Herbstreise Pyrenäen

Herbstreise Pyrenäen


Zwischen Tour de France und Kurvenlabyrinth

Die Pyrenäen locken im Herbst mit mildem Klima und endlosen Kurven. Wir sind kurzerhand dem nasskalten Herbst entflohen.

Was tun, wenn es sich der aufstrebende Herbst in unseren Breitengraden gemütlich macht? Kürzer werdende Tage und nasskaltes, graues Einheitswetter verleiten hierzulande nicht mehr zu euphorischen Motorradfahrer-Freudensprüngen. Das Motorrad jetzt schon für den Winter einzumotten kommt selbstverständlich überhaupt nicht in Frage. Aber unsere aktuelle Jahreszeit lässt ausgenommen von kleinen und mittleren Tagestouren keine verlässlichen Touren-Planung mehr zu. Was also tun, sprach Zeus?

Ein Reiseziel außerhalb unserer Gefilde muss umgehend her. Möglichst mit verkehrsarmen, äußerst kurvigen Landstraßen. Dazu garniert mit vielen anspruchsvollen Pässen in alpinen Ausmaßen. Eine gepflegte kulinarische Lebensart sollte genauso vorhanden sein, wie viele große und kleine Sehenswürdigkeiten mit Wow-Faktor. Denn Magen und Augen wollen ja ebenfalls umschmeichelt werden. Und zu Guter Letzt spielt noch die schnelle Erreichbarkeit eine entscheidende Rolle in unserer zugegebenermaßen recht langen Wunschliste. 

Pyrenäen – Traumhaftes Herbstziel

Damit wir alle unsere Wünsche unter einen Hut zu bekommen, wandert unser Finger auf der Karte schnurstracks in Richtung Pyrenäen. Die 430 km lange Gebirgskette im Süden Frankreichs spannt sich zwischen Mittelmeer und Atlantischen Ozean und bildet gleichzeitig die Staatsgrenze zu Spanien. Das milde Klima verspricht Wohlfühltemperaturen und die geringe Regenwahrscheinlichkeit in dieser Region gibt uns Anlass zur Freude. Dazu sind die Pyrenäen geradezu überfüllt mit nahezu unendlich vielen Kurven jeder Form und Kombination. Ideale Voraussetzungen also, um dem hiesigen Herbst-Blues zu entfliehen.

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Anfahrt ins Warme

Das Wissen um den recht rauen Asphalt in Frankreich lässt uns flugs beim nächsten Reifenhändler einen frischen Satz schwarzes Gold aufziehen. Schließlich wollen wir uns nicht irgendwo fernab der Zivilisation auf verzweifelte Reifenhändler-Suche begeben. Nach dem obligatorischen Check-Up unserer Motorräder werden alle notwendigen Reiseutensilien aufgepackt. Komplett reisefertig stehen die Motorräder am nächsten Morgen startklar für die Fahr in den Süden bereit. Knackige 8 Grad zeigt das Thermometer an, als wir uns auf den Weg nach Narbonne machen, unser Einstiegziel in die Pyrenäen. Wir entscheiden uns dafür, in Deutschland die A5 zu benutzen und am Grenzübergang bei Mühlhausen in Frankreich auf die nicht minder schnelle, aber mautfreie Landstraße D-39 auszuweichen. Der graue Vorhang von heute Morgen begleitet uns fast bis Besançon, ehe die Wolkendecke aufreißt und uns mit den ersten und gleichzeitig auch letzten Sonnenstrahlen des Tages verwöhnt. Nach einem opulenten Abendmahl in bester französischer Manier geht es am nächsten Morgen weiter Richtung Narbonne. Die südfranzösische Großstadt ist ein perfekter Startpunkt für Pyrenäenreisen mit dem Motorrad. Sie lädt durch ihre Küstennähe auch zu spontanen Abstechern ans Mittelmeer ein. 

Hinter Narbonne beginnt das Kurvenparadies

Von Narbonne aus geht es mit stetig zunehmender Kurvigkeit in Richtung Col de Puymorens. Auf dem 1915 Meter hochgelegenen Pass genießen wir einen vorzüglichen Café au Lait und lassen unseren Blick nochmals über die umliegenden Berge schweifen, bevor wir weiter in Richtung Zwergstaat Andorra aufbrechen. Das Bild der 478 km² großen Steueroase ist geprägt durch unzählige Einkaufszentren mit teilweise gigantischen Busparkplätzen. Alle übrigen Gebäude widmen sich ausgiebig dem Ski-Thema. Da wir aber weder zum Skifahren noch zum Einkaufen hierhergekommen sind, sondern zum Motorradfahren, verlassen wir Andorra auf dem direkten Weg Richtung Spanien wieder, nicht ohne vorher jedoch bei den Temperaturanzeigen große Augen zu machen, die hier allerorts aufgehängt sind. 28 Grad auf 2.407 Metern Höhe sind mal eine echte Ansage. Schuld daran ist dieser gelbe Ball am wolkenlosen Himmel, der uns seit Narbonne durchgehend mit wohliger Wärme und guter Laune versorgt. Nach etwas mehr als 3 Tagen ist unser Herbst-Blues wie weggeblasen. Die Pyrenäen zeigen sich von ihrer besten Seite.

