Vespa V50N Special

Vespa V50N Special


Fettich, - fast fettich!

Da es sich bei unserem Patienten um einen echten Nachfahren der ersten kleinen 50er Vespa, der "Vespino" handelt, welche zugleich das letzte Modell des legendären Vespa Ingenieurs D'Ascanio war, dehnen wir den "low budget" Rahmen bis auf's Äußerste, um unsere Restaurierung zu vollenden. Denn die Preise für Vespa-Ersatzteile gehen ab, wie seinerzeit die T-Aktie -- nur in die andere Richtung.

Nichts kann uns schocken...

Nachdem wir die Karosseriearbeiten abgeschlossen haben und den Auspuff an die neue Reifengröße mit Flex und Schweißgerät angepasst haben, steht erneut der Weg zu Runo's Roller-Welt in Herne auf dem Programm.
Bowdenzüge, Hüllen, Schraubnippel, Kupplungshebel, Zündkerze, Benzinhahn, Schalterabdeckung und ein Sitzbankbezug müssen bestellt werden. Da gibt es nichts dran zu rütteln. Während uns Züge, Hüllen, Zündkerze und Kupplungshebel mit Preisen zwischen 1,50 und 