Zweites Pure & Crafted Festival in Berlin

Zweites Pure & Crafted Festival in Berlin


Schlägerkappen, Karohemden und Tattoos

Berlin ist immer eine Reise wert – diese angestaubte Weisheit untermauerte die zweite Auflage des „Pure & Crafted“-Festivals hammerhart, auch und vor allem für Motorradfahrer.

Denn dieses Event im stimmungsvollen alten Postbahnhof unweit der Eastside Gallery verknüpfte die Themen Motorrad und Musik auf eine quasi-natürliche Art und Weise, die ihresgleichen sucht: Während auf zwei Bühnen – eine open air, die andere in einer Halle – tolle Live-Musik geboten wurde, war die Freifläche dazwischen von der Creme der Umbauszene mit aufreizenden Einzelstücken fast überfüllt. Im altehrwürdigen Gebäude des Postbahnhofs selbst lud ein besonders stimmungsvoll aufgemachter „General Store“ mit illustren Ausstellern zum Schlendern und Staunen ein, und wem danach war, der konnte sich auch gleich den Bart stilecht beim Barbier scheren lassen. Als Tüpfelchen auf dem Unterhaltung-i riss ein altehrwürdiges Motodrom als älteste noch reisende Steilwand die zahlreichen Besucher zu Begeisterungsstürmen hin.

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Die Musik-Mopped-Kombi traf offensichtlich den Nerv, denn das Festival war an beiden Tagen mit insgesamt 8.000 Besuchern ausverkauft. Was zugegebenermaßen auch an der Klasse der insgesamt 20 verpflichteten Bands mit den Top-Acts lag: Während am Freitagabend die Gute-Laune-Fans bei den munteren Schweden von Mando Diao voll auf ihre Kosten kamen, rockte am Samstagabend Noel Gallagher mit seinen High Flying Birds die Open Air-Arena. Neben den eigenen Hits spielte der Ex-Oasis-Frontmann auch die berühmtesten Songs der vergangenen Ära, und das Publikum schwelgte bei Champagne Supernova, Wonderwall und Don't look back in anger in melancholisch-sehnsüchtiger Erinnerung an die Jugend in den Neunzigern. Etwas später am Abend durften die mutigsten der Besucher selbst auf die Bretter, die die Welt bedeuten: Beim erstmals stattfinden Punk Rock-Karaoke durften sie unter Begleitung einer Live-Band ihre teilweise beachtlichen, teilweise amüsierenden Talente zum Besten geben. 

Ausschließlich dem Thema Motorrad war der Samstagmorgen mit einer gemeinsamen Ausfahrt gewidmet. Dabei gab sich die virulente Berliner Umbau-Szene ein Stelldichein, um gemeinsam mit diversen Ausstellern in den ländlichen Süden der Stadt zu cruisen. Mit mehr als 100 Motorrädern kein gar so leichtes Unterfangen, das dank der Flexibilität der Berliner und der Zurückhaltung der Teilnehmer nicht nur gemeistert, sondern zur freudvollen Angelegenheit für alle wurde – auch wenn nicht jeder Schalldämpfer den TÜV-Segen bekommen würde.

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Mit der Ausfahrt repräsentierten die Teilnehmer ein Lebensgefühl, das die Individualität in den Mittelpunkt stellt und jedem seine Freiheiten lässt. Passend dazu hielt sich der Hauptsponsor BMW Motorrad dezent im Hintergrund und das Thema Motorrad wurde von den meisten Besuchern am Rande, aber durchaus wohlwollend zur Kenntnis genommen. Michael Trammer, verantwortlicher Projektmanager bei BMW Motorrad, findet das nicht schlimm: „Das Pure&Crafted Festival 2016 war ein echtes Highlight, weil es so viele völlig unterschiedliche Menschen zusammenzubringt. Die offene, entspannte und äußerst freundschaftliche Atmosphäre ist einzigartig und macht das Pure&Crafted Festival zu einem ganz besonderen Erlebnis.“

BMW hält das Konzept für trag- und ausbaufähig. Im Spätsommer 2017 wird das Pure&Crafted Festival seinen dritten Geburtstag in Berlin feiern, aber leider nicht mehr im stimmungsvollen alten Postbahnhof sondern einem noch nicht bekannten Ambiente. Die Festival-Teilnehmer wird man auch 2017 gut erkennen können Denn so individuell die jeweilige Geisteshaltung auch ist, beim Outfit sind sich alle einig: Wer keine Schlägerkappe, Umschlagjeans oder Karohemd trägt, muss zumindest mit gewagter Bartkreation und farbenprächtigen Tattoos seine Zugehörigkeit zur Welt der Nonkonformisten dokumentieren. 

Text: Thilo Kozik

Bilder: Kozik, Künstle