kopfbedeckung der Leinwandmafiosi und der angrenzenden Weinstadt Asti, bekomme ich das Großstadtflair von Turin zu spüren. Turin ist auch als Dorado für Naschkatzen, mit Italiens besten Pralinen, bekannt. Dreierlei Autobahn-Systeme in Turin verwirren mein Navi aber mit Hilfe der Orts-Beschilderung finde ich das „Valle di Susa“, und verlasse nach der Grenzstadt Giaglione, Italien. Durch das „Massiv du Mt. Cenis“ führt die Passstraße SS 25 in sehr kurzen Kehren nach Molin Belvedere / Frankreich. Auf der Bergfahrt findet man noch einige der urigen roten Straßenwärterhäuschen „AS Cantoniera“, mit dem Hinweis auf die Bundesstraßen-Kennzeichnung „S.S.N. 25 DEL MONCESINIO KM 58“. Auf dem zu passierenden Hochplateau befindet sich der  höchstgelegene Stausee der Alpenregion, der „Lac du Mont Cenis“.

Auffahrt zum Col de l´Iseran

Den Aufstieg zum „Col du Mont Cenis“ (2083 m) auf der D 1006 und die Abfahrt nach Lanslebourg am Mont Cenis in der Provinz Savoyen, erlebe ich bei strömendem Regen und bin um die Erkenntnis reicher, wie viele Kehren und Steilstrecken man auf fünfzig Pass-Kilometer unterbringen kann, unglaublich. Aber ich bin auch stolz auf meine Leistung, denn die fränkischen Könige Pippin und Karl der Große überquerten ebenfalls an dieser Stelle die Alpen, allerdings nicht auf einer Aprilia Atlantic 500.  Da der „Col de l´Iseran“ gesperrt ist muss ich hier in Lanslebourg übernachten. Von meinem Zimmer im Hotel „La Vieille Poste“, das von jungen Leuten geführt wird, kann ich die Dorfstraße, das „Massif de la Vanoise“ und den Fluss Arc, der nach 128 km in die Isére mündet, bei immer noch strömendem Regen erkennen. Nach einem guten Abendessen, einer Lammhaxe, muss ich dringend noch einiges an Schlaf nachholen.

Auffahrt zum Massiv du Mt. Cenis


Am nächsten Morgen ein stärkendes Frühstück und in Regenkleidung muss die Fahrt  weitergehen, denn der in den Alpen höchste befahrbare Pass, der „Col de l´Iseran“ mit 2770 Metern, ist heute Morgen geöffnet worden. Über die D 902 und Lanslevillard fahre ich ins Hochtal der Isére. Die Regentropfen auf dem Visier behindern eine sichere Fahrweise auf der sehr schmalen Bergstraße und den Ausblick auf die schöne Bergregion. Unten in einem Seitental kann ich „Bonneval sur Arc“ erkennen. Die Schneefelder reichen jetzt teilweise bis auf die Straße. Nach dem Passieren der Passhöhe bei 12°C und in dichtem Nebel, hört der Regen auf. Eine eindrucksvolle Bergkirche und Murmeltiere begrüßen mich. Die 50 km lange Abfahrt beginnt mit einer 16 km langen Serpentinen-Strecke bis zum Wintersportort „Val d´Isére“- Le Fornet,  in 1800 m Höhe. Vom tiefer gelegene Ortsteil La Daille sieht man den „Lac du Chevril“. Nach der ca. 7 km langen Durchfahrt der folgenden Tunnel: Tunnel de la Daille, Tunnel des Fenetres, Tunnel des Rossetti, Tunnel la Reculaz, Tunnel du Villiaret du Nial und dem Tunnel du Chevril hat man einen wunderschönen Ausblick auf die 160 Meter hohe Staumauer und Les Boilles.
Blick von Cornaux zum „Lac de Neuchâtel“


