Motorradtour Schweiz - Graubünden und Engadin

Motorradtour Schweiz - Graubünden und Engadin


Dem Himmel ganz nah

Graubünden ist der größte Kanton der Schweiz mit langer Geschichte, herrlichen Landschaften, hohen Pässen und Impressionen, die weit mehr als eine Tourenreportage füllen können. Heinz E. Studt erkundete das alpine Herz der Schweiz natürlich mit einem Abstecher in deren wohl bekanntesten Teil – das Engadin. Und der Aufstieg zum höchsten, ganzjährig bewohnten Dorf der Alpen durfte auch nicht fehlen.

Sind unsere Schweizer Nachbarn nicht ein beneidenswertes Völkchen? Porentief friedlich sowie fernab von den Krisen Europas leben sie in einem Alpengärtlein, das seinesgleichen sucht. Einem Alpengärtlein, dessen Herz Graubünden heißt und dessen Dach das Engadin ist. Graubünden ist vom Oberalp- bis zum Ofenpass, vom Rätikon bis zum San Bernardino eines der landschaftlich abwechslungsreichsten Tourengebiete, das sich Biker – oder Töfffahrer (mit wahrlich drei „f“!), wie die Schweizer uns viel sympathischer nennen – wünschen können. Ganz besonders auch im Herbst zu einem mehr als farbenprächtigen Saisonfinale.

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Ein Auftakt im Höhenrausch

"So fern von allem, so metaphysisch ... hier ist gut leben, in dieser starken, hellen Luft. Wohl wahr, der schönste Winkel der Erde ..." jubelte Friedrich Nietzsche, als er seine kreativsten Sommermonate 1881 bis 1888 im Engadin verbrachte. Und obwohl der föhnige Malojawind den Schriftsteller oft mit Kopfschmerzen und Fieber quälte, zog es ihn doch Jahr für Jahr wieder in die Bergwelt des Engadins. Auch wir beginnen unsere Reise in Nietzsches Paradies, haben in Ardez unser erstes Lager aufgeschlagen. Rasch sind die sieben Sachen im Hotel verstaut und wir brechen auf zur ersten Runde. Scuol, der Hauptort des Unterengadin liegt nur wenige, kurvenreiche Kilometer entfernt, sein malerischer Dorfplatz lädt uns spontan zu einem koffeinhaltigen Einkehrschwung. Frisch gestärkt geht es anschließend über den smaragdgrünen Inn nach Tarasp.

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Von Mundwasser und Ritterburgen

Weithin sichtbar auf einem Felskegel thront das Schloss Tarasp. Eine Horde Raubritter soll die Burg um 1040 n.Chr. erbaut haben.. Doch bereits 100 Jahre später starb ihre Sippe mangels gesunder männlicher Nachkommen aus und die Gemäuer verfielen zusehends. Anfang des 20. Jahrhunderts verliebte sich der deutsche Fabrikant Karl August Lingner in die traurigen Überreste und kaufte die Ruinen für schlappe 20.000 Franken. Aus allen Ecken Europas ließ Lingner sodann Möbel, Teppiche, Täfelungen und Wappenscheiben zusammentragen, um die Burg in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen. 1914 war Richtfest, im Sommer 1916 sollte feierliche Einweihung sein. Doch wenige Tage vorher verstarb er, den Traum seines ersehnten Altersruhesitzes vor Augen. Das nenn’ ich echte Tragik!
Die Sonne kratzt bereits an den Gipfeln der umliegenden Dreitausender, als wir aus der Abgeschiedenheit von Tarasp zurück in die Lebendigkeit des Unterengadin düsen. Ein gutes Essen und ein kleines Fläschchen Engadiner Rotwein runden diesen Tag perfekt ab. Und draußen vor der Tür funkelt eine für Stadtmenschen geradezu atemberaubende Vielzahl von Sternbildern zum Greifen nah.

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Von Alpenbischöfen und berühmten Pässen

Oberhalb der Talstraße treibe ich unseren bajuwarischen Reisedampfer anderntags nach Guarda, einem Freilichtmuseum mit freiem Eintritt. Mein Tipp: Stellen auch Sie das Moped am Ortsrand ab und streifen Sie zu Fuß durch die kaum lenkerbreiten Gassen. Toll! Dann geht es entlang des Inn weiter nach Zuoz. Im 12. Jhd. kaufte der Bischof von Chur den damaligen Bergbauernhof, um ihn zum Mittelpunkt seiner Herrschaft auszubauen. 400 lange Jahre gelang ihm dies auch, , bis Ende des 15. Jhd. das österreichische Kaiserheer plündernd ins Engadin einfiel. Doch groß war die Verwunderung der Söldner, als sie Zuoz in Schutt und Asche vorfanden. Die Bewohner selbst hatten ihre Häuser angezündet. Als die Österreicher wieder abgezogen waren, baute man kurzerhand zahlreiche der imposanten Bürgerhäuser rund um den sehenswerten Dorfplatz wieder auf.

