Motorradtour Frankreich: Seealpen komplett - Route des Grandes Alpes

Motorradtour Frankreich: Seealpen komplett - Route des Grandes Alpes


Frankreichs Top Ten

Sie gehört wie die Dolomiten zum Pflichtprogramm eines jeden Bikerlebens: die „Route des Grandes Alpes“. Sie verbindet die französische Haute-Savoie mit allen namhaften Pässen der Seealpen, sie schwingt durch die Haute-Provence bis zur Küste der legendären Cote d’Azur. Sie verspricht Kurvengenuss auf vielen Hundert Kilometern – und sie hält dieses Versprechen …

Vor einer Stunde sind wir in Martigny im Hotel aufgeschlagen und sitzen erschöpft bei einem leckeren Entspannungs-Cappuccino in der Hotelbar. Es gilt, sich ordentlich auszuruhen, denn ab morgen liegen satte 800 km schwindelerregender Kurventanz vor uns. 16 Pässe, davon 6 bis auf über 2.000 Meter reichend, sowie satte 17.000 Höhenmeter bergauf und bergab geben unserem Tourenplan ordentlich Pfeffer. Deshalb geht es an diesem Abend ausnahmsweise früh ab in die Heia.

Martigny im Rücken treibe ich am anderen Morgen unsere BMW zum offiziellen Startpunkt der „Route des Grandes Alpes“ in Thonon-les-Bains am Südufer des Genfer Sees. Natürlich nicht, ohne in Evian-les-Bains unserer Vorräte mit dem teuersten Wässerchen Europas aufzufüllen – gratis an der berühmten Cachat-Quelle. Dann geht es bergan in die Hügel der Haute-Savoie, einem Tourenrevier der Extraklasse. So genial, dass es eigentlich ein eigenes Kapitel verdient hätte. Richtung Chamonix und Mont-Blanc leitet uns das Navi, über den berühmten Wintersportort sowie den unscheinbaren Col del a Forclaz erreichen wir die Nordrampe zum 2.473 m hohen Großen St. Bernhard-Pass – ja genau dem mit den Bernhardinern.

RouteDesGrandesAlpes_01

Unmittelbar hinter dem historischen Hospiz oben auf der Passhöhe beginnt unser kurzer Schlenker nach Italien, der Einzige auf dieser Tour. Wir huschen hinunter nach Aosta und gen Westen hinauf zum Kleinen St. Bernhard. Dichte Regenwolken liegen über den Ruinen der ehemaligen Grenzstation zwischen Italien und Frankreich, als wir die Passhöhe erklimmen. Ein kräftiger Wind sorgt für leichtes Frösteln. Ich gebe Stoff. Bei Seez erreichen wir wieder unser Thema „RGA“, die Sonne streift bereits die umliegenden Gipfel des Massif de la Vanoise, als wir uns über den Lac de Tignes dem Wintersportgiganten Val d'Isère nähern. Jetzt in der Zwischensaison ist ein freies Zimmer rasch gefunden und wir beschließen den Tag auf über 1.800 Höhenmetern.

Blitzbesuch am Iseran

Nur drei von zwölf Monaten im Jahr ist er befahrbar, der höchste Pass der „RGA“, der Col de l‘Iseran. Kein Baum, kein Strauch wächst hier auf unwirtlichen 2.770 m, ein eiskalter Wind pfeift um die Ecken der Gipfelkirche. Unisono lassen wir Mopedjacken, Handschuhe, Helm, ja sogar Visiere fest geschlossen. Grandiose Landschaften liegen zu unseren Füßen, dreitausend Meter und mehr ragen die Felsen in den Himmel. Wir stehen auf dem Dach der französischen Alpenwelt - und bibbern eine Runde um die Wette.

Erst im hübschen Bergdorf Bonneval-sur-Arc 900 Höhenmeter tiefer tauen wir bei zwei leckeren „Café au Lait“ rasch wieder auf. Zum ersten Mal die Qual der Wahl haben wir bereits in St.-Michel-de-Maurienne. Denn Col du Télégraphe, Galibier und wenige Kilometer westlich der Col de Glandon sowie der Croix de Fer locken uns mit unterschiedlich satten Höhenmetern. Doch wir bleiben standhaft und eng am Thema, wählen Télégraphe und Galibier, nicht ohne den anderen beiden zu versprechen, auf unserer Heimreise auf jeden Fall vorbeizuschauen.