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Kurven? Endlos - Wetter? Bestens

Nach einer Lustvollen Abfahrt ins Spanische Tal empfängt uns La Seu d´Urgell mit typisch spanischem Flair. Ein Abstecher zur sehenswerten Catedral Santa Maria d´Urgell und einem deftigen Mittagessen später befinden wir uns auch schon wieder auf dem Weg in Richtung Berge. Wir folgen der sensationell kurvigen N-260 und wechseln in Sort auf die C-13. Die gut ausgebaute Talstraße gibt uns durch ihre entspannte Kurvenführung Gelegenheit die umliegenden Berge intensiv visuell aufzusaugen. Zwischendurch unterbrechen immer wieder kleine malerische Dörfer die Bergidylle. In Bosost machen wir in einer urig-typischen Bar Rast und lassen uns die regionalen Snacks munden. Unser heutiges Tagesziel am Col des Ares beherbergt ein kleines, aber dafür um so faszinierenderes Hotel. Die insgesamt 5 Zimmer des Hotels sind nach verschiedenen Themen wie Wald, Schnee, Luft oder Wasser äußerst geschmackvoll eingerichtet. Ein Luxus, den wir in den noch folgenden Hotels nicht immer erleben dürfen. Gestärkt nach einem Petit Dejeuner schwingen wir uns am nächsten Tag wieder in die Sättel und begeben uns auf den Weg zum Col d´Aspin, unserem Kurven-Appetizer auf der heutigen Route. Der Col d´Aspin entpuppt sich trotz seiner 1489 Metern Höhe jedoch als reiner Parkplatz für Schnappschuss-wütige Touristen. Lediglich das gut beklebte Passschild deutet auf regen Durchgangsverkehr in der Sommersaison hin. So verlassen wir den Col d´Aspin nach ein paar Schnappschüssen auch schon wieder, begleitet von den aufatmenden Blicken der ortsansässigen Kühe, die sich in Ermangelung von Verkehr auf der Straße breitgemacht haben. 

Auf den Spuren der Tour de France

Vor uns liegt der Col de Tourmalet, mit 2115 Metern Höhe der höchste asphaltierte Straßenpass der französischen Pyrenäen. Seinen hohen Bekanntheitsgrad hat sich der Tourmalet als oftmals zentraler Punkt bei der Tour de France erworben. Und so strampeln sich bei herrlichstem Sonnenschein dutzende ambitionierte Radfahrer langsam auf den Weg nach oben, um bei einem Gruppenfoto unterhalb der Skulptur der erstmaligen Tour de France Überquerung im Jahre 1910 ihr professionelles Ornat präsentieren zu können. Wir beobachten die amüsante Szenerie bei Café au Lait und einer stärkenden Zwischenmahlzeit und machen uns bereit für die darauffolgende Abfahrt. Waren die Fahrradfahrer beim Aufstieg für uns beim Überholen noch leichte Beute, so dreht sich das Bild bei der Abfahrt gewaltig. Es bedarf schon einer recht zügigen Fahrweise, um sich an den herabsausenden Radlern vorbeizuschieben. Da werden Kurven geschnitten, die Fahrbahn komplett ausgenutzt und langsamere Artgenossen schonungslos versägt, sodass man sich ein wenig wie die Begleitmotorräder auf der Tour de France fühlt. Nach dieser nervenaufreibenden Einlage folgen wir der D918 weiter zum Col du Soulor. Die im Normalfall schöne Aussicht wird uns durch die aufziehende, dünne Wolkendecke vermiest, die atemberaubende Weitblicke nicht mehr zulässt. Obwohl es wirklich nicht danach aussieht, dass Petrus gleich seine Schleusen öffnen wird, folgen wir der kurvenreichen D-918 weiter auf direktem Wege zum Col d´Aubisque. Da uns die Wolkendecke auch hier die freie Sicht versperrt, entschließen wir uns unsere Tagesetappe in dem kleinen Örtchen Gourette ausklingen zu lassen.

Auf dem Weg zum Atlantik

Frisch und ausgeruht empfängt uns am nächsten Morgen wieder die Sonne, die die noch nasse Straße zum Glitzern bringt. Auf unserem Weg zum Col de la Pierre Saint-Martin kommen wir noch am Col de Hourataté vorbei. Mit seinem sehr schmalen, aber dennoch verwinkeltem Asphaltband ist die Anfahrt zum Col de Hourataté ein Leckerbissen für alle Motorradfahrer, die einem klitzekleinen Hauch von Abenteuer etwas abgewinnen können. In dieser Region darf sich der geneigte Pyrenäen-Reisende nicht zu sehr über die Beschaffenheit der Landstraßen wundern. Das Bild von breiten, gut ausgebauten Landstraßen hat sich zugunsten schmaler Asphaltbänder gewandelt, die nur einspurig befahrbar sind. War auf den bisherigen Straßen wenig Verkehr anzutreffen, so sind in dieser ländlichen Region die Straßen geradezu ausgestorben. Glück für uns, denn entgegenkommende Autos würden hier ein mitunter akrobatisches Platzmachen bedeuten. Dennoch lässt es sich hier hervorragend kurven.  

