BMW GS Trophy 2014

BMW GS Trophy 2014


Enduro-Abenteuer in den Rockies

Hohe Berge, endlose Pisten und tiefblaue Seen - der Westen Kanadas ist ein vielseitiges Naturspektakel, das intensive Erfahrungen garantiert. Erst recht, wenn diese Landschaft im Rahmen der BMW GS Trophy höchst ambitioniert unter die Räder einer BMW R 1200 GS genommen werden.

Schon mal was von Exshaw, Golden, Nakusp oder Christina Lake gehört? Nein? Macht nichts, deshalb braucht man nicht gleich heimlich im Erdkunde-Atlas der Kinder nachschauen. Denn diese Orte liegen allesamt im kanadischen Westen, in den Rocky Mountains, und zählen nur wenig mehr als eine Handvoll Einwohner. In diese Gegend hat es die vierte Auflage der BMW GS Trophy verschlagen, eine alle zwei Jahre ausgetragene Vielseitigkeits- und Teamprüfung, bei der die Teilnehmer sämtliche Pfade und noch viel mehr erstmals auf der wassergekühlten R 1200 GS unter die Metzeler-Grobstoller nehmen.

GS-Trophy 2014 01

Anders als von sonstigen BMW-Veranstaltungen vielleicht gewohnt, geht es bei der GS Trophy rustikal bis hemdsärmelig zu: Übernachtet wird im Zelt, fürs Frühstück und Abendessen muss man sich brav in die Schlange stellen und bekommt seinen Schlag aufs ami-übliche Plastikgeschirr. Dass diese GS Trophy kein Zuckerschlecken wird, macht Tomm Wolf, der umtriebige sportliche Leiter, Mitinitiator und Mastermind der sportlichen Vielseitigkeitsprüfung BMW GS Trophy, schon bei der Begrüßung klar: "Herzlich willkommen zur härtesten, längsten und anstrengendsten GS Trophy, die es je gab," untermalt von einem leicht diabolischen Grinsen. Nun gut, dieses Ritual gehört wohl einfach dazu, denk ich mir und kuschel mich wenig später in den Schlafsack. 

Los geht das siebentägige Wettbewerbs-Event am nächsten Morgen mit einem zünftigen Weckruf um sechs Uhr bei einer Außentemperatur von plus zwei Grad; im Verlaufe der Trophy wird sich das auf fünf Uhr und kleinere Minusgrade steigern. Den fröhlichen Südkoreanern ist das schnuppe, die sind immer eine Stunde früher dran und begrüßen den Tag mit fröhlichem Geschnatter – sehr zum Unwillen der direkten Zeltnachbarn. Dann heißt es in die Enduroklamotten klettern, Zelt abbauen und mit Schlafsack, Isomatte und persönlichem Kram im Duffle Bag verstauen. Dieser landet im bereitgestellten Kleinlaster, damit man sich voll und ganz auf die Schönheit der Natur und die anstehenden Spezialprüfungen konzentrieren kann. Und davon hat die GS Trophy reichlich zu bieten...

