Motorradreise Umbrien

Motorradreise Umbrien


Das perfekte Italien

Für viele Italiener ist Umbrien eine der schönsten Regionen ihres Landes. Hierzulande ist die an die Toskana angrenzende Kulturlandschaft nahezu unbekannt. Dabei bietet sie gerade Motorradfahrern herrliche Strecken mit wenig Verkehr durch beschauliches Flachland und alpines Hochgebirge.

Wir sind in Umbrien angekommen, jene Region auf dem italienischen Stiefel, die den begriff Massentourismus offensichtlich noch nicht kennt. Auf den Straßen herrscht kaum Verkehr, in den Ortschaften fließt das Leben wie ein ruhiger Strom, immer wieder stehen die Menschen in den Gassen und halten ein Schwätzchen. Von den Einheimischen hört man regelmäßig, dass für sie dieser Teil ihres Landes ein ideales Italien darstellt. Da passt es, dass amerikanische Wissenschaftler des Örtchen Todi als lebenswertesten Ort der Welt bezeichnen. Das macht natürlich neugierig. 

Schon die Fahrt nach Todi ist ein Erlebnis. Knapp 50 Kilometer sind es vom wesentlich bekannteren Orvieto über die Bergrücken des Parco del Fluviate Tevere – 50.000 Meter ohne eine einzige längere Gerade. Kurve an Kurve, auf und ab führt der Weg, bis wir fast schwindelig von der Karussellfahrt in Todi den Schildern ins „Centro” folgen. Im Gegensatz zu vielen anderen italienischen Städten fällt sogleich auf, dass wir uns nicht erst durch Industrieansiedlungen am Stadtrand kämpfen müssen, sondern über eine schöne Alleenstraße den ersten Häusern nähern, um dann einer schmalen, dunklen Gasse zu folgen, bis sich plötzlich ein weiter Platz ausbreitet, so als hätte jemand den Theater-Vorhang beiseite geschoben.

21 Cortona Markt

Der Orts-Carabinieri weist uns gleich auf den Motorrad-Parkplatz auf der Piazza Garibaldi hin. Er werde auch ein Auge darauf haben, verspricht er. Offensichtlich hat er uns gleich in die Schublade „Touristen” gesteckt. Die sind hier allerdings rar. Mensch, die Welt ist in Todi wirklich noch in Ordnung. Es mag daran liegen, dass sich die Kleinstadt seit dem Mittelalter kaum verändert hat. Die Piazza del Popolo, der Hauptplatz, wird wie vor 700 Jahren von den gleichen Palästen und dem Duomo mit seiner großen Freitreppe eingerahmt. Auf der Dom-Treppe könnte man stundenlang sitzen und die ruhige Atmosphäre, die der Platz ausstrahlt, in sich aufsaugen. An der gegenüber liegenden Bar, Mittelpunkt des örtlichen Lebens, treffen wir unseren Carabinieri wieder, der offensichtlich lieber ein Schwätzchen hält, als sich um die Verkehrsregelung zu kümmern. Sehr sympathisch der Mann. Hektik scheint hier ein Fremdwort zu sein, niemand scheint sich darüber zu wundern, dass ich mein Motorrad für ein Foto mitten auf den Platz schiebe.

Unseren Trick, die Meidung öffentlicher Touri-Parkplätze, haben wir auch in Assisi angewandt. Mit dem Zweirad ist man in den italienischen Städten König. Die Verbotsschilder für die Einfahrt in die Altstädte scheinen eher Empfehlungen als Warnhinweise zu sein. Sozusagen durch die Hintertür, die Porta San Giacomo (den Schildern San Franceso folgen), parken wir ganz legal nur wenige Schritte entfernt auf einem für Roller und Motorräder reservierten Parkplatz vor der Kirche des Heiligen Franziskus. Assisi entfaltet sich terrassenförmig an den Hängen des Monte Subasio. Bereits aus großer Entfernung, aus dem Valle Umbra kommend, erkennt man den monumentalen Kirchenbau. Wenn möglich, empfiehlt sich die Anreise am späten Nachmittag, dann leuchten die Gebäude, die aus dem rosaroten Stein des Monte Subasio erbaut wurden, von der tief stehenden Sonne angestrahlt, wie ein Flammenmeer. Dieser Anblick alleine lässt uns an Himmel und Hölle glauben. Auch wem im Urlaub der Sinn nicht unbedingt nach Kultur steht, an der Basilika darf man nicht vorbei gehen. Die Klosteranlage, in der heute noch rund 50 Mönche leben, besteht eigentlich aus zwei übereinander errichteten Kirchen: In die Unterkirche mit dem Grab des Heiligen Franziskus gelangt man über die Piazza Inferiore. Inzwischen sind die durch das Erbeben von 1997 zerstörten Teile der Oberkirche wieder aufgebaut und die Wandmalereien fast vollständig rekonstruiert worden. In einer fünfjährigen Puzzlearbeit wurden zigtausende von der Decke gefallene Steine wieder zusammengesetzt. Der Anblick der farbeprächtigen Gemälde an den Kirchenwänden verschlägt einem den Atem. Hier wird man zum gläubigen Menschen. 