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Zunächst die Wegweiser Richtung Albula-Pass noch fröhlich ignorierend treibe ich unsere RT erst einmal Richtung St. Moritz, jenem Schmelztiegel aus Stars und Sternchen, aus A-, B- und C-Promis. Nur wenige Kurven weiter öffnet sich dann das Inntal zur grandiosen Oberengadiner Seenplatte, die uns direkt Richtung Maloja führt, dem wohl berühmtesten Engadiner Pass. Herrliche Rechts-Links-Kombinationen entführen uns kurzerhand zu einer Stippvisite hinab ins angrenzende Bergell. Dann heißt es noch einmal „Maloja - wir kommen!“. Diesmal von der anderen Seite und fahrerisch etwas anspruchsvoller.

Endlich himmelwärts

Apropos: Eine der höchsten Passstraßen der Alpen darf natürlich in dieser Geschichte nicht fehlen. Bei Silvaplana zweigt er ab Richtung Westen – der Weg hinauf zur Felsenwelt des Julierpasses. Ein absoluter Pflichttermin für Biker im Engadin. So, wie auch die Geschwister Albula- und Flüelapass als alternative Wege Richtung Davos. Wir wählen heute den Flüela, oben an der Passhöhe auf satten 2.383 m hinterlässt der Winter nahezu ganzjährig seine eiskalten Visitenkarten. Deutlich wärmer begrüßt uns wenig später Davos als „höchstgelegene Ferien- und Kongressstadt Europas“ auf 1.600 Metern. Schon Thomas Mann weilte hier zur Kur, sammelte Fakten und Eindrücke für seinen „Zauberberg“. Und gleichwohl er den Davoser Kurbetrieb ziemlich verurteilte, verhalf er dem Ort doch zu internationalem Ruhm. Wohl auch deshalb haben sich die Einwohner lange schon mit dem 1955 gestorbenen Schriftsteller ausgesöhnt.
Über Klosters schwingen wir im letzten Licht des Tages durch das hübsche Prätigau-Tal Richtung Landquart und weiter nach Chur zu unserem reservierten Quartier. Bei echten Graubündner Genüssen aus Küche und Weinkeller lassen wir den kurvenreichen Tag in der sehenswerten Altstadt ausklingen.

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Gemütlich wedeln wir anderntags aus der Stadt hinaus nach Westen. Allerdings bereitet die verkehrsreiche Kantonsstraße 19 kaum fahrerischen Genuss und so setze ich in Tamins den Blinker links Richtung Versam, einer kleinen, heilen Bergwelt mit mächtigen Häusern und spektakulären Panoramen. Hier tickt auch unsere Mopeduhr umgehend gemütlicher, hier ist das „grüne Band“ auf der Karte doppelt so breit, wie die Straße unter unseren Reifen. 25 Kilometer Sackgasse entführen uns in eine vollkommen stille Welt.
Auch die naheliegende Valser Hochtalstraße ist so ein Geheimtipp. Zwischen Almen und Felslandschaften schwingen wir schnurstracks hinauf ins Herz der Graubündner Alpen. Einsame Bergdörfer und Gehöfte säumen den Weg, ganz am Talschluss warten dann Vals und der Zervreila-Stausee auf uns, zwei Pausenplätzchen ganz besonderer Qualität.

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Welch farbenfroher Ausklang

Weiter gen Westen locken auch an diesem Tag zwei namhafte Pässe der Schweizer Alpen, der Lukmanier und St. Gotthard. Die durfte ich aber auf meinem Lebens-Roadbook bereits „abhaken“, deshalb gönnen wir uns auf dem Rückweg nach Chur noch ein ganz spezielles Highlight. Dazu wenden wir uns bei Reichenau Richtung Thusis, streifen die berühmte Viamala-Schlucht und suchen den Abzweig kurz hinter Andeer links hinauf nach nach Avers und Juf, dem höchstgelegenen, ganzjährig bewohnten Dorf der Alpen. Auf kurvenreicher, so manches Mal auch wenig mehr als lenkerbreiter Straße treibe ich unseren Reisedampfer 25 km bergan. Mein Tipp: Lauschen Sie während der Fahrt auf die Hupsignale des Postbusses. Gleichwohl dessen Fahrer wahre Meister ihres Faches sind, kann eine Begegnung auf engstem Raum auch den Blutdruck alter Bikerhasen zur ungesunden Explosion bringen.

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Wer sich dann aber nach all der zweifelsohne lohnenden Mühe ein ganz besonderes Nachtquartier gönnen möchte, der sollte sich in der Pension „Edelweiß“ auf satten 2.126m Höhe ein Bett suchen. Hier sind Sie nicht nur in ihren Träumen dem Himmel ein großes Stück näher. Allerdings auch in einer für mich jedes Mal wieder gewöhnungsbedürftigen Höhenlage. Wir gönnen an diesem Spätnachmittag unserer RT erst einmal eine ausgiebige Pause, setzen uns mit aller Zeit der Welt auf eine Bank am Wegesrand und schauen der Sonne beim Untergehen zu. Und während das Dach der Alpen im letzten Licht der Sonne zu glühen beginnt, verstehe ich einmal mehr, warum die Schweizer ein derart friedliches, in sich selbst ruhendes Völkchen sind. Bei diesem Land, diesen Bergen, dieser Natur und dieser Geschichte...