Nizza, Côte d’Azur und Hinterland

Nizza, Côte d’Azur und Hinterland


Vom Croissant zum Col

Herbst, Winter oder Frühjahr – in unseren Breiten ist das Motorradfahren nicht immer lustig. Was liegt da näher als ein Trip in den Süden? Okay, nicht mit dem eigenen Bike, bis man da wäre, hätte man keinen Bock mehr. Die Lösung liegt quasi in der Luft: Südfrankreich ist von Deutschland eine gute Flugstunde entfernt, die Preise für den Trip sind überschaubar, also geht’s an die Côte d’Azur.

In Nizza empfängt uns ein laues Lüftchen mit knapp 20 Grad, ein weitgehend blauer Himmel und freundlicher Sonnenschein. Der erste Gedanke: Alles richtig gemacht! Vom Airport ist es nur einen Katzensprung bis zur Motorrad-Vermietung HertzRide –der Autospezialist verleiht an vier Standorten in Südfrankreich BMW-Bikes. 

Ich habe mich für eine F 700 GS entschieden, mehr braucht man auf den verwinkelten Sträßchen im Hinterland der Côte d’Azur nicht. Voll aufgeriggt mit Seitenkoffern, Topcase und hoher Scheibe geht’s erst einmal ins Stadthotel nach Nizza, um die durchaus sehenswerte Stadt zu erkunden. Die Fahrt ins Zentrum gestaltet sich ziemlich mühsam, starker Verkehr, rege Bautätigkeit und die enorme Baubreite der GS verhindern ein flottes Vorankommen.

Nachdem alles ausgepackt ist, schlendern wir durch die Metropole und sind ziemlich überrascht: Nizza präsentiert sich weltoffen mit freundlichen Bewohnern und erstaunlich sauber. Das war früher anders, als wir in unserer Jugend dem Lockruf des Südens an die blaue Küste gefolgt sind – die Erinnerungen an damals sind geprägt von dreister Abzocke und Nepp, von unfreundlichen, arroganten Einheimischen, und nicht nur in den Ecken störte achtlos herumliegender Müll Auge und Nase.

Doch das ist passé. Rund um den weitläufigen Place Masséna herrscht fast toskanische Lebensart mit belebten Straßencafés vor hochherrschaftlichen Gebäuden. Daran schließt sich die zu einem großen Park umgewandelte Promenade und der Jardin Albert Premier an, die das geschäftige Zentrum von der historischen Altstadt trennen. Das Eintauchen in die extrem engen und verwinkelten Gassen umgibt uns sofort mit dem typischen Flair einer französischen Hafenstadt, nur dass hier heute keine Matrosen mehr in den Spelunken zechen. Dunkel sind die Ecken, die Häuser spenden in alle Richtungen Schatten, einzig mögliches Transportmittel sind Zweiräder. Unzählige Roller und Motorräder stehen am Wegesrand, abgestellt von den Bediensteten der zahlreichen Restaurants, Cafés und Andenkenläden – die gesamte Altstadt wirkt auf den ersten Blick wie eine einzige Touristenfalle. Doch wer genau hinschaut entdeckt Ursprüngliches, so sitzen in den Restaurants um den belebten Marché aux Fleurs, den Blumenmarkt, mehr Franzosen als Touristen. Und um die Socca, Nizzas traditionellen öligen, safrangelben Kichererbsenfladen zu goutieren, stehen Nizzas Einwohner einträchtig mit den Touristen in der Schlange bei Chez Pipo oder René Socca. Zusammen mit ein paar Farcis, kleinen, mit Hackfleisch gefüllten Auberginen, Zucchini und Tomaten isst man den Snack am besten aus der Hand. 

Am Abend lässt die Stadt den Tag in den unzähligen Bistros und Cafés ausklingen, in denen auch gut und gern gegessen wird – nicht sonderlich günstig, aber in der Regel seinen Preis wert.