Genug der Andacht, es geht ab in die Berge: Dafür muss man gar nicht weit fahren. Vorbei an dem kleinen Klosterbau Eremo delle Carceri oberhalb von Assisi, wo der Heilige Franziskus der Sage nach den Vögeln gepredigt haben soll, führt eine asphaltierte, von Schlaglöchern übersäte Ausflugsstraße auf den Monte Subiaso hinauf. Kurz vor dem Gipfel weitet sich der Blick, der zunächst von dicht stehenden Bäumen eingeschränkt wurde. Jetzt schauen wir über weite, saftig grüne Wiesen. Über die rundlichen Höhenzüge weht ein heftiger Wind, der unsere GS fast aus der Bahn wirft, zumal die letzten Meter in eine grobe Schotterpiste übergehen. Zahlreiche italienische Ausflügler laufen gesenkten Hauptes mit Körbchen in der Hand über die Wiesen, so dass wir zunächst an Pilger auf dem Weg nach Assisi glauben. Doch die Leute haben Weltliches im Sinn, sie sind auf der Suche nach Trüffeln, jene Pilzart, die hier stark verbreitet ist und als kostspielige Delikatesse in Käse, Salami und vor allem bei Nudelgerichten verarbeitet wird. 

Uns läuft das Wasser mittlerweile im Mund zusammen. Allerdings nicht, weil wir gerade ans Essen denken, sondern die Abfahrt vom Monte Subiaso genießen. Die gehört uns ganz alleine, weil die schmale Schotterpiste herrliche Aussichten ins Tal und jede Menge Kurven bietet. Die GS fühlt sich so richtig wohl in ihrem Element. In Umbrien gibt es zahlreiche ähnliche Ausflugsberge, deren Auffahrt eine meist gut asphaltierte Straße ist, die Abfahrt auf der anderen Seite des Berges allerdings in eine grobe Piste übergeht, die für Autos unbefahrbar ist.

04 Orivieto Dom

Das gilt genauso für die Fahrt auf den Monte Nerone im Grenzgebiet zwischen den Regionen Umbrien und Marken und den Ortschaften Piobbico und Serravalle. Er besitzt eine gut ausgebaute, ausgeschilderte Auffahrt bis zum Gipfel in 1500 Meter Höhe, auf dem ein Sendemast des italienischen Fernsehens RAI steht. Die Abfahrt dagegen ist eine reiner Feldweg für Waldarbeiter – und mittlerweile leider gesperrt. Das macht nichts. So genießen wir noch einmal die gleiche herrlich kurvige Straße, die wir hochgefahren sind für den Rückweg und staunen über die einmaligen Aussichten in den Appenin. Den guten Straßenbelag verdankt der Berg übrigens dem Radrennen Giro d’Italia, dem Pendant zur Tour de France, weshalb er unter Radlern gerne als „Mont Ventoux der Marken” bezeichnet wird. Nett ist auch die Geschichte der Namensgebung: Der Berg soll nach einem gewissen Domizio Nerone benannt sein, der aus nicht überlieferten Gründen vom römischen Gott Jupiter mit dem Tod durch einen Blitzschlag bedroht wurde und sich deshalb in eine Grotte am Berg flüchtete. Eines klaren Tages wagte er sich aus seiner Höhle hervor, prompt erschien eine Wolke und der Blitz zuckte herab. Ciao Domizio!