GS-Trophy 2014 06

Jeden Tag gehen zwei wechselnde Teams mit je einem anderen Marshall an den Start. Wir – das ist das Team Germany, bestehend aus Markus Eichberger (Peißenberg), Roman Wusch (Wiesbaden) und Thomas Becher (Stephanskirchen), die sich im Rahmen des Touratech Travel-Events in Niedereschach im Juni 2013 qualifizieren konnten – sind zuerst Wolle zugeteilt, der aus dem Harz stammt, aber schon vor acht Jahren nach Kanada ausgewandert ist. Er führt uns zum Eingewöhnen über eine wunderschöne gewundene Asphaltstraße mit atemberaubenden Ausblicken auf den Glacier Nationalpark und vorbei an vielversprechenden Namen wie Widowmaker Creek und Grizzly Creek. Als Wolle einige Kilometer später plötzlich rechts abbiegt, offenbart sich die ganze wilde Schönheit der Rockies: Erst düsen wir kilometerlang über eine raue Piste hinweg und ziehen blickdichte Staubfontänen hinter uns her, dann geht's links ab auf einen engen Quad-Pfad mitten durch den Nadelwald. Auf anfangs felsigem Untergrund arbeiten wir uns bis auf eine Hochebene, wo der bisweilen weiche und schlammige Untergrund eine erste fahrerische Herausforderung bietet, von denen noch unzählige auf die Trophy-Teilnehmer warten. Unterbrochen wird die Fahrt nur von einer knackigen Sonderprüfung namens Broken Bridge: Hier müssen alle vier Motorräder vom gesamten Team durch einen reißenden Fluß und über ein schlammiges Steilufer über eine Ziellinie geschoben werden. Na prima, denk ich mir noch, und schon sind die Stiefel voll Wasser gelaufen, am Schlammhang rutsch ich aus und saue mir zum Start gleich die gesamte Klamotte ein. Nach kurzem Luftschnappen geht's schon weiter durchs Gebüsch, insgesamt 50 Kilometer verlangen nach höchster Konzentration. Danach sind auch die Harten unter uns alle froh, als das erste Nachtlager in Golden aufgeschlagen wird.

GS-Trophy 2014 09

Für den legendären Sternenhimmel über den Rockies hat keiner mehr ein Auge übrig, es geht so früh wie möglich in den Schlafsack. Doch noch nicht einmal die weit vor Sonnenaufgang rührigen Südkoreaner sehen das Gestirn, denn die lebhaften Präsentationen der Teams und ihrer Länder vom Vorabend hat die Natur Kanadas wohl als Regentanz missverstanden. Wer sein Zelt jemals bei nasskaltem Nieselwetter abgebaut hat, kann über den quirligen Enthusiasmus der Trophy-Teams nur den Kopf schütteln. Doch die Aussicht, die letzten fünfzig Kniffel-Kilometer von gestern nun in umgekehrter Richtung bei noch rutschigerem Geläuf absolvieren zu dürfen, scheint sich in pures Adrenalin zu verwandeln. So geht es mehr als eine Stunde lang schlitternd und rutschend die Donald Logging Road auf und ab, und als gerechte Belohnung lugt zum Ende die Sonne zwischen den Wolken hervor. Richtig warm wird's auf den folgenden 120 Asphalt-Kilometern aber nicht, denn dichte Wälder mit Hemlocktannen und Riesenzedern beschatten das gewundene Asphaltband über Gebirgspässe und an Skiurlaubsorten vorbei.

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Erst nach Mittag erwärmt sich die Luft spürbar, wobei das eigentlich nicht nötig gewesen wäre: Stolze 100 Kilometer Schotterpiste durch die Monashee Mountains mit Tempi bis zu 140 km/h lassen's unterm Endurogewand ganz schön warm werden. Die Route führt am Arrow Lake entlang und ist mit traumhaften Ausblicken durch die Bäume auf den See gespickt, der eigentlich keiner ist: 232 Kilometer lang und manchmal nur wenige hundert Meter breit handelt es sich hier um den aufgestauten Columbia River. Per Fähre setzt der gesamte Tross über und kehrt im Nest Naskup ein, dass dank der Organisatoren und einer warmherzigen Bürgermeisterin mit einem ganz besonderen Service aufwartet: Wir dürfen unsere nassen Zelte zum Trocknen in der örtlichen Eishockey-Halle aufschlagen, nur die Heringe müssen im Packsack bleiben. Doch zuvor gewinnt Team Germany das "Broomball"-Turnier, eine Art Hockey, und nimmt den vierten Gesamtrang mit in die Nacht. So schläft es sich ganz gut, auch wenn der Betonboden etwas hart ist – doch Jammern gilt nicht, schließlich hätte es auch schlimmer kommen können: In drei Wochen wird die Halle für die Wintersaison "vereist".