Nizza Marche

An den folgenden Tagen unternehmen wir intensive Touren ins Hinterland, bei denen das Wetter leider nicht das Versprechen des ersten Tages hält. Es regnet immer mal wieder, und je weiter wir ins Landesinnere kommen, um so kühler wird’s. Außerdem hat Laurent von HertzRide uns neben einigen guten Tourentipps darauf hingewiesen, dass außerhalb der Saison viele Hotels und Pensionen geschlossen sind. Tatsächlich sind ein paar der von uns favorisierten Etappenorte bereits geschlossen, unter anderem das Le Mirval in La Brigue. So machen wir aus der Not eine Tugend und unser Stadthotel zur Basis für ausgiebige Ausflüge – mit einem großen Vorteil: Die Seitenkoffer bleiben im Hotel und wir flutschen wie die Franzosen durch den Stadtverkehr.

Wer morgens ins nahegelegene romantische Saint Paul de Vence kommt, wird direkt künstlerisch eingestimmt. Hier hat Marc Chagall nicht nur gelebt, er ist hier auch begraben, und das wird dem Besucher auf Schritt und Tritt eingetrichtert. Das autofreie Dörfchen ist piccobello hergerichtet, die hohe Dichte an Ateliers und Kunsthandwerkläden wird nur noch von den Mieten übertroffen – oder vom Preis für eine Kugel Eis, die hier stumpfe 4,50 Euro kostet. Doch allein der Blick über den Friedhof mit Chagalls Grab in Richtung Küste lohnt den Abstecher – morgens, denn ab Mittag karren Busse selbst Ende Oktober die Touristen hierher. 

Bevor es zu voll wird, nehmen wir Reißaus und ergötzen uns am hemmungslosen, weil verkehrslosen Kurvenspaß: Über den fast 1000 Meter hohen Col de Vence landen wir in einer einsamen Gegend, die so ganz anders ist als das trubelige Küstenleben, gerade mal 25 Kilometer Luftlinie entfernt. Hier werden die Sinne geschärft, vor allem der Geruchssinn: Es duftet nach wildem Thymian mit einem hauch Lavendel. Am Hang der Montagne du Cheiron klebt das malerische Örtchen Coursegoules, auf den knapp 50 Kilometern der D2 bis nach Taulane kommen uns gefühlt zwei Autos entgegen, rechts und links der Straße weiden Ziegen und Schafe. 

Zur Küste hin wird’s belebter und wir passieren Grasse, seit dem 17. Jahrhundert die Hauptstadt des Parfüms. Natürlich besuchen eines der Duft-Museen, die von den drei großen Produzenten Fragonard, Galimard und Molinard unterhalten werden und an die sich ein Shop anschließt, der mit den verschiedensten Düften in den wunderschönsten Falcons bezirzt – das lohnt sich, denn die meisten Besucher kaufen reichlich ein.

Tourrettes-sur-Loup

Wir nicht, stattdessen fahren wir in Richtung Tourettes-sur-Loup, eines der vielen kleinen Dörfer, die die Einheimischen früher aus Angst vor Piratenüberfällen in die Berge gebaut haben. Doch bevor wir durch das hübsche Dorf aus aneinandergeklebten kleinen Häusern schlendern, müssen wir in den Weiler Gourdon und dort zu Fuß zum Dorfplatz schlendern: Hier fällt der Hang fast senkrecht ab und man hat einen fantastischen Blick tief über das Tal des Loup bis zum Mittelmeer. 

Wer noch nicht genug hat vom französischen Savoir Vivre schaut auf dem Rückweg bei der letzten aktiven Ölmühle Nizzas vorbei, bei Nicolas Alziari im Quartier Madeleine, und lässt sich den Hype um das flüssige Gold der Provence erklären und die Produktionsweise erläutern. Tatsächlich ist die Olivenernte und –verarbeitung weitgehend Handarbeit. Die Oliven müssen von Hand in Tisch- oder Öloliven sortiert werden. Sechs Kilo Oliven bringen 1 Liter Öl, das nach dem Mahlen gewässert und über mehrere Wochen ruhiggestellt werden muss, bevor sich das reine Olivenöl oben abgesetzt hat. Beim Verkosten erkennen wir die unterschiedlichen „Fruchtgrade“ von mild bis intensiv, probieren verschiedene köstliche Tapenaden und bunkern tatsächlich diverse AOC-Ölivenöle im Topcase.

