Motorradreise Kroatien

Motorradreise Kroatien


Insel-Hüpfen

Auf der Suche nach Sonne, Sand und Meer liegt man mit einer Reise an die kroatische Adria-Küste nicht falsch. Als angenehmen Nebeneffekt gibt es im Landesinneren und auf den vorgelagerten Inseln herrliche Motorradstrecken und sehenswerte Ortschaften.

Wasser von links, Wasser von rechts, Wasser von unten – von allen Seiten umspült uns das kühle Nass. Nur von oben nicht, Gott sei Dank, der Himmel präsentiert sich strahlend Blau, nahezu wolkenlos. Ansonsten aber stolpert man in dem kroatischen Ort Slunj von einem Bachlauf in den nächsten, stürzt sich Wasserfall neben Wasserfall über einen rund einen Kilometer langen Abhang in die reißende Korana. Die Einheimischen leben damit, haben ihre Häuser neben die Wasserläufe oder sogar darüber gebaut. So ist das Mühlendorf Rastoke entstanden. Von den alten Mühlen arbeitet heute keine mehr, sie werden als Ferienwohnungen an Touristen vermietet, für eine Nacht oder auch länger. Milka, die ewig lachende Kroatin, organisiert die private Zimmervermietung. Sie zeigt uns auch unsere Bleibe, um uns anschließend auf der über einen Bachlauf gebauten Holzterrasse ein herrlich bodenständiges Mahl aus Wildscheinragout und Polenta zu servieren. Zu Trinken gibt es dazu eine Flasche aus dem im kalten Wasser abgestellten Bierkasten. Wir hätten uns als Vorspeise auch eine Forelle fangen können, denn die schwimmen in Massen um den Bierkasten herum. 

Slunj ist ein wunderbarer Gegensatz zu unserem Ausgangspunkt für unsere Kroatien-Rundreise Tage zuvor, Rijeka. Die Stadt ist ein Moloch, wenig reizvoll und befindet sich ständig am Rande des Verkehrskollapses. Dringend empfohlen sei deshalb jedem, der der Küstenstraße entlang der Adria folgen möchte, zumindest zwischen Opatja und Bakar auf die Autobahn auszuweichen und erst danach wieder ans Meer abzubiegen. Oder man macht es so wie wir, indem wir uns den Umweg über die beiden Inseln Cres und Krk gönnen. Das hat außerdem den Vorteil, dass wir von Opatja aus bis zum Fährhafen Brestova entlang der Cote d’Azur des Ostens fahren. So wurde die Küstenstraße entlang der Halbinsel Istrien früher genannt. Zur Urlaubszeit kann es schon mal eng werden auf der Straße, in der Nebensaison hat man die herrlich kurvige Panoramastraße aber fast für sich allein. Die grandiose Aussicht aufs Meer gibt es kostenlos dazu.

Motorradreise Nord-Portugal 02

1200 Inseln gibt es entlang der kroatischen Küste, aber nur 60 davon sind bewohnt. Vor allem Cres ist ein lohnendes Motorradfahrer-Ziel, denn die einzige Verbindung von der Nord- bis zur Südspitze der Insel führt über einen Gebirgskamm mit steil abfallenden Klippen rechts und links zum Meer. Schwindelfrei sollte man schon sein, vor allem, wenn man die kleine, von mannshohen Steinmauern gesäumte Nebenstraße nach Lubenice nimmt. Der Ort wurde einst von den Römern auf einer Klippe als Festungsanlage errichtet. Davon ist kaum etwas übrig geblieben, Lubenice besteht nur noch aus zehn alten Steinhäusern und zwei Kirchen, wovon die kleinere Kirche am Ortsrand den besten Blick auf die Küstenlinie gewährt. Unbedingt Pause sollte man in der winzigen Konoba einlegen, die einfache Gaststube serviert ein vorzügliches Essen – unbedingt die Lammleber bestellen.

Wieder auf dem Festland dirigieren wir unsere BMW ins Landesinnere ins etwa 30 Kilometer von der Küste entfernte Velika Kapela, eine einsame Gebirgsregion, die von Slowenien bis nach Bosnien reicht. Grüner Karst nennt sich die Region aus Kalkstein wegen der ausgedehnten Waldgebiete. Da sich der Boden kaum bewirtschaften lässt, leben hier nur wenige Menschen. Für Enduristen ein Traum, denn durch das Gebirge führen außer einer asphaltierten Hauptstraße fast nur Schotterpisten. Die Hinweisschilder am Straßenrand, auf denen Meister Petz abgebildet ist, sollte man übrigens sehr Ernst nehmen. Hier ziehen noch rund 1000 Bären ganz frei und wild durch die Wälder. In der Aufzuchtstation Kuterevo kommt man den Tieren sehr nahe, vor allem den ganz jungen Bären, die ihre Eltern verloren haben oder durch einen Zusammenstoß mit Autos verletzt wurden und hier solange gepflegt werden, bis sie wieder frei gelassen werden.

Motorradreise Nord-Portugal 01

Die Bären sind übrigens genauso geschützt wie das Gebiet um eine der meistbesuchten Natur-Attraktionen Kroatiens, die Plitvitzer Seen. Klar, jeder denkt sofort an Winnetou und den Schatz im Silbersee. Der Klassiker deutscher Filmgeschichte wurde hier gedreht. Doch mit Wilder Westen ist es längst vorbei. Vor 30 Jahren war ich schon einmal hier, damals musste man das Gebiet komplett zu Fuß erforschen und durfte noch im Wasser baden, heute fahren Zubringerbusse und -Boote die Besucher zu den Wasserfällen und wer die Fußwege verlässt macht sich strafbar. Dennoch lohnt der Besuch des Nationalparks, für den man gut einen halben Tag einplanen sollte. Die terrassenförmig abfallenden Wasserläufe bieten ein wahrlich spektakuläres Schauspiel. 