Der Feldweg-Charakter der schmalen D-441 führt uns über Hänge und schlecht einsehbare Waldstücke schlussendlich doch zum Col de la Pierre-Martin. Hier treffen wir wieder auf die altbekannten Straßenverhältnisse. Diese begleiten uns auch bis an die Atlantikküste und Donostia-San Sebastian, dem westlichsten Punkt unserer Pyrenäenreise und gleichzeitig Umkehrpunkt für unseren Rückweg. Die zusammen mit Breslau im Jahre 2016 ernannte Kulturhauptstadt Europas bietet alles, was das Touristenherz nur begehren kann. Riesige Hotels, Sandstrand, Flaniermeile und wie an Perlenketten aufgereihte Bars und Restaurants wirken nach Tagen der wohltuenden Einsamkeit in den Bergen wie das erste Oktoberfest-Wochenende auf Erstbesucher. Menschenmengen schlendern pulsierend durch die Straßen und Gassen, allerorts erschallt Musik und der Geruch von regionalen Spezialitäten liegt in der Luft. Donostia-San Sebastian verströmt seine touristische Ausrichtung mit jeder Pore. Die morgige, lange Etappe ermahnt uns jedoch, dem bunten Treiben nicht allzu lange beizuwohnen und so befinden wir uns bereits in den Kojen, während draußen noch munter weiter gefeiert wird.

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Rückfahrt

Unser Frühstück nehmen wir stilecht in einer Bar zu uns. Dabei landen Verpackungen, Servietten und sonstiger Müll auf direktem Wege hinter uns auf dem Boden, nachdem uns ein Einheimischer über die besonderen Gewohnheiten dieser Region aufgeklärt hat. Ein wenig Skrupel haben wir dennoch verspürt, uns wie Teilnehmer eines Rittermahls aufzuführen. 

Unser Wiedereinstieg in die Pyrenäen ist erneut der Col de Pierre Martin, jedoch biegen wir bei Athas Richtung Süden auf die N134 um zum Col du Somport zu gelangen. Der Col du Somport ist einer der ältesten Grenzübergänge zwischen Spanien und Frankreich. Für Pilger des Jakobsweges stellt der Col du Somport einen wichtigen Bezugspunkt dar und so findet sich auf unserem Weg dorthin immer häufiger das typische Muschelsymbol. Von unserem Etappenziel, dem idyllischen Ort Biescas erreichen wir am nächsten Tag Puerto de Cotefablo. Die bisweilen recht holprige N-260 führt uns weiter zur A-138 bis hoch zum Col de Peyresourde. Auch der 1569 Meter hohe Pass hat einen direkten Bezug zur Tour de France. Der Peyresourde war der Erste Pass überhaupt, der von der Tour de France überquert wurde. Die D-618 führt uns weiter zur D-125 bis wir bei Gaud schließlich auf die D-44 Richtung Col de La Clin abbiegen. Ab Lez verwöhnt uns die D-44 mit kniffligen Kurvenkombinationen und einigen Serpentinen. Witzigerweise liegt der Col de la Clin laut Navigationsgerät jedoch nicht am höchsten Punkt, sondern wird erst nach einer Abfahrt durchfahren.

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Carcassonne 

Mit dem Erreichen von Carcassonne haben wir nicht nur die Pyrenäen hinter uns gelassen, sondern haben uns mit der Hügelfestung Cité de Carcassonne noch eine besondere Sehenswürdigkeit für den Schluss unserer Pyrenäen Rundfahrt aufgehoben. Die malerische Festungsstadt Cité de Carcassonne mit ihrem ganz besonderen Mauerwerk ist eine Sehenswürdigkeit sondergleichen. Ganz besonders am Abend, wenn die Stadt komplett beleuchtet wird, bietet sich dem Auge ein absolut einmaliger Anblick. Berauscht von diesen Eindrücken fällt uns der restliche Heimweg und somit die Rückkehr ins nasskalte Deutschland nun deutlich schwerer. 

Text & Fotos: Timo Leichtfried

Praktisches für die Pyrenäen:

In Frankreich ist neben der Pflicht die das Tragen von CE-geprüften Handschuhen vorschreibt, auch seit dem 1.1.2016 Vorschrift eine geprüfte Warnweste mitzuführen.
Das Tankstellennetz in Frankreich ist gut ausgebaut. Es empfiehlt sich allerdings, wenn möglich die angebundenen Tankstellen diverser Carrefour- oder Super-U-Supermärkte aufzusuchen. Hier kann der Sprit schonmal ganze 20 Cent pro Liter weniger kosten. Automatentankstellen nehmen u.U. nicht alle Kartenarten an. Häufig werden aber Visa oder V-Pay Karten akzeptiert.
Der Asphalt in Frankreich gilt als besonders Reifenmordend. Der überwiegend griffige Belag setzt Reifen in punkto Laufleistung kräftig zu. Es empfiehlt sich, eine Pyrenäen Reise mit frischen Reifen zu starten.