Top Mountain Motorcycle Museum

Top Mountain Motorcycle Museum


Motorradmuseum auf über 2.000 Meter

Die Brüder Attila und Alban Scheiber haben sich einen Traum erfüllt: das Top Mountain Motorcycle Museum. Die spektakuläre Ausstellung präsentiert auf 2.000 Meter Höhe an der Timmelsjoch-Hochalpenstraße über 200 klassische Motorräder von rund 100 Marken.

Sind die Ewings noch ein Begriff? Jene texanische Ölmagnaten-Familie aus der Fernsehserie „Dallas”. Die österreichischen Ewings heißen Attila und Alban Scheiber. Nur sie verdienen ihr Geld nicht mit dem schwarzen Gold aus den Tiefen der Erde, sondern weißem Gold, das vom Himmel fällt – Schnee. Den Scheibers gehören in den Skigebieten Obergurgel und Hochgurgel die Bergbahnen, die Skischule, mehrere Sportgeschäfte und Hotels. Wenn die Skisaison vorbei ist, dann müssen die Scheibers den Gürtel nicht enger schnallen, im Sommer bleibt ihnen noch die Timmelsjoch-Hochalpenstraße, die sich seit Jahrzehnten im Privatbesitz der Familie befindet. 2,5 Millionen Autos, Busse und vor allem jede Menge Motorräder benutzen jährlich die Mautstraße, um über den 2.509 Meter hohen Sattel von Tirol ins Passeital nach Italien zu wechseln. 16 Euro zahlen Autofahrer für die einfache Fahrt über die kurvenreiche, über 30 Kilometer lange Panoramastraße. Mit 14 Euro schneiden Motorradfahrer etwas besser ab. „Wir sind so etwas wie moderne Raubritter”, sagt Attila Scheiber selbstironisch anlässlich der Eröffnung des Top Mountain Motorcycle Museums, der höchst gelegenen Ausstellung dieser Art in Europa.

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Auf 2.175 Meter Seehöhe können historische Motorräder bekannter wie teilweise vergessener Marken bestaunt werden. Zu den Höhepunkten zählen eine Brough Superior aus dem Jahr 1939, die der legendäre Konstrukteur selbst gefahren haben soll. Auch die Laurin & Klement (Vorgänger-Unternehmen von Skoda) von 1905 lässt die Herzen von Zweirad-Nostalgikern höher schlagen. Hinzu kommen Stücke mit Seltenheitswert wie eine Zweizylinder-Indian von 1912 oder die MV Augusta von Rekordweltmeister Giacomo Agostini. Sechs einzigartige Leihgaben der BMW Group Classic runden den bunten Reigen u.a. österreichischer, amerikanischer, deutscher, italienischer und japanischer Motorradkunst ab. Dazwischen gesellen sich einige vierrrädrige Kostbarkeiten wie ein Ferrari Californian Spider, ein Porsche Speedster, der Lotus 23 B oder jener Alfa Romeo, der 1936 die legendäre Mille Miglia gewann. Mit einer Versicherungssumme von sieben Millionen Euro erscheinen die Fahrzeuge deutlich unterversichert, so unschätzbar wertvoll sind einige Bikes.

Die Motorradpassion der Scheibers kommt nicht von ungefähr, sie wurde ihnen praktisch in die Wiege gelegt. Schließlich war der Vater der Zwillingsbrüder ein bekannter österreichischer Auto-Rennfahrer, der seine Söhne schon sehr früh mit dem Motorrad-Bazillus infizierte. „Mit sechs Jahren hat uns der Vater unser erstes Motorrad gekauft, eine Gilera”, erzählt Attila Scheiber. „Dann folgte eine Montesa Trial-Maschine. Als wir 18 wurden, hatten wir schon acht unterschiedliche Bikes verbraucht.” Die Leidenschaft für Zweiräder haben sich die Brüder bis in die Gegenwart bewahrt. „Früher sind wir schnell gefahren, heute eher Genussfahrer”, beschreibt Attila Scheiber das Faible für historische Maschinen, besonders gerne fährt er seine Indian-Bikes.

Vor vier Jahren erwarben die Scheibers auf eine Anzeige hin gleich eine ganze Motorrad-Sammlung, die heute den Grundstock des Museums bildet. Danach tingelten sie um die halbe Welt, auf Auktionen und Oldtimermärkten hielten die Brüder nach weiteren Fahrzeugen Ausschau. Als Ziel hatten sie sich 170 Motorräder von 100 unterschiedlichen Marken gesetzt, geworden sind es 202, die 102 Marken repräsentieren. 

 „Wir fahren noch immer fast täglich fünf verschiedene Maschinen”, erzählt Attila Scheiber, um zu unterstreichen, dass die Museumsstücke keine reinen Schauobjekte sind. „Etwa 80 Prozent der Motorräder befinden sich in einem fahrbaren Zustand.” Zur Pflege der Bikes besitzt das Museum eine eigene Werkstatt und Mechaniker.

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Die Idee, gerade in dieser Höhe oberhalb von Hochgurgel ein Museum zu errichten, entstand eigentlich aus der Notwendigkeit heraus, die alte Mautstelle zu modernisieren. Das Projekt entwickelte sich zum imposanten Top Mountain Crosspoint, ein riesiger, architektonisch der Landschaft angepasster, komplett aus Holz errichteter Gebäudekomplex für vier unterschiedliche Einrichtungen: Maustelle, Gondelbahnstation, Museum und Restauration. Letztere steht ebenfalls ganz im Zeichen des motorisierten Zweirads. Mopeds hängen von der Decke, Felgen dienen als Raumteiler und klassische Fotomotive zieren die Wände. Mit 20 Millionen Euro beziffern die Scheibers die Investitionen. Auf die Frage, mit wie vielen Besuchern sie denn im Jahr rechnen zuckt Attila Scheiber nur mit den Schultern: „Darüber haben wir uns überhaupt keine Gedanken gemacht.” Hauptsache, sie haben sich ihren Traum erfüllt.

Text: Norbert Meiszies

Fotos: Gehm/Lohmann/Top Mountain Crosspoint