Die Plitvizer Seen liegen nur wenige Kilometer entfernt von der Grenze zu Bosnien-Herzogovina. Hier nahm der Teil des Balkenkriegs von 1991 bis ’95 zwischen Serben und Kroaten seinen Anfang, als die serbische Armee das Gebiet um die Seen annektierte und im Zuge der Kämpfe verminte. Die Spuren dieser Auseinandersetzungen sind noch immer unübersehbar. Auf dem Weg zurück an die Küste fahren wir durch eine wunderschöne, geradezu beschauliche Mittelgebirgslandschaft, wundern uns nur immer wieder über die vielen verlassen, teilweise ausgebrannten Häuser am Wegesrand, neben denen aber auch schon wieder neue Gebäude entstehen. Hier hat der eine Nachbar dem anderen das Haus angesteckt, nur weil er Serbe oder Kroate war. Nach und nach sind die einstigen Besitzer der Häuser zurückgekehrt und haben sich ein neues Leben aufgebaut.

Motorradreise Nord-Portugal 06

Die Straße nach Karlobag vertreibt die Nachdenklichkeit. Aus der Hochebene mit rund 1000 Meter Höhe geht es alpin mit jeder Menge Kurven und Serpentinen hinunter ans Meer. Nur am Aussichtspunkt auf der Passhöhe Ostarijska vrata muss man unbedingt anhalten, die Aussicht aufs Meer und die vorgelagerte Insel Pag ist atemberaubend – fast so wie die folgenden 13 Kilometer nach Karlobag.

Jetzt hätten wir die Wahl: mit der Fähre übersetzten nach Pag und so weiter zu unserem Tagesziel Zadar fahrend oder doch lieber der Küstenstraße folgend? Den Entschluss, die Küstenstraße zu nehmen, sollten wir nicht bereuen. Dieser rund 60 Kilometer lange Abschnitt ist der schönste an der gesamten kroatischen Adriaküste. Die Straße folgt selbst der kleinsten Bucht, besteht aus unzähligen Kurven, die nur selten von kleinen Fischerdörfern unterbrochen werden - ein Cruiser-Revier vom Feinsten. Schnell fahren möchte man hier gar nicht, dafür wirkt der ständige Blick auf das tiefblaue, glasklare Meer viel zu beruhigend. Auch die folgende Fahrt an der Küste entlang vorbei an sehenswerten Städten wie Sibenik, Slit und Makarska bis hinunter kurz vor Dubrovnik ist ein Erlebnis, aber nicht vergleichbar mit dem Abschnitt bei Zadar.

Uns zieht es wieder einmal auf eine der Inseln. Die letzten Tage wollen wir auf Peljesac verbringen. Die Fähre bringt uns von Ploce, einer hässlichen Hafen- und Industriestadt in knapp einer Stunde nach Trpan. Dass es uns auf dieser Insel gefallen wird, erkennen wir sofort bei der Ankunft: beim Fähranleger des kleinen Ortes gibt es zwei Straßencafes, in denen sich die Einheimischen treffen, und gleich dahinter ragt ein maximal 1000 Meter hoher Bergrücken in den Himmel. Das verspricht jede Menge Fahrspaß.

Motorradreise Kroatien 11

Wobei Peljesac eigentlich keine Insel, sondern eine Halbinsel ist. Am südlichen Ende bei der Festungsanlage Ston gibt es eine rund 500 Meter lange Landverbindung zum Festland, so ähnlich wie eine Brücke. Das stört uns nicht, wir wollen ohnehin nach Lovice, an den nördlichsten Punkt und entdecken dabei gleich, dass Peljesac ein ideales Motorradrevier ist. Zwischen den einzelnen Ortschaften versperren immer wieder Gebirgszüge den direkten Zugang, so dass reichlich Pässe zu überwinden sind. Zwischen dem Fährhafen und Lovice sind es auf 40 Kilometer gleich zwei solcher Berg- und Tal-Passagen, die wir überwinden müssen. Wir sammeln Höhenmeter wie in den Alpen. Lovice ist ein abgeschiedener Fischerort an einer sehr schönen Bucht mit zwei Tante-Emma-Läden, drei sehr guten Fischlokalen und ansonsten Nichts. Der richtige Fleck Erde, um die Seele baumeln zu lassen.

Motorradreise Nord-Portugal 08

Im Gegensatz zu vielen anderen Inseln entlang der Küste, die recht karg wirken, ist Peljesac sehr Grün mit vielen Waldgebieten und großflächigem Weinanbau. Drei Tage lang toben wir uns mit unserem Motorrad auf den kleinen Zufahrtswegen zu abgelegenen Ortschafen und Weingütern aus. Viele der Straßen enden in Sackgassen direkt am Meer mit einsamen Buchten, an denen man sich wie Robinson Crusoe vorkommt. Wieder umspült uns das Wasser von allen Seiten inklusive, auch der Himmel hat seine blaue Farbe beibehalten. Ein Motorrad-Urlaub kann so schön sein.

Text & Bilder: Norbert Meiszies