Ulster Grand Prix

Ulster Grand Prix


Big Balls needed

Hinter der Irischen See geht's beim Ulster Grand Prix very british zu: Das Straßenrennen mit fast hundertjähriger Tradition rühmt sich des Titels "The World's Fastest Road Race".

Schon mal was von Dundrod gehört? Wohl kaum, dieser kleine Ort in Nordirland, westlich im Hügelland von Belfast gelegen, dürfte nur Insidern bekannt sein: Dundrod ist nämlich Schauplatz des jährlich ausgetragenen Ulster Grand Prix, eines Straßenrennens, wie es authentischer – und britischer, obwohl auf der irischen Insel gelegen  – nicht sein könnte. Dabei kann die vom Dundrod & District Motorcycle Club ausgerichtete Veranstaltung auf eine ziemlich lange Tradition zurück blicken: Das erste Rennen wurde schon 1922 gestartet, und von 1953 bis 1971 zählten die Läufe des Ulster GP sogar zur Motorrad-Weltmeisterschaft. 

Deshalb finden sich in den Starter- wie Siegerlisten eine Vielzahl illustrer Namen, denn alle waren sie hier: Von Agostini über Phil Read, Jarno Saarinen, John Surtees und Mike Hailwood bis Heinz Rosner, der hier auf MZ viel Beachtung fand. Doch 1972 war es erst einmal vorbei mit dem internationalen Flair, der Ulster GP wurde ein Opfer der bürgerkriegsähnlichen Unruhen zwischen den protestantischen Engländern und den separatistischen Katholiken, die für einen Anschluss Nordirlands an Irland kämpfen. Das im Oktober des Vorjahres bei einem Brandanschlag verwüstete Gebäude des Clubs war letzten Endes der Auslöser den Ulster GP vom WM-Kalender zu streichen – ein Großer Preis in einem von den "Troubles" beherrschten Land war dem GP-Tross ein zu großes Risiko.

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Großartiger Rennsport wurde den vielen Fans trotzdem geboten in einem Land, in dem "Road Racing" tatsächlich Rennen auf der Straße meint und Rundstreckenrennen als "Short Circuit Races" bezeichnet werden. Kein Wunder also, wenn man hier mächtig stolz auf die Bezeichnung "schnellstes Straßenrennen der Welt" ist. Local Heros dominierten, doch auch britische Racer wie Carl Fogarty waren erfolgreich; unvergessen natürlich der sagenhafte Joey Dunlop, mit 24 Siegen alleiniger und wohl niemals übertrumpfter Dundrod-Rekordhalter, und der legendäre Phillip McCallen, der 1994 an einem Tag bei vier von fünf Rennen als Erster die Ziellinie überquerte und 1996 das Kunststück schaffte, alle fünf Rennen zu gewinnen.

Seit dem Ende der Nordirlandkrise gewinnt der Ulster GP wieder an Bedeutung, und auch internationale Fahrer lassen sich wieder blicken. Seine Anziehungskraft für Fahrer und Zuschauer verdankt die Veranstaltung nicht zuletzt dem komprimierten Ablauf, so werden am Hauptrenntag, dem Samstag, gleich sieben Rennen abgehalten: Je zwei Läufe Superbike und Supersport, dazu die Klassen Superstock, Supertwins und die Ultralightweights – allesamt auf öffentlichen Straßen, die nur während der Trainingsläufe und Rennen für den Durchgangsverkehr gesperrt werden.

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Davon abgesehen übt der Ulster GP aber einen ganz speziellen Reiz wegen der hohen Geschwindigkeiten aus, die auf dem exakt 7,401 Meilen – das entspricht 11,910 Kilometer – langen Straßenkurs erzielt werden können. Ob dass der Grund ist, weshalb die fachkundigen Kommentatoren in Lautsprecherdurchsagen und dem omnipräsenten Ulster GP-Radiokanal nicht wie bei uns gewohnt von den Rundenzeiten schwadronieren sondern die erzielte Durchschnittsgeschwindigkeit als das seligmachende Credo ausrufen? Dazu kommt immer wieder das Verkünden des Spitzentempos, das eine Radarpistole im passend bezeichneten Streckenabschnitt Flying Kilo geschossen hat.

