BMW GS Trophy 2016 Thailand

BMW GS Trophy 2016 Thailand


Dust never sleeps

Alle zwei Jahre organisiert BMW die GS Trophy, eine Vielseitigkeitsprüfung für internationale Enduristen-Teams. In diesem Jahr vor der famosen Naturkulisse im Norden Thailands.

Bei ihrer fünften Auflage gastiert die Internationale BMW GS Trophy Ende Februar in Nordthailand. Dabei handelt es sich nicht um ein klassisches Rennen, sondern um eine sportliche Vielseitigkeitsprüfung, die das Teamwork in den Mittelpunkt stellt. Viele der gestellten Aufgaben sind nur gemeinsam zu lösen, bei den fahrtechnischen Sonderprüfungen ist die Fahrzeugbeherrschung wichtiger als ein hohes Tempo. Bei diesem einwöchigen Event treten „Nationalmannschaften“ und keine Individualisten gegeneinander an – diese bestehen aus drei Fahrern, die sich vorab in nationalen Ausscheidungen qualifiziert haben, sowie einem Journalisten aus ihrem Heimatland. 

Allesamt nehmen die abenteuerlichen Routen der einwöchigen Trophy auf einer aktuellen BMW R 1200 GS unter die Räder, die mit hauseigenen Zubehörteilen wie dem Unterfahrschutz, Motorschutzbügeln und breiten Enduro-Fußrasten auf die Aufgaben vorbereitet sind.

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Zu dieser Zeit, dem asiatischen Frühling, herrschen in der Region um die Provinzhauptstadt Chiang Mai noch „moderate“ Temperaturen von gut 30° Celsius, die bis Mitte April auf mehr als 40 Grad steigen. Den Teilnehmern aus Europa und Nordamerika reicht das aber auch so schon, hinzu kommt eine drückende Schwüle, die den Teilnehmern das Wasser schier aus dem Körper treibt. 

Mit einem Rekord-Starterfeld von 19 Teams – darunter erstmals ein reines Frauenteam – ist die sportliche Vielseitigkeits- und Teamprüfung so groß wie nie zuvor. Obwohl ein Tross aus Dusch-, Versorgungs- und Toilettenwagen die Trophy von einem Standort zum nächsten begleitet, handelt es sich um keine Luxusveranstaltung: Geschlafen wird im Zelt, Frühstück und Abendessen werden gemeinsam unter freiem Himmel eingenommen, für mittags gibt‘s ein Lunchpaket.

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Bevor es richtig losgeht, erhalten die Teilnehmer eine kurze, aber intensive Einweisung in die Gepflogenheiten des Landes – Häuser betritt man immer ohne Schuhe, über den König verliert man kein schlechtes Wort – und die medizinische Vorsorge, die im wesentlichen aus dem stets wiederholten Satz bestand: Trinkt so viel Wasser mit Mineralstoffen wie ihr könnt! Der Miterfinder und sportliche Leiter der GS Trophy, Tomm Wolf, begrüßt die Teilnehmer dann mit einem leicht diabolischen Grinsen und dem schon traditionellen Satz: „Herzlich willkommen zur härtesten und anstrengendsten GS Trophy, die es je gab." Und er sollte – wie immer – Recht behalten. 

Am nächsten Morgen gilt’s: In die Enduroklamotten klettern, Zelt abbauen und mit Schlafsack, Isomatte und persönlichem Kram im Seesack verstauen, der im Kleinlaster landet. An jedem Tag gehen zwei andere Teams mit einem Marshall an den Start. Zum Eingewöhnen geht’s über relativ feste Pisten durch eine Hügellandschaft mit wunderschönen Ausblicken, vorbei an Reisfeldern und kleinen Dörfern, auch Elefanten und Wasserbüffel lassen sich blicken. Unterbrochen wird der Ritt von der ersten knackigen Sonderprüfung namens Broken Bridge: Hier müssen zwei Motorräder mit laufendem Motor vom gesamten Vierer-Team erst hinab zu den Resten der Brücke geschoben und anschließend über die Reste gewuchtet werden. Diese erste kraftraubende Sonderprüfung gibt schon einen intensiven Vorgeschmack auf alles, was danach folgt. Genau so wie die weiteren 120 Kilometer Fahrt mit spektakulären Aussichten und Bergpässen, vorbei an Dorfmärkten und begleitet vom Aroma thailändischer Garküchen am Wegesrand. Nach einer weiteren Sonderprüfung, bei der es auf möglichst langsames Fahren ankommt, kriechen die Teilnehmer am Abend in Pai ermüdet, aber mit glücklichen Gesichtern in ihre Schlafsäcke.