Übergangslos führt die D 902 bei Montvalezan auf die schmale aber steile Bergstraße (N 90 bzw. SS 26) zum „Col du Petit St.-Bernard“ in den Grajischen Alpen, die das Tal der Isére mit dem Aostatal verbindet und von Napoleon III erbaut wurde. Hier verläuft auch die Landesgrenze zwischen Frankreich und Italien. Bei schönem Wetter kann man den „Mont Blanc“ sehen. Hinter La Thuile, einer hübschen Kleinstadt in der Region Aostatal, erreiche ich nach ca. 40 km, über die Bundesstraße, die Hauptstadt Aosta. Trotz der großzügigen Bauweise ist die Stadt im Feierabendverkehr kaum zu bändigen; daher fahre ich weiter in Richtung des „Colle del Gran San Bernardo“. Der Hinweis auf die Ortschaft „Allein“ lässt mich auf einer winzigen Serpentinenstraße in die Bergwelt des „Valle d´Aosta“ abzweigen. Auf ca. 1180 Metern erreiche ich dann das „Maison Cerise bed & breakfast“, in Allein. Mit einem schönen Zimmer und nagelneuen Bad, wurde ich verwöhnte und mit Spagetti, Parmesan, Käse, Landbrot, Kaffee einem Obstler und Rotwein, gesättigt. Die Aussicht ins Aostatal war traumhaft. Auch das Frühstück ließ keine Wünsche offen. Allein ist auch alleine ein Erlebnis. Mittlerweile regnet es wieder. Nach einem netten Abschiedsgespräch mit dem Hausherrn erreichte ich die steile und kurvenreiche Passstraße zum Grossen Sankt Bernhard. Hier waren sehr viele Straßen-schäden und Baustellen zu überwinden. Auf der Bergfahrt kann man an verschiedenen Stellen die Tunnelröhre des Passes sehen. Im oberen Bereich lagen viele Schneefelder dicht an der Passstraße. Der Pass verbindet in 2469 Metern Höhe auf der einen Seite das Aostatal mit der Region Piemont und auf der anderen Seite das Rhonetal mit den Walliser Alpen. Das Hospiz auf der Passhöhe gründete Bernhard von Aosta um 1050. Hier wurden auch die Bernhardiner Rettungshunde, für die Suche nach Lawinen-Opfern, gezüchtet. Einige Jahre später überschritt Heinrich IV auf seinem berühmten Gang nach Canossa den Großen St. Bernhard. 800 Jahre später überquerte Napoleon Bonnaparte  auf seinem Zug nach Italien die Passhöhe und noch mal 200 Jahre später überquerte Manfred Höltken auf seiner Aprilia Atlantic 500 den Pass in die Schweiz.
Der Lac du Mont Cenis

Auf der imposanten Abfahrt vom  Grossen Sankt Bernhard nach Martigny, wo 3 große Passrouten aufeinander treffen, ist die volle Konzentration gefordert, denn es regnet sehr stark. Über Monthey, hier mündet die Vièze in die Rhone und die Glitzerwelt im verregneten Montreux am Genfer See oder auch Lac Léman, verlasse ich die Uferstraße  in Vevey, lasse Lausanne links liegen und fahre über eine Abkürzung nach Moudon an der    B 1 und weiter nach Neuchâtel. Im Vorort Cornaux finde ich eine Bleibe in der „Auberge du Vignoble“. Es ist sehr laut, denn die Schweizer gewinnen gerade bei der Fussball-Weltmeisterschaft. Das mir angebotene Zimmer ist ein Dreckstall, schmutzige Tapeten, zusammengewürfelte Bettwäsche, durchgelegene Matratzen, keine Toilette, keine Dusche auf dem Zimmer aber ich habe meine Utensilien schon im Zimmer, also Augen zu und durch. Die Küche ist hervorragend aber teuer. Das Frühstück am anderen Morgen war sehr mickrig. Zu allem Überfluss regnet es bei meiner Abfahrt wieder in Strömen aber ich kann noch einen Blick auf den „Lac de Neuchâtel“ erhaschen.

Im Tal der Doubs

Die alte aber elegante Universitätsstadt Neuchâtel oder Kantonshauptstadt Neuenburg, verlasse ich über die B 20 in Richtung La Chaux-de-Fonds. Nach einigen Kilometern folgt eine ca. 10 KM lange, wunderschöne Tunnelstrecke: Mont Sagne, Vue des Alpes und Les Hauts-Geneveys. Als sich die Tunnelröhre wieder öffnet liegen der Schweizer Jura und der Dauerregen hinter mir und die Sonne scheint. Selbst die kurvenreiche Straße (B 464) die ich zum Grenzfluss Doubs fahre, Rue du Bel-Air und Rue de Jerusalem, verheißen Sonne und schönes Wetter. Ein endloses Waldgebiet. Nach dem Passieren der Französischen Grenze, geht es aus dem Tal der Doubs in Serpentinen wieder bergauf. Über Maiche und die B 437 erreiche ich Pont-de-Roide, ein schönes Städtchen an der Doubs. Mein nächstes Ziel in den Südvogesen ist der Ballon d´Alsace mit 1247 m. Er liegt im Grenzgebiet des Elsass mit Lothringen. Es ist eine der regenreichsten Gegenden in Frankreich und beweist es auch mit leichtem Nieselregen, der mir den Blick zurück auf die Alpen verwehrt.