In Piobbico, am Fuß des Monte Nerone, lassen wir uns erst einmal in der Trattoria eine Portion Tagliatele mit Trüffeln schmecken und bewundern dabei die Leute im Caffe nebenan. Hektik scheinen die Menschen nicht zu kennen, lieber sitzen sie – zumindest die Männer – bei einem Kartenspiel in der Tabacci Bar. Nach einigen Tagen erwischen auch wir uns immer wieder dabei, dass wir eigentlich lieber an dem einen oder anderen Ort einfach die Zeit verrinnen lassen würden, obwohl noch einige Kilometer zu fahren wären. So geht es uns auch in Norcia am Rande der Sybillinischen Berge, unserem Tageszeil. Die zahlreichen Kolonialläden mit den Spezialitäten der Region lassen uns nicht los. Norcia ist nämlich berühmt für seine schwarzen Trüffel und seine Schweins-Würste, die in ganz Italien verkauft werden. Das Geschäft „Brancaleone da Norcia” hat es uns besonders angetan. Bis auf den Corso Sertorio, die Fußgängerzone, reicht der Geruch von „Strangozzi dell’Umbria” (Nudeln), „Salsicce Brancaleone” (Wurst), „Pecorino di Norcia” (Käse) und den typischen „Lenticchie di Catelluccio” (Linsen). Der gute Mann hinter der Theke lässt uns reichlich probieren, dass wir bereits satt sind, als wir den Laden mit reichlich Einkaufstüten wieder verlassen. Etwas schwerfällig steigen wir wieder aufs unser Motorrad, können uns aber nicht lange auf unseren Fettpolstern ausruhen. Kurz hinter Norcia zweigt die Straße ab auf die Hochebene von Castelluccio im Parco Nationale die Monti Sibillini.

10 Monte Nerone

Die Fahrt hinauf bis zum Refugio Perugia ist ein Traum. Kurven, Kurven, Kurven und niemand unterwegs, der uns bei unserer Achterbahnfahrt durch eine nahezu verlassene, schroffe Landschaft stört. Lediglich der Blick in den Himmel verheißt nichts Gutes, obwohl noch die Sonne scheint. Am Refugio auf circa 1100 Meter Höhe angekommen, umhüllt uns aber dichter Nebel. Im Blindflug geht es über den Scheitelpunkt weiter, bis plötzlich die Nebenschwaden wieder verschwinden und den Blick frei geben auf das von Berggipfeln eingerahmte, 28 qkm große Plateau von Castelluccio. Die fruchtbare Fläche liegt 600 Meter über dem Meer, sieht aus wie der Krater eines mächtigen Vulkans, ist aber ein zur Eiszeit entstandener, heute ausgetrockneter See. Zwischen Ende Mai und Anfang Juni ist die Ebene von violetten Linsenblüten erfüllt, gefolgt von der Rapsblüte, die mit dem rot leuchtenden Mohn um die Wette strahlt. Wir sind leider zu früh dran, aber auch so verliert man sich gedanklich in der Schönheit dieses Landstrichs, an dem die Zeit spurlos vorüber gegangen ist. Gekrönt wird das Bild von der Gemeinde Castelluccio, die mitten in dem Krater auf einer Felsnadel thront wie eine alles überwachende Burg. Wahrlich eine Landschaft für Träumer.

02 Todi Motorrad

Gott sei Dank weckt uns die Erwartung auf die nächsten Ziele auf. Cortona ist so ein Ort, an dem man unbedingt vorbei fahren muss. Nördlich vom Trasimenischen See gelegen wirkt die hoch an einem Hang gelegene, mittelalterliche Stadt wie ein Relikt aus vergangenen Tagen. Steil geht es hinauf durch das schmale Stadttor über scheinbar noch schmalere Gassen, bis wir den großen Platz am Palazzo della Comunitá erreicht haben. Traumhaft, nur Italiener. Eine Nonne schlendert über die gepflasterte Piazza, die hübschen, dunkelhaarigen Italienerinnen mit ihren High Heels sitzen im Café und spielen mit ihren Smartphones. Um den Platz herum gibt es nur kleine Läden: einen Schuhmacher, einen Schreibwarenladen und die Enoteca mit Wein und Olivenöl. Das ist das wahre Italien. In einer Ecke steht eine alte Vespa PK 200 abgestellt, den Helm locker an den Lenker gehängt – gestohlen wird hier wohl nichts – und neben der Caffetteria finde ich einen Laden, der das Schaufenster vollgestopft hat mit allem möglichen Vespa-Merchandise von der Tasche bis zum T-Shirt. Auch einige Bilder und Zeichnungen sind ausgelegt. Ich stöbere ein bisschen, will eigentlich nichts kaufen. Doch dann sehe ich die beiden Kreidezeichnungen mit der Vespa und der Ape, italienische Impressionen auf Papier gebracht.   

Text & Bilder: Norbert Meiszies