Tagebuch Motorradtour Franken, Teil 2

Tagebuch Motorradtour Franken, Teil 2


Wir rollen mit rrrolendem "R"

Weiter geht es bei Kaiserwetter den Main entlang Richtung Miltenberg. Ein bizarres Bild bieten die zahlreich am Straßenrand abgestellten Wohnwagen. Im Rahmen der Jahrhundertflut, die nur wenige Tage vor unserer Tour alle Flußauen in Bayern überflutet hatte, waren zahlreiche der Dauercamper-Domizile in High-Speed-Rettungsaktionen vor den herannahenden Wassermassen einfach an die höhergelegenen Landstraßen verfrachtet worden.

Motorradtour Franken, 3. Tag

In Miltenberg, dessen tolle Altstadt wir leider nur in der Vorbeifahrt aus den Augenwinkeln bewundern können, überqueren wir den Main und entern damit die in weiten Teilen zu Baden-Württemberg gehörende Region Tauberfranken (www.liebliches-taubertal.de). Nach einigen Kilometern in östlicher Richtung wartet mit der Zisterzienserabtei Bronnbach (www.kloster-bronnbach.de) bei Wertheim auch schon das nächste kulturelle Highlight der Region auf uns. Nach kurzem Besichtigungsstopp und dem bei über 30 Grad nicht zu vergessenden Wasser-Nachtankens für die Fahrer verlassen wir das Tal der Tauber und haben plötzlich richtig viel Aussicht: Die Hochebene der Frankenhöhe verwöhnt mit „viel Licht“ und ganz weiten 360-Grad-Panoramablicken bis zum Horizont. Gefühlt viel zu schnell ist daher mit Weikersheim auch das nächste Zwischenziel erreicht. Dieses wartet auch gleich mit einer handfesten Überraschung auf, da unser Reisegrüppchen – ohne Detailkenntnisse in südwestdeutscher Geschichte – eigentlich „nur“ eine malerische Fachwerkstadt erwartet hatten. Aber der Ort hat viel mehr zu bieten: konkret ein Barockschloss der Extraklasse, das von den Grafen von Hohenlohe mit einer aufwändigen Gartenanlage nach Vorbild von Versailles angelegt wurde (www.schloss-weikersheim.de). Wer seine Tour passend timen kann, sollte sich übrigens das kulturelle Highlight der Saison nicht entgehen lassen: das große Konzert im Schlossgarten inklusive Feuerwerk, das traditionell am ersten Juli-Wochenende steigt. Aber auch ohne musikalische Untermalung ist Stadt und Schloss ein echter Geheimtipp – hinfahren!

Eindrucksvolles Ensemble: Kloster Bronnbach (TK)

Nach soviel barocker Pracht locken die nicht minder attraktiven kulinarischen Highlights des fränkischen Weinlands (www.fraenkisches-weinland.de). Dort geht es zunächst zum Lump, genauer gesagt auf den Escherndorfer Lump. So nennt sich einer der Top-Reblagen, die sich rund um die Volkacher Wein-, äh, pardon, Mainschleife befinden. Vor Ort bekommen wir außer einem traumhaften Blick auch gleich handfeste Infos rund um Weinanbau, Rebpflege und Erntemethoden vermittelt. Nach so viel theoretischem Wissen – inklusive einem kurzen Abstecher zur Wein-Wallfahrtskirche Maria im Weingarten (www.volkach.de/de/Ausflugsziele-89.html) – ist dann auch endlich etwas Zeit für eine Verkostung der Volkacher Tropfen, genauer gesagt der Weine von Rainer Müller (www.max-mueller.de). Er stellt stellvertretend für eine Riege anspruchsvoller fränkischer Winzer, die aus den heimischen Lagen und traditionellen fränkischer Rebsorten wie Silvaner und Müller-Thurgau – aber auch beim Riesling – mit Ertragsreduzierung, moderner Kellertechnik und viel Know-how Spitzenweine produzieren. Weinfreunde sollten daher aufpassen (oder gleich einige Tour-Tage mehr einplanen) eine Test-Runde im fränkischen Weinland wird mit Sicherheit länger dauern als gedacht. Tipp: das Fränkische Weinfest in Volkach – dieses Jahr vom 15. bis 20. August.

Einfach Pause machen: im „lieblichen Taubertal“ (AB)

Motorradtour Franken, 4. Tag

Doch nicht nur Weinproben können in Volkach den Tourschnitt in Sachen km-Leistung empfindlich ins Wanken bringen. Auch ein Wechsel des Verkehrsmittels – Stichwort Kanuwandern – hilft zwar nicht beim „Kilometermachen“, öffnet aber zahlreiche neue Ein-Sichten und Blickwinkel auf den Fluß und seine Bewohner und ist – wie wir bei einer leider nur einstündigen Paddelprobe feststellen konnten – auch wärmstens zu empfehlen.

