Motorradreise Ardèche / Frankreich

Motorradreise Ardèche / Frankreich


Mehr als nur ein Fluss

Seinen Namen verdankt das Departement Ardèche dem berühmten Fluss und wird gleichzeitig von vielen auf genau diesen reduziert. Und damit tut man der Region keinen Gefallen, denn sie hat deutlich mehr zu bieten als Paddel-Vergnügen und das berühmte Pont d’Arc. Als Motorradfahrer hat man fast die Qual der Wahl. Warum? Weil die Auswahl an Strecken so groß ist.

Das Departement Ardèche liegt tief im Süden Frankreichs, knapp unterhalb von Lyon geht es los. Die Gesamtfläche beträgt mehr als 5.500 km², davon sind ca. 31% bewaldet. Auf dieser Fläche leben gerade einmal 313.000 Einwohner, also gerade einmal 57 je Quadratkilometer. Zum Vergleich: Hessen kommt auf 285. Von dichter Besiedlung kann also keine Rede sein. Will ja auch keiner, auf 2 motorisierten Rädern ist meistens der Weg das Ziel. Der Weg nach Ardèche kann sich allerdings ziehen. Bis nach Südfrankreich ist es nun mal ein Stück. Wir haben die Motorräder auf Anhänger verladen und sind an jeweils einem Tag hin und zurück gerollt. Die schönere Variante ist für An- und Abreise jeweils 2 Tage zu planen und diese bereits zur Tour zu machen.

Planzolles 01

Treffpunkt der Gruppe war in Les Vans, einem kleinen Ort im Südosten der Ardèche. Nach der langen Anreise gönnten wir uns ein hervorragendes Abendessen auf der Hotelterrasse bei unglaublich angenehmen Temperaturen. Immerhin hatten wir Ende September, doch im Gegensatz zur immer kälter werdenden Heimat war T-Shirt angesagt. Schnell noch die Motorräder vom Hänger geholt und nach einem letzten Stück Käse und Rotwein ab in die Falle. Der nächste Morgen begann wie der Abend endete. Angenehm warm und mit einem guten Essen – in diesem Fall dem Frühstück.  Danach schnell die Mopeds mit dem notwendigen Gepäck für die nächsten Tage gepackt und los geht die Tour. Auf kleinen und schmalen Nebenstraßen geht erst einmal Richtung Joyeuse. Die Gegend ist felsig, die Straße schlängelt sich durch die großen Brocken. Wir befinden uns im Bois de Paiolive, einem Labyrinth aus grünen Steineichen und weißen, zu Skulpturen geformten Kalkfelsen. Die erste Rast machen wir bei einer Käserei. Genauer gesagt einer Ziegen-Käserei in Planzolles. Die Auswahl erschlägt einen förmlich. Von schneeweiß bis schmutzig-dunkelgrau reichen die Farb-Facetten, im Wesentlichen abhängig vom Reifegrad. Die Verkostung lässt einem noch heute das Wasser im Mund zusammenlaufen, in Anbetracht der knappen Ladekapazitäten verzichten wir allerdings aufs Shopping. Mittagspause machen wir dann in dem wunderschönen Örtchen Labeaume, idyllisch in einer engen Felsschlucht gelegen. Weiter geht es Richtung des bekanntesten Naturdenkmals der Region: dem Pont d'Arc. Die Anfahrt entlang der Ardèche ist schön kurvig, allerdings in Sachen Geschwindigkeit streng reglementiert und zusätzlich noch  stark befahren. Die Blechlawine in der Hauptsaison muss gigantisch sein. Der Felsbogen über die Ardèche ist allerdings sehr beeindruckend. Es ist sehr warm und der Fluss lockt mit einem erfrischenden Bad. Als aber der zweite Reisebus eine Menschenmenge ausspuckt, machen wir schnell noch Bilder und ergreifen die Flucht.

Pont d'Arc 02

Erstaunlich wie schnell man den Trubel hinter sich lässt. Nach wenigen Kilometern biegen wir von der Hauptstrecke ab und fahren an der südlichen Grenze der Ardèche dem Rhonetal entgegen. Die Temperaturen sind mittlerweile sehr sommerlich, da kommt der nächste Stopp gerade recht. Wir besichtigen die Höhle Aven d’Orgnac die sich in einem Höhlennetz von über 4 km erstreckt. Tief unter der Erde liegt die Temperatur bei konstant 11 Grad, tauch man in eine eigene und vor allem unvorstellbar alte Welt. Wahre Kathedralen in unterschiedlichen Hallen breiten sich vor unseren erstaunten Augen aus. Der tiefste Punkt der Tour liegt bei 120 Metern unter der Oberfläche. Von hier geht es dann per Aufzug zurück in die Realität. Die letzte und längste Etappe führt uns eine kurze Strecke das Rohnetal entlang, bevor wir bei Bourg St. Andéol wieder ins Hinterland fahren. Ziel ist das Weingut Notre Dame de Cousignac, wo wir übernachten. Unser Gastgeber Winzer Raphael Pommier spricht perfekt deutsch und lässt es sich trotz der Ernte nicht nehmen uns vorzüglich zu Bewirten und zu Unterhalten. Seine Mutter kocht uns regionale Speisen, Raphael schenkt seine leckeren Weine aus. Er ist stolz auf seine Produkte und liebt seine Heimat. Es wird ein langer und sehr lustiger Abend.

