Kawasaki Days 2016 beim Schottenring Classic GP

Kawasaki Days 2016 beim Schottenring Classic GP


Grün am Vogelsberg

Einmal im Jahr verwandelt sich das beschauliche Schotten am Vogelsberg in ein bro-delndes Zentrum des historischen Motorrad-Straßenrennsports. Und als wäre das nicht Trubel genug, finden hier gleichzeitig die Kawasaki Days statt, das deutschlandweite Treffen der Freunde der grünen Marke.

Beim Schottenring Classic GP rasen mehr als 300 historische Motorräder und Gespanne mitten durch die Stadt, gefeiert von tausenden Zuschauern. Kreischende Zweitakter, dumpf bollernde Viertakt-Einzylinder und dazwischen die niemals versiegenden Ansagen aus den Lautsprechern – in Schotten herrscht am vorletzten Augustwochenende nicht nur akustisch der Ausnahmezustand: Der lokale MSC Rund um Schotten veranstaltet den traditionsreichen „Schottenring Classic Grand-Prix für Motorräder“. 

Zur 28. Auflage pilgerten wie in den Jahren zuvor Tausende zu diesem größten Motorrad-Rennsport-Spektakel Hessens und ließen sich von der einmaligen Szenerie einfangen: Der 1,4 Kilometer lange Stadtkurs führt über die Bundesstraße und mitten durchs Industriegebiet, eine Schikane fast im Vorgarten hilft, das Tempo zu reduzieren – so nah kommt man ernsthaftem Rennsport nirgendwo. Manch einer der Zuschauer auf den offenen Tribünen schwelgt in längst vergessenen Zeiten, leicht benebelt vom ansonsten ausgestorbenen Zweitaktduft.

Sämtliche Namen der Motoradgeschichte sind vertreten, von Aermacchi über AJS, Benel-li, DKW und Maico bis Zündapp reicht die bei weitem nicht vollständige Liste. In der „Vintage/Post-Vintage“-Klasse der Baujahre 1920 bis 1949 treten besonders seltene Schätzchen wie eine Motosacoche, Rudge oder Sarolea an, bei „Clubsport bis 1978“ rasen beliebte Rennstrecken-Oldies wie Yamahas RD 250 um den Kurs. Obwohl viele Zuschauer den historischen Modellen – und ihren oftmals ebenso betagten Piloten – die tollkühne Fahrweise nicht zugetraut hätten, geht es nicht darum, wer als Erster die Ziellinie auf der B 455 überquert: Bei den Läufen um die Deutsche Historische Motorradmeisterschaft (DHM) ist Gleichmäßigkeit gefragt, die Abweichung von der selbst gefahrenen Richtzeit bestimmt die Platzierung. Dass die reifen Teilnehmer in hautenger Lederkluft trotzdem mächtig am Gasgriff drehen, erklärt ein Rennfahrer augenzwinkernd: „Es ist leichter, auf der letzten Rille gleichmäßig um die Ecken zu flitzen, als immer gleich zu trödeln. Außerdem macht’s viel mehr Spaß.“ 

Neben den Modellen locken zahlreiche berühmte Fahrer das Publikum ins Hessische. Neben ehemaligen Weltmeistern wie Toni Mang, Phil Read, Rolf Steinhausen und Freddie Spencer konnten die Besucher dieses Jahr sogar einen aktuellen Weltmeister begrüßen: Superbike-Champion Jonathan Rea kam wegen der Kawasaki Days nach Schotten. Der Kawasaki-Pilot schrieb unzählige Autogramme, erfüllte alle Selfie-Wünsche und unterhielt sich geduldig mit den zahlreichen Fans, die zur Interview- und Autogrammstunde das Kawasaki-Zelt randvoll machten. Dieses bundesweite Markentreffen des japanischen Herstellers wertet seit drei Jahren den Schottenring GP mit faszinierenden Umbauten und einem bunten Unterhaltungsprogramm auf. Auf der Händlermeile gaben sich Restauratoren, Bike Builder, Vereine und etliche Kawasaki-Händler ein Stelldichein. Viel Betrieb herrschte immer dann am Rande der Händlermeile, wenn Stuntfahrer Chris Rid die Zweirad-Fans mit spektakulären Aktionen zu Begeisterungsstürmen hinriss. Auch die Möglichkeit zu Test-Rides der aktuellen Kawasaki-Modellen, die erstmals vorab gebucht werden konnten, wurde weidlich genutzt – zumindest, so lange das Wetter mitspielte. 

Denn fast schon traditionell verdunkelte sich der Himmel zum Samstagnachmittag und entließ den ein oder anderen Tropfen auf Besucher und Teilnehmer, der Stimmung tat das jedoch keinen Abbruch – am Samstagabend wurde im Kawa-Zelt ordentlich Party gemacht. Und die gestählten Herren und Damen Rennfahrer lassen sich von solchen Kleinigkeiten ohnehin nicht beirren und gingen am Sonntag bei jedem Wetter an den Start. 

Das besondere Flair des Schottenring GP verdichtet sich im einzigartigen Fahrerlager, das sich wie ein wilder Campingplatz auf der schrägen Wiese am Ortseingang ausbreitet. Die Teilnehmer sind mit Wohnwagen, Wohnmobilen, kleinen LKWs und PKW mit Anhänger angereist. Es herrscht eine hemdsärmelige Atmosphäre: Unterm Vorzelt wird mal eben die Zündung eingestellt oder das geheimnisvolle Zweitaktgemisch von Hand verrührt, und jeder Besucher bekommt auf seine Fragen bereitwillig tiefgründige Antworten. Die Bewältigung kleinerer und größerer Probleme beherrscht das ganze Wochenende über den Tag der Fahrer und ihrer zumeist familiär verbundenen Crew. Doch Schrauben gehört einfach dazu und verbindet – man kennt und hilft sich. 

Wie viele der heutigen Teilnehmer schon früher in Schotten an den Start gingen, weiß niemand. Doch dass der Rennsport in Schotten eine lange Tradition hat, ist bekannt: Schon 1925 organisierte der „Vogelsberger Automobil und Motorradclub“ das erste Rennen „Rund um Schotten“. In den folgenden Jahren wurden die Motorradrennen legendär, bis zu 90.000 Zuschauer säumten die traumhaft gelegene Naturstrecke. Als Highlight durften die Schottener 1953 den Großen Preis von Deutschland als Teil der Motorrad-WM ausrichten. Danach fand die Geschichte wegen schwerer Unglücke auf anderen Straßenkursen ein jähes Ende. Doch seit 1989 erinnert an jedem dritten Wochenende im August der Classic Grand Prix an den alten Glanz, sorgsam dokumentiert in einer Dauerausstellung im Vogelsberger Heimatmuseum in Schotten.

Text: Thilo Kozik

Bilder: Kozik / Kawasaki