Topolino-Alarm: kleine Fiats in Weikersheim (vdf)

Doch auch die Gashand will zu ihrem Recht kommen. Daher satteln wir am späten Vormittag wieder die Bikes mit dem Naturpark Haßberge (www.hassberge-tourismus.de) als nächstem Ziel. Die Landschaft wird wieder bergiger und ist im Herzen der Hassberge – zumindest gefühlt – ähnlich stark bewaldet wie der Spessart. Vergleichbar dünn besiedelt ist die Region. Dauer-kurvig und dabei durch die Wälder angenehm kühl sind hier auch die Routen – kurzum ein weiteres Fahr-Paradies im Herzen Frankens. Hinzu kommen viele Burgen und Ruinen und zahlreiche geschichtsträchtige Orte, wie etwa Zeil am Main (www.zeil-am-main.de), das im Mittelalter als ein Zentrum der Hexenverbrennung galt. Seit Ende 2011 gibt es in dem ebenso beschaulichen wie sehenswerten Fachwerkstädtchen den Hexenturm, in dem dieses dunkle Kapitel europäischer Geschichte anschaulich aufgearbeitet wurde (www.zeiler-hexenturm.de). Bevor hier ein falsches Image entsteht: Die Bewohner von Zeil im 17. Jahrhundert waren sicher keine Engel. Die besonders hohe Zahl der Hexenprozesse ergibt sich jedoch auch aus der Deportierung der Angeklagten aus dem Bischofssitz Bamberg. Die dortigen Fürstbischöfe wollten das schmutzige Geschäft von Folter und Hinrichtungen lieber nach Zeil „outsourcen“. 

Nicht minder interessant wie Zeil ist das nur rund 15 Fahrminuten entfernt liegende Städtchen Königsberg in Bayern (www.koenigsberg.de). Die unter strengem Denkmalschutz stehende Altstadt ist ein Leckerbissen für alle Fachwerk-Fans. Mit allem, was dazu gehört, inklusiver verwinkelter Gässchen, einer mittelalterlichen Burgruine mit tollem Ausblick und sogar einem aufwändigen Glockenspiel im Rathausdach. Wer das bezaubernde Flair alter Häuser und Gassen ohne den Stress von Busladungen mit knipsenden Pauschaltouristen aus fernen Wirtschaftsboom-Staaten genießen will, ist hier absolut richtig!

Kleinod: das Städtchen Königsberg (TK)

Gleichwohl war so ziemlich alles, was wir auf der Tour bislang an mehr oder weniger edlen, aber meist alten, Gemäuer gesehen hatten nur ein Auftakt für das nun kommende „Grande Finale“ – den alten Bischofssitz, das Zentrum Oberfrankens und „nebenbei“ auch Weltkulturerbestadt: Bamberg. Eine quicklebendige Bier- und Universitätsstadt, die ganz nebenbei mit dem größten unversehrt erhaltenen historischen Stadtkern in Deutschland gesegnet ist (www.bamberg.info). Dieser ist auch gleichzeitig das Problem der Stadt – wenn es denn eines gibt – soll heißen, als unbedarfter Tourist weiß man definitiv nicht, wo man anfangen soll. Keine schlechte Lösung ist sicher zunächst einmal DIE Sehenswürdigkeit an sich – das Alte Rathaus auf der Regnitz-Insel – anzusteuern, dort die obligatorischen Erinnerungsfotos zu machen und sich dann zügig in eine der Altstadt-Kneipen, Brauhäuser oder Biergärten („AUF den Keller!“) zu begeben und eine Verkostung der Produkte der aktuell acht in Bamberg ansässigen Brauereien vorzunehmen. Eine genaue Erkundung der Altstadt wird dann sicher noch relaxter ablaufen, denn Hektik ist hier fehl am Platze. Ein echter Geheimtipp ist übrigens eine Besteigung des Dombergs am frühen Abend, wenn die allgegenwärtigen Touristenbusse des Terrain wieder verlassen haben. Allen, die etwas strukturierter aber gleichwohl sehr kurzweilig einen Einblick in die Bamberger Geschichte und Geschichtchen bekommen wollen, sei eine Stadtführung klassischer Art oder eine Abendführung mit einem original Bamberger „Nachtwächter“ empfohlen.

Einladend: Altstadt von Weikersheim (TK)

Fazit: 

Wenn man sich etwas abseits der großen Routen hält, verwöhnen alle Teile Frankens mit meist sehr wenig Verkehr und Straßen in gutem Zustand – kurzum ein perfekter Rahmen, um seinem Motorrad etwas Auslauf zu gönnen. Dazu runden abwechslungsreiche Landschaften und haufenweise Pausenorte und -städte von reizend bis reizvoll diese ideale Motorradgegend perfekt ab – und das alles ist auch noch sehr praktisch zentral in Deutschland gelegen. Kurzum: Franken ist weit mehr als nur ein Motorrad-Geheimtipp. Wer noch nicht da war: hinfahren und genießen!