Labeaume 03

Am nächsten Morgen ist unser Gastgeber schon früh unterwegs. Und auf uns wartet ein liebevoll gedeckter Frühstückstisch im Garten mit herrlicher Aussicht auf die Weinberge. So langsam dämmert uns was mit Leben wie Gott in Frankreich gemeint ist. Raphael taucht pünktlich zum Ende des Frühstücks auf und zeigt uns noch ein Kleinod des Weinguts. Etwas überhalb, in den Hügeln versteckt, steht nämlich eine kleine uralte Kapelle. Die ältesten Teile davon stammen aus dem 7. Jahrhundert. Schließlich nehmen wir doch Abschied und machen uns auf den Weg nach Privas, der Hauptstadt des Departement Ardèche.  Die Strecke führt durch dicht bewaldete, hügelige Landschaft, den deutschen Mittelgebirgen nicht unähnlich. Der Hauptunterschied zu diesen ist das hiesige Verkehrsaufkommen, denn es ist im Grunde nicht vorhanden. In Privas haben wir ein leckeres Mittagessen mit Nathalie vom Tourismusbüro Ardèche. Sie verrät uns wie wichtig gerade Touristen aus Deutschland für die Region sind. Immerhin belegen die Deutschen Platz 3 auf der Liste der ausländischen Gäste. Speziell Motorradfahrer sind gerne gesehene Gäste, die Region möchte gerne mehr Motorradgäste begrüßen. Wir können dem nur zustimmen. Von Privas geht es in Richtung Landstraße D120. Hinter dem schlichten Namen verbirgt sich eine echte Traumstraße. Über 50 km schlängelt sich die Straße entlang dem Fluss L’Eyrieux bis zu unserem Ziel in St. Agrève. Schlängeln ist dabei wörtlich zu nehmen, Kurve reiht sich an Kurve. Von weiten Bögen bis hin zu engen Kehren fährt man sich schwindelig.

Bois de Paiolive

Zwischendurch machen wir einen kurzen Abstecher nach St. Pierreville, hier besichtigen wir die Kooperative Ardelaine bei der sich alles um das Thema Schaf dreht. Gegründet wurde das Ganze in den Siebzigern. Schafswolle war ein ungewollter Rohstoff in der Region und wurde als Abfallprodukt in der Landwirtschaft gesehen. Diesen Fakt machten sich einige schlaue Köpfe zunutze und kauften den verdutzten Bauern die Wolle ab und verarbeiteten diese. Heute schert die Hälfte der Belegschaft im Sommer die Schafe und verarbeitet die Wolle zu einem begehrten Naturprodukt. Speziell die hochwertigen Matratzen, Kissen und Decken erfreuen sich großer Beliebtheit. Alles wird in Handarbeit hergestellt. Uns zieht es dennoch wieder auf die Schlängel-Straße, denn der Nachmittag neigt sich dem Ende entgegen. Tatsächlich braucht es eine Weile bis wir uns versteckt liegendes Hotel außerhalb von St. Agrève finden. Dafür entschädigt der herrliche Sonnenuntergang mit Blick auf die Höhenzüge die uns am nächsten Tag erwarten.

Mont Gerbier de Jonc

Am dritten und letzten Tag steht die längste Etappe an. Dementsprechend früh satteln wir die Motorräder. Erstes Ziel ist der Mont Mézenc mit einer Höhe von immerhin 1.753 Metern. Die Strecke ist wie man es sich wünscht. Schmal, kurvig und mit guten Gripp. Die Verkehrsteilnehmer kann man wieder einmal an einer Hand abzählen. Vom Mont Mézenc geht es direkt zum Mont Gerbier de Jonc, immerhin noch 1.551 Meter hoch. Die Straßen sind dabei gleichbleibend geil, der Verkehr gleichbleibend gering. Gefühlt haben wir das Gebirge für uns allein. Was will das Motorradfahrerherz noch mehr? Wir fahren über Antraigues Sur Volane und Vals Les Bains Richtung Aubenas. Hier wartet noch ein süßer Leckerbissen auf uns. Nougatier Cedric Deces zeigt uns in seiner kleinen aber feinen Nougat-Fabrik wie die landestypische Leckerei hergestellt wird. Uns fällt spontan der Begriff Manufaktur ein. Wer an unsere Version von Nougat denkt, ist auf dem Holzweg. Französischer Nougat wird aus hauptsächlich aus Honig und Mandeln hergestellt, ist entsprechend zuckersüß und süchtigmachend lecker. Cedric stellt seinen Nougat in kompletter Handarbeit her. Er nutzt zum Schneiden und Verpacken alte Maschinen aus den 50er Jahren. Naschenderweise frisch gestärkt nehmen wir die letzte Etappe zu unserem Ausgangshotel unter die Räder. Drei Tage schönster Strecken und vieler gewonnener Eindrücke liegen hinter uns. Jederzeitige Rückkehr nicht ausgeschlossen, schließlich haben wir nur einen kleinen Teil der Ardèche genossen.

Text: Matthias Hirsch

Bilder: Matthias Hirsch, Jochen Ehlers