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Fürs Scouting des rund 1400 Kilometer langen GS Trophy-Rundkurses verbrachte Tomm Wolf sechs Monate in der Region. Das hat sich ausgezahlt: Mehr als zwei Drittel der Strecke führen durch feinste Offroad-Reviere, selbst die Straßen dazwischen sind spiralförmige Asphaltbänder, die ein Motorradgott in die Landschaft gebettet haben muss. Auf den folgenden sechs höchst abwechslungsreichen Tagen sind die GS-Enduristen hin und weg von den faszinierenden Offroad-Passagen: An einem Tag geht es vierzig Kilometer durch ein enges, verwunschenes Flusstal mit gefühlt achtzig Wasserdurchfahrten bis an die Grenze des benachbarten Myanmar. Die Rückfahrt aus dem grünen Tal führt über sandige 4x4-Pisten und felsige Anstiege bis auf 1000 Höhenmeter, stets umweht von einer hoch aufgewirbelten Staubwolke. Bisweilen türmt diese sich wie eine Wand auf und zwingt die Teilnehmer wegen fehlender Sicht zum Anhalten. Wie feinstes Puder dringt der Schmutz in jede Ritze und Pore, und nicht bei jedem reicht die abendliche Kaltwasser-Dusche zur umfassenden Reinigung aus – die Salat-Vorspeise beim Abendessen wird durch roten Sand und knirschende Zähne gewürzt. 

Extrem steile Bergauf- und –abfahrten im Regenwald und zahllose Single-Trails, die diesen Namen wirklich verdienen, sind das Salz in der würzigen GS-Suppe. „Helikopter-Trail“ oder „Salawin Loop“ markieren besonders eindrucksvolle Sektionen, in denen den Fahrern aber auch den bayerischen Schlachtrössern alles abverlangt wird, nur um am Ende mit einem fantastischen Weitblick zu belohnen. Doch das unumstrittene Highlight wird allen Teilnehmern vermutlich ewig in Erinnerung bleiben: Der berüchtigte Ho-Chi-Minh-Trail, einen waschechten Single Trail aus der typischen roten Tropenerde durch dichtes Waldland. Obwohl nur zehn Kilometer lang, braucht der Trophy-Tross mehr als zwei Stunden für diese Sektion – bei einer Hitze von 37 °C mit extrem hoher Luftfeuchtigkeit eine echte Tortur. Hier war Teamgeist gefragt, denn oftmals ging es nur unter Einsatz vereinter Kräfte weiter; manche Abschnitte waren so ausgefahren, dass sie alleine kaum zu bewältigen waren. Wie oft eine GS aus der Rinne gezogen oder wieder aufgehoben werden musste – niemand hat’s gezählt. Als die Teilnehmer anschließend an einem schattigen Platz am Ufer eines Bergsees ausruhen dürfen, herrscht einmütige Begeisterung über dieses Enduro-Sahnestück, das mit seiner Schwierigkeit den Fahrern und dem Motorrad alles abverlangte. Und Erstaunen ob der Geländegängigkeit der BMW: Ihr tiefer Schwerpunkt, aber vor allem der traktorartig durchziehende Motor erleichtern das Manövrieren durch schwieriges Geläuf, und beim Bergabfahren macht sich der Enduro Pro-Modus hilfreich bemerkbar, bei dem das Vorderrad-ABS auf losem Untergrund spät, aber sicher eingreift.

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Zum Abschluss stand die große Finalprüfung mit doppelter Wertung auf dem Programm. Doch zuvor gab’s eine fette Überraschung für die internationale Truppe: Nach einem wunderschönen Streckenabschnitt durch einen Nadelwald hoch in den Bergen sowie einer langen Abfahrt auf einer kurvigen, asphaltierten Straße bekam die GS Trophy Besuch von rund 100 BMW-Fahrern aus Thailand, Malaysia und China, die den Tross auf den letzten Kilometern begleitete. Auf einer Motocross-Trainingsstrecke hatte Tomm Wolf einen kniffligen Parcours abgesteckt, der den Fahrern und der GS noch einmal alles abverlangte – inklusive einem improvisierten Reifentransport. Umkreist von jubelnden Fans starteten die Teilnehmer im „Le-Mans“-Stil, mussten ihre GS aufheben und nacheinander den Umlauf absolvieren. Gewertet wurde die Zeit, dazu gab es Strafpunkte für Bodenkontakt der Füße und Zylinder. Diese schwierige Challenge bildete das angemessene Ende der Internationalen GS Trophy 2016, die mit dem siegreichen Team Südafrika (299 Punkte) einen ebenso würdigen Champion hervorbrachte. Dahinter kamen mit 31 Punkten Rückstand die Teams von Deutschland und Großbritannien auf den geteilten zweiten Platz (268), das Team aus Osteuropa belegte mit 254 Punkten den achtbaren, aber undankbaren Platz vier.

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Doch Punkte und Platzierungen werden im Laufe der Zeit verblassen. Es sind die beeindruckenden Erlebnisse, die allen Teilnehmern tief im Gedächtnis haften bleiben: spektakuläre Fahrten durch einmalige Landschaften und durch sensationelle Offroadreviere, das Streifen weit abgelegener Stelzendörfer, der Anblick frei lebender Elefanten, Büffel und Schlangen und die stets freundlich winkenden Einwohner selbst im letzten Weiler machen die Internationale GS Trophy in Thailand für alle Teilnehmer unvergesslich. 

Thilo Kozik

Fotos: Markus Jahn, Thilo Kozik, Peter Musch