Motorradreise Auvergne

Motorradreise Auvergne


Geheimnisvolles Land zwischen den Vulkanen

In zahlreichen Abenteuern hat Asterix das heimatliche Gallien durchstreift. Eine der beliebtesten Geschichten rankt sich um den Arvernerschild und spielt in der Bäder-Region der Auvergne, der wir einen Besuch abstatten.

Wir schreiben das Jahr 2014 und es ist Hochsommer. Ganz Frankreich ächzt unter der Hitze und dem mörderischen Verkehr. Ganz Frankreich? Nein, in der zentralen Region Auvergne mit ihren immergrünen, pickelgleichen erloschenen Vulkanen herrscht ein moderates Mittelgebirgsklima. Und auf den wie Flüssen zwischen den mittelalterlichen Dörfchen mäandrierenden Sträßchen tendiert die Fahrzeugdichte gegen Null. Als Start- und Endpunkt für die Erkundung der Region haben wir Le Puy-en-Velay ausgewählt, die größte Stadt des Départements Haute-Loire und Sitz der dortigen Präfektur sowie einer der Ausgangspunkte zum Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Hier lohnt der Streifzug durch die malerische Altstadt mit ihren steilen Kopfsteinpflastergässchen, die sich zu Füßen der dominanten Kathedrale ausbreitet. In dieser findet sich zwar nicht der Arvernerschild, aber mit der Statue der Schwarzen Muttergottes eine absolute Seltenheit. 

Gleich neben der Kathedrale hat man einen tollen Ausblick auf die spitze Felsnadel mit der Kirche Saint-Michel d’Aiguilhe und die auf einem benachbarten Kegel über der Stadt thronende, 16 Meter hohe Statue der Notre–Dame de la France, 1860 aus dem Metall von 213 während des Krimkrieges erbeuteten Kanonen gegossen und heute eigentümlich rosa angemalt. Gleichzeitig erzählt das Panorama unheimlich viel über die Landschaft und ihre Entstehungsgeschichte: Die Auvergne wird von den Puys beherrscht, abgerundeten Basaltkuppen ehemaliger Vulkanschlote, der die Gegend ihre eigentümliche Faszination verdankt. Und einen Teil ihrer Wirtschaftskraft: Zahlreiche sprudelnde Mineralquellen haben einige bekannte Bäder und eine hochwertige Mineralwasserindustrie mit den Grand Crus der Heilwässer wie Vichy, Volvic und Saint-Yorre entstehen lassen.

Le-Puy-en-Velay 02

Nach einem geführten Stadtrundgang werden am nächsten Morgen die Motorräder gesattelt und vom südöstlich in der Auvergne gelegenen Le Puy geht’s nach Norden in Richtung des Messer- und Korkenzieher-Zentrums Thiers, wo das legendäre französische Laguiole-Messer hergestellt wird. Entlang der Loire hält die D103 zunächst einen erfrischenden Kuvengenuss bereit, den auch die noch im Schatten liegenden feuchten Stellen nicht schmälern können – der Asphalt ist ausnehmend gut und die Reifen auf den Flanken noch wunderbar griffig. 

Über einen Bergrücken führt ein gewundenes Asphaltband aus dem Loire-Tal über Usson-en-Forez nach Ambert, von dort zeichnet die D40 den Verlauf des Flüsschens Dore nach – wieder gibt’s Kurven satt. Da kommt die Pause in Thiers mit der informativen Werksbesichtigung bei SCIP, einem der bedeutendsten Laguiole-Produzenten, gerade recht. Als wir die Gebäude verlassen, hat sich der Himmel zugezogen, es wird bedrohlich dunkel. Deshalb beschließen wir, auf wenig attraktiven, aber schnellen Straßen nach Clermont-Ferrand, der einzigen Großstadt der Auvergne, zu fahren. Tatsächlich tun sich kurze Zeit später die Schleusen auf und wir sind froh, nach Queren der Stadt unser Quartier in Orcines am Fuße des Puy de Dôme halbwegs trocken zu erreichen.

Am nächsten Morgen hängen der markante Gipfel nebst vorgelagertem Freizeitpark Vulcania voll im Nebel, ein Besuch macht keinen Sinn – schade, denn der Ausblick auf die umgebenden Vulkankegel wäre fantastisch. Ein wenig deprimiert fahren wir alternativ ins eine gute Stunde entfernte Riom und statten dem Motorrad-Museum Baster einen Besuch ab. Schon beim Eintreten verblüfft uns das Ambiente, unsere Laune bessert sich zusehends: Monsieur Baster hat alle berühmten Namen der Motorradhistorie versammelt, von Brough Superior über Indian bis zu französischen Exoten wie Terrot, Syphax oder Gnome Rhône. Komisch, dass wir von diesem liebevoll eingerichteten Museum noch nie etwas gehört haben. Einmal in Besuchslaune, besichtigen wir auch gleich das hochmoderne L’Aventure Michelin im Zentrum Clermont-Ferrands. Dieses bietet einen umfassenden Abriss der Geschichte des Unternehmens von den Anfängen der Reifenherstellung über die Kartenproduktion bis zum Gourmet-Führer.

Clermont-Ferrand 01

Am späten Nachmittag hat sich das Wetter beruhigt und die Triumph Tiger flitzt bei Sonnenschein über wunderschöne Nebenstraßen und zahlreiche kleine Pässe nach Südwesten durch den „Parc Régional des Volcans d’Auvergne“. Grüne Landschaften, Kurven ohne Ende und die Abwesenheit von Verkehr entschädigen für den schlechten Tagesstart, und in bester Stimmung erreichen wir das Heilbad La Bourboule. Ob hier Majestix die von Miraculix verordnete Schlankheitskur absolvieren musste? 