ColDuGalibier_01

In den Tälern der französischen Seealpen steht der Sommer in voller Pracht. In langgezogenen Kehren geht es vom Télégraphe zunächst auf gut ausgebauter Strecke bergan. Doch bereits wenige Kilometer hinter Valloire wechselt die Piste ihr Gesicht, wird schmäler, helmtiefe Schlaglöcher zwingen zu eiertanzartigen Ausweichmanövern. Auch für die Tour de France ist der Aufstieg zum Galibier alljährlich eines der fahrerischen Highlights. 2.646 Höhenmeter wollen erobert werden. In einer ausgiebigen Verschnaufpause auf des Gipfels Bikertreff genießen wir die prachtvollen Ausblicke, ja ganz in der Ferne glitzert sogar der Mont-Blanc herüber.

Das einstige Militärlager Briançon ist heutzutage nicht nur Europas höchstgelegene Stadt, sondern auch ein einzigartiges Zeitzeugnis. Die von haushohen Mauern umgebene winzige Altstadt ist bequem zu Fuß zu erkunden, Cafés und Kneipen laden zum Boxenstopp.

Vorbei am malerischen Lac-de-Serre-Ponçon schwingen wir spätabends im Feierabendverkehr in das quirlige Provinzstädtchen Gap und suchen uns ein nettes Quartier nahe der sehenswerten historischen Altstadt.

Ungeduldige Aufbruchstimmung

Kaum haben wir uns anderntags am typisch französischen Frühstück „gestärkt“, stellt uns das Roadbook erneut vor die Qual der Wahl. Denn wenige Kilometer östlich streiten der Col de Maure, Col du Labouret, Col d'Allos, der Cayolle und Vars sowie der sagenumwobene Col de la Bonette um unsere Gunst. Salamitaktik hilft uns, wir beschließen scheibchenweise am Thema zu bleiben. Nach einem Abstecher auf die landschaftlich schönen Col de Maure und Col de Vars geht es mit frischem Schwung mitten hinein in die Gipfelwelten des Parc National de Mercantour, hinauf zum Col de Cayolle, immer auf der „Route des Grandes Alpes“. Und den Col de la Bonette reservieren wir uns als Leckerbissen für die Heimreise. Hoffentlich hält das Wetter!

ColDeLaBonette_01

Stünde dort oben am Pass nicht eine schmucklose Gedenktafel, ich gebe zu, wir hätten den Col de Cayolle vor lauter Kurvenschwung glatt übersehen. Nur ein paar Wanderer nutzen mit uns die Gunst dieses herrlichen Sommertages, wir grüßen freundlich und schwingen weiter gen Süden. Dort wartet die berühmte Cote d’Azur – und ganz fern am Horizont kann man sie schon schimmern sehen. Meter um Meter huschen wir tiefer, die Temperaturen an der Küste bei Menton knacken an diesem Tag die 30 °C. Puh ist das heiß hier…
Eineinhalb Tage schauen wir uns um, strecken unsere blassen Bikerwaden sogar knietief ins Mittelmeer, dann heißt es Abschied nehmen. Denn ER steht ja noch in Großbuchstaben auf unserem Roadbook - der Col de la Bonette.

Kleine Geschichtsstunde

Von Süden kommend führt dessen Rampe durch einige militärische Geisterdörfer am Zwischenpass Restefond de la Bonette in eindrucksvoller Panoramalage. Wenige Kurven weiter liegt die Pass-Straße inmitten einer fremdartigen, ja fast lebensfeindlichen Mondlandschaft vor uns, führt als Belohnung aller fahrerischen Mühen 60 Meter unterhalb des Bonette-Gipfels einmal um das Massiv herum. Nahezu senkrecht geht es über die Gashand in die Tiefe, kein Geländer, keine Leitplanke würde einen Fahrfehler ausbügeln, den freien Fall verhindern. Sozia Kirsten klammert heftig, oben angekommen heißt es Seitenständer raus, absteigen, durchatmen und entspannen. Das Ganze inmitten einer grandiosen Alpenkulisse.

Fahrerisch haben wir mit dem Cime de la Bonette den Höhepunkt der französischen Alpenpässe und damit auch der „Route des Grandes Alpes“ erreicht. Mit Croix de Fer, mit Glandon und natürlich dem Galibier wird aber auch der Heimweg zu einem Genuss, an den wir uns noch lange erinnern werden. Und das nicht nur, weil uns oben auf dem Galibier doch glatt 10 spontan gefallene Zentimeter Neuschnee erwarten. Aber davon ahnen wir im Moment noch nichts …

Text und Bilder: Heinz E. Studt

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