Mehr Zeit als ins direkte Hinterland braucht es bis zum berühmten Grand Canyon du Verdon. Doch dieser ganze Tagesausflug ist für Motorradfahrer ein Muss. Allein die Anfahrt über die Route Napoleon Route National 85 von Cannes über Grasse nach Castellane bietet Kurven-Hochgenüsse ohne Ende, auch wenn hier unüblich viel Verkehr herrscht – gemessen an südfranzösischen Verhältnissen, versteht sich! Über die Gorges du Verdon, die Schlucht des Verdon, gibt es unheimlich viel Lesestoff und Bilder en masse, weshalb wir nicht näher darauf eingehen. Aber einen Tipp sollte man auf jeden Fall beherzigen: Die kleine Schleife über die D23 direkt am Rande der Schlucht mit ein paar der spektakulärsten senkrechten Ausblicken, die hier zu finden sind – für Schwindelfreie. Wer die gesamte Schleife fahren möchte, muss im Uhrzeigersinn in Richtung La Palud sur Verdon fahren, da ein kleiner Streckenabschnitt in diese Richtung als Einbahnstraße ausgeführt ist. Macht man sich spät auf den Rückweg, was bei den atemberaubenden Eindrücken und Ausblicken nur natürlich ist, wird’s ganz schön frisch, sobald die Sonne untergegangen ist. Die Heizgriffe der BMW helfen da weiter.

Nordöstlich von Nizza wartet ebenfalls ein Kurvenrevier der Extraklasse. Hier steigt das Gelände ungleich steiler an als im Westen, und unversehens ist man in der Region Alpes-Maritime. Hier lockt zunächst der mit Kehren gespickte 1000 Meter hohe Col de Braus (der heißt wirklich so) ins Gebirgsörtchen Sospel, wo ein Café au Lait am Marktplatz sehr zu empfehlen ist – damit das Kurvenadrenalin abgebaut wird und um die weitere Route zu planen. Denn die beiden von hier aus möglichen Strecken haben es in sich: Entweder über den Col de Bruix ins Tal der Roya und mit einem kleinen Abstecher durch Italien über Ventimiglia an der Küste entlang zurück. Oder über den berühmten Col de Turini in einer großen Schleife über die Route des Grandes Alpes nach Westen und Süden. Letzteres ist nur bei gutem Wetter zu empfehlen, denn bei immerhin 1600 Meter über dem Mittelmeer herrschen Ende Oktober nicht nur auf der Passhöhe mitunter frostige Temperaturen. Da es auch noch leicht zu regnen begonnen hat, ziehen wir die sichere Variante vor. Hat auch was, denn so können wir auf der italienischen Seite bei angenehmen Temperaturen noch einen Cappuccino am Strand genießen, bevor wir uns auf den Heimweg machen, unterbrochen von einer kurzen Stippvisite im Millionärsdorf Monaco. Dort dümpeln unverschämt protzige Motorjachten im Hafenbecken, während am Ufer blinkende und lärmende Fahrgeschäfte ein ganz und gar unmondänes Kirmesgefühl hervorrufen. 

Über Beaulieu und Villefranche-sur-mer fahren wir entspannt durch den nachlassenden Feierabendverkehr zurück in die Hauptstadt der Côte d’Azur. Zum Abendessen geht’s ins Bistro, wir sitzen an einem kleinen Tisch auf dem Trottoir hinter den üblichen Kunststoffvorhängen und goutieren mit dem Risotto Revisité à la Courge avec Girolles eine herbstliche Köstlichkeit – Kürbisrisotto mit Pfifferlingen. Zwischendurch werfe ich einen verstohlenen Blick auf die Wetter-App: zu Hause ist’s unfreundlich kalt mit Nieselregen. Also nochmal: alles richtig gemacht!

Text+Bilder: Thilo Kozik

Praktische Adressen:
Motorradvermietung: www.hertzride.eu

Touristische Informationen:
Nizza www.de.nicetourisme.com
Côte d’Azur www.cote.azur.fr
CRT Provence-Alpes-Côte d’Azur www.tourisme-paca.com
Provence www.visitprovence.com
Var Tourisme www.visitvar.fr
ADT des Alpes de Haute Provence www.alpes-haute-provence.com
ADT Hautes Alpes www.hautes-alpes.net