Kurvenreiche Passstraße zum Grossen Sankt Bernhard

Über den Col de Bussang, hier entspringt die Mosel in 775 m Höhe, fahre ich nach Thann und biege dort nach Cernay ab. Die folgende kurven- und waldreiche Nebenstrecke führt mich zum höchsten Berg der Vogesen, dem Grand Ballon oder Große Belchen, in 1424 Metern Höhe. Der Grand Ballon ist der kälteste Ort des Elsass (bis -30°C) und hat die höchsten Windstärken. Die Schneehöhe liegt im Winter meist über 1,0 Meter. Über die Vogesenkammstraße –Route des Crêtes- überquere ich den Pass, natürlich bei Regen, in 1343 Metern Höhe. Zwischen dem Markstein- und dem Hartmannswillerkopf geht´s abwärts und vor dem Col d´Hahnenbrunnen(1180 m) auf einer Serpentinenstrecke zum Col du Platzerwasel in 1193 m Höhe und wieder abwärts in Richtung Munster, dem Hauptort und Nadelöhr des Münstertals, das von der Flecht durchflossen wird. Munster wird in deutsch und französisch als Münster ausgesprochen. Es regnet wieder in Strömen. Beim Tanken am Ortsausgang wird mir das Grand Hotel empfohlen, das ich auch auf Anhieb finde. Meine Unterkunft für diese Nacht ist ein kleiner Bungalow und für mein Moped ist auch eine Garage vorhanden. Das Hotel macht einen sehr guten Eindruck. Eine echt elsässische Gemüsesuppe stillt meinen Hunger und die Kehle erfreut sich am Weizenbier. Die Berichte der Generalversammlungen des Hotels, in der ausliegenden Hauschronik, sind bis 1914 alle in deutscher Sprache und seit 1924 in französischer Sprache verfasst. Bei meinem anschließenden Abendspaziergang zur protestantischen Kirche am Place du Marché, machen mich 16 Störche lautstark auf ihre Nistplätze, auf dem Dach des ehemaligen Bischhofspalais, aufmerksam. Für mich war das ein Erlebnis, die Einheimischen erleben es jedes Jahr neu. Der Weißstorch gilt hier heiliger Vogel und Glückssymbol für das Elsass.

Sonnenaufgang am Lago Maggiore


Nach dem Frühstück beginnt der Regen und ich flüchte über Turckheim, Kaysersberg, Col de Bagenelles( 903 m), durch einen 10 km langen Tunnel auf der N 59, biege dann über den Col de Saales(556 m) und der N 420 in Richtung  Schirmeck ab. Nun lässt auch der Regen nach und die Sonne blinzelt mich an. Ca. 20 km Von Schirmeck, am Col du Donon entspringen die beiden Quellflüsse der Saar –die Weiße und Rote Saar-. Durch eine landschaftlich schöne Strecke  mit Obstanbaugebieten und netten kleinen Dörfern, fahre ich über Westhoffen, Wasselone, Willgottheim nach Brumath. Hinter Brumath ein Stück über die Autobahn (A 35) bis Lauterbourg und 20 km durch den Naturpark „Nördliche Vogesen“, entlang der Lauter bis zur Grenzstation in Wissembourg, einem architektonisch sehr interessanten Städtchen, dem man einen Rundgang widmen sollte.
Unterhalb von„Val d´Isére“- Le Fornet, der „Lac du Chevril“ und „Les Boilles“

Nach 6 Tagen bin ich nun wieder auf Deutschem Boden und fahre über die B 38 nach Bad Bergzabern. Es gehört zum Landkreis „Südliche Weinstraße“. Die nächsten Stationen sind Landau, Neustadt an der Weinstraße, Bad Dürkheim, Grünstadt und Monsheim. In allen Orten sind irgendwelche Feiern und daher angeblich kein Zimmer frei. Man hat mich von Pontius nach Pilatus geschickt aber die Beiden wussten mir auch nicht zu helfen. In Abenheim –nördlich von Worms- kam nach 340 km dann die Erlösung, Winzer Cleres hatte ein ganzes Gästehaus für mich frei gehalten. Ein tolles Gästezimmer mit einem riesigen Fernseher und ein modernes Bad brachten mich wieder auf Vordermann. Zur „Speisegaststätte Isenberg“ war es nicht weit, dort konnte ich Hunger und Durst auf ganz exklusiver Art stillen. Ein traumhaftes Frühstücksbuffet auf dem ausgebauten Dachboden am Morgen, mit Ausblick über Abenheim, rundete diesen schönen Aufenthalt ab. Weinfelder begleiteten mich auf der Weiterfahrt bis zur B 9.

Der Rhein bei Kaub

Schnurgrade führt sie mich nach Oppenheim. Leider habe ich von dem Krötenbrunnen nichts gesehen oder geschmeckt. Über die A 60 erreiche ich Bingen und die Rheinuferstraße (B 9). Das Wetter, der Rhein und die Burgen verwöhnen die strapazierten Augen. Lorch mit der Pfarrkirche St. Martin auf der anderen Rheinseite, Burg Stahleck in Bacharach mit der großen Jugendherberge, die Pfalz oder Burg Pfalzgrafenstein bei Kaub und im Hintergrund Burg Gutenfels. Nach Burg Maus bei St. Goarshausen, setzt der Regen wieder ein. Die B 9 wird von Koblenz bis Remagen als Autobahn weitergeführt, die ich in Andernach verlasse, fahre zum Rhein und weiter bis Sinzig zur Fähre, dort setze ich über nach Linz. Auf der B 42 geht´s rechtsrheinisch weiter flussabwärts in Richtung Königswinter. In Bonn-Beul noch mal tanken –es regnet jetzt wieder in Strömen- dann  fahre ich über die A 59 und A 3 in Richtung Heimat, nach Spellen am Niederrhein.

Text/Fotos: AtlantikManni