Wer nun meint, eine solche Veranstaltung würde in den Grenzzonen der Akzeptanz stattfinden, hat sich mächtig in den Finger geschnitten. Zwar kann der Besucherstrom nicht mehr mit den 50er Jahren mithalten, als bis zu 100.000 Zuschauer nach Dundrod pilgerten, doch die 35.000 Fans von heute können sich wahrlich sehen lassen. Das Rennen ist ein Event, ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem sich der Bürgermeister, die Honoratioren und die Prominenz sehen lassen. Und bei dem die Zuschauer durch die Bank ein großes Interesse am eigentlichen Renngeschehen mit hoher Sachkenntnis kombinieren und weniger Partystimmung verbreiten – angesichts des bekannt-schaurigen Wetters auf der Insel auch nicht verwunderlich. Als Indiz, wie tief der Ulster GP in der Gesellschaft Nordirlands und Irlands tatsächlich verwurzelt ist, dürfen die Sponsoren gelten: Neben dem Hauptsponsor Metzeler und national tätigen Unternehmen unterstützen das City Council von Lisburn & Castlereagh, die Stadtverwaltung der nahegelegenen Städte, ebenso wie das Tourismusbüro von Nordirland die Rennen, aber auch Lidl Nordirland möchte von der Popularität profitieren.

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Doch zurück zu den faszinierenden Fakten: Aktuell hält der Neuseeländer Bruce Anstey den Rekord auf der zur Rennstrecke umgenutzten zweispurigen Landstraße mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 133,977 mph, aufgestellt 2010 im Superbike-Rennen. Wer den mit vielen blinden Ecken, Kuppen und bewaldeten Abschnitten versehenen welligen Kurs einmal nur so im Straßentempo umrundet hat – außerhalb der Ortschaften sind in Nordirland 70 mph erlaubt – hält dieses Durchschnittstempo von 215,6 km/h auch angesichts der zahlreichen Fahrbahnmarkierungen für schlicht unmöglich. Genauso wie die Höchstgeschwindigkeit, die der Engländer Peter Hickman und der Lokalmatador William Dunlop im ersten Superbike-Rennen am Flying Kilo in den Asphalt gebrannt haben: 196,9 mph, das sind unfassbare 316,87 km/h!

Nicht nur diese Zahlen belegen, dass - um in Dundrod vorne mitfahren zu können - eine Riesenportion Kaltschnäuzigkeit, großer Mut und viel Erfahrung gefragt ist. Erfahrung meint hier Streckenkenntnis, und wer die nicht hat, tut sich verdammt schwer. Wie der Österreicher Horst Saiger, der 2015 zum ersten Mal in Dundrod antrat und natürlich Lehrgeld zahlen musste: "Da fährst du im dritten Gang über die Kuppe bei Deer's Leap und weißt nicht genau, wie es dahinter weitergeht, da rast einer im fünften mit Vollgas einfach an dir vorbei und ist schon außer Reichweite." Oder, wie es der Trainingsschnellste Guy Martin bei einer Besichtigungsrunde im PKW für den Abschnitt Rock Bends ausdrückt: "Wenn du hier wirklich schnell sein willst, muss der rechte Ellbogen das Gras fast berühren" – ohne ausgefeilte Streckenkenntnis ein Ding der Unmöglichkeit.

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Keine Rolle spielt bei den Platzierungen das Alter, wie die Superbike-Rennen bewiesen: Der Sieger des ersten Rennens, der Neuseeländer Bruce Anstey mit dem Spitznamen Flying Kiwi, hat schon 45 Jahre auf dem Buckel, das zweite konnte der 28-jährige Engländer Peter Hickman für sich entscheiden. Es ist schon lange her, dass keiner von der Insel wenigstens einmal die wichtigste Kategorie für sich entscheiden konnte. Doch auch die Einheimischen hatten Grund zum Jubeln: Der in Maguiresbridge im County Fermanagh geborene Lee Johnston wurde mit drei Siegen in den beiden Supersport- und im Superstock-Rennen zum Man of the Meeting gekürt. Auch Horst Saiger ging nicht leer aus: Der Kawasaki-Pilot belegte im Superstock-Lauf einen sensationellen zwölften Rang, was ihm die Vincent P. Fusco Memorial Trophy für den besten Newcomer einbrachte.

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Road Racing ist aber nicht nur eine der faszinierendsten, sondern auch gefährlichsten Motorsportarten. Dies musste der charismatische Guy Martin aus North Lincolnshire bei den traditionell am Donnerstag vor dem eigentlichen Ulster Grand Prix stattfindenden Dundrod 150-Rennen erfahren: Bei einem heftigen Abgang im Superbike-Rennen im Abschnitt Ireland's Corner brach sich der Führende mehrere Rippen und das Brustbein, so dass er die Rennen im Krankenhaus live auf BBC Northern Ireland verfolgen musste. Dabei hatte der Nice Guy sogar noch Glück, denn die Auslaufzone, in die er als Führender des Superbike-Rennens schlitterte, war noch bei der letzten Auflage mit Bäumen durchsetzt – den Sturz hätte Martin vermutlich nicht überlebt. Auch der samstägliche Ulster GP-Renntag selbst wurde von einem tragischen Ereignis überschattet, bei dem der 24-jährige Engländer Andy Lawson nach einem schweren Sturz im zweiten Supersport-Rennen ums Leben kam. 

Text: Thilo Kozik