Die Gebäude stammen zwar nicht aus der Zeit der römischen Besatzung, dennoch ist klar: Dieses Thermalbad hat die besten Tage hinter sich. Auch in Frankreich hat der Sparkurs im Gesundheitswesen schon vor Jahren das Kurwesen eingeschränkt, sehr zum Nachteil der gewachsenen Bäder. So regiert der verblichene Charme der Belle Epoque das stille Leben in diesem Kurort.

Viel lebendiger wird’s am nächsten Tag  auf dem kurzen Stück zum Käsestädtchen St. Nectaire. Doch was heißt hier kurz: Für die Luftlinie 20 Kilometer benötigt selbst das engagiert gefahrene englische Krallentier gut anderthalb Stunden über die bis zu 1400 Meter hohen Pässe – Pausen nicht eingerechnet. Vollgepumpt mit Schräglagen-Adrenalin biegen wir in St. Nectaire links ab auf die D150, vorbei an der romanischen Kirche zur Ferme Bellonte in Farges. Hier wird seit 1663 der berühmte Käse produziert. Nach einem Rundgang durch die Höhlen, in denen der Käse reift, stärken wir uns im angegliederten Bauernrestaurant bei gehaltvollen, natürlich mit St. Nectaire zubereiteten Speisen.

St Nectaire 03

Gestärkt nehmen wir die lange Etappe über reizvolle Kurvenstraßen weiter nach Südwesten in Angriff – diese sind auf der Michelin-Karte 76 in Gelb für Regionalstraßen und fast ausnahmslos mit der grünen Zusatzmarkierung für landschaftlich besonders reizvolle Abschnitte versehen. Spätestens jetzt sind die von der langen Anfahrt ein wenig eckig gefahrenen Pneus wieder rund, was die Triumph mit leichtem Einlenken in die gefühlt tausend Kurven signalisiert. Im Überschwang der Gefühle übersehen wir jedoch den Sperrvermerk für den Col du Pas de Peyrol, das mit 1582 Meter im Wortsinne „High“-light der Tour. Ein Bergrutsch im Winter hat ihn unpassierbar gemacht, und die Arbeiten daran sind noch nicht abgeschlossen. Auch die rechts und links am Wegesrand vom Winter übrig gebliebenen Schneenester wirken nicht sehr gemütlich.

Aber eigentlich macht das nichts, denn der Umweg zum Städtchen Salers, unserem heutigen Etappenziel, führt über unterhaltsames Michelin-Gelb und -Grün. Deutlich später als geplant stellen wir unsere Fahrzeuge in der Garage des Hôtel Bailliage unter und schaffen es noch gerade zum Abendessen. Zum Glück, denn das Drei-Gänge-Menü mit Schwerpunkt auf regionalen Produkten ist ein Gedicht. Danach sind wir bettschwer und ziehen uns in die geschmackvoll eingerichteten Themenzimmer zurück, den Stadtrundgang verschieben wir auf den nächsten Tag.

Salers 01

Strahlender Sonnenschein und die Glocken der durchs Dorf getriebenen Kühe mahnen zum frühen Aufstehen, das sich wirklich lohnt: Vor Einbruch der störenden Touristenströme streifen wir durch das pittoreske Örtchen, in dem die Zeit stillzustehen scheint: Stadtmauer, Wehrtürme, Kirche und zahlreiche historische Gebäude aus der Renaissancezeit sind komplett erhalten. Nicht zuletzt der markanten Lavasteinhäuser wegen zählt Salers zu einem der schönsten Dörfer Frankreichs.

Noch bevor die Busse mit den Tagesbesuchern eintreffen, sind wir auf einsamen einspurigen Sträßchen unterwegs. Über den Col de Legal und den Col de Bruel führt uns der Weg ins Vallée de Mandailles, danach über die knackige Vulkankette der Monts du Cantal mit bis zu 1800 Meter hohen Kuppen hinab ins Tal der Cere mit der gut ausgebauten, aber dennoch unterhaltsamen N122. Über Murat erreichen wir das lokale Zentrum St. Flour und machen in der auf einem Hügel gelegenen Altstadt Rast. Am Platz neben der Mairie gönnen wir uns einen Café au lait und ein Sandwich, bevor wir zur Runde um den Stausee Lac du Barrage de Granval aufbrechen.

Viaduct de Garabit

Schon von weitem ist die besondere Sehenswürdigkeit dieser Gegend zu erkennen: Die mächtige stählerne Eisenbahnbrücke Viaduct de Garabit erinnert nicht von ungefähr an den Pariser Eiffelturm – sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Gustave Eiffel erbaut. Vom Aussichtspunkt am Rande des Stausees bietet sich ein toller Blick auf das Bauwerk. Von hier aus gibt es zwei Wege zurück zum Ausgangspunkt der Tour nach Le Puy-en-Velay: Über die gelben D4 und D589 via Saugues oder die rote D590 an Langeac vorbei – die Qual der Wahl fällt schwer, denn wie so viele Straßen in der Auvergne sind auch diese beiden Grün gekennzeichnet.  

Text+Fotos: Thilo Kozik

Kommentare

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  • Profilbild von Triumph
    Tolle Bilder !!! Auch ich fahre eine Tiger Sport in der gleichen Farbe !

    Grüße aus Worms von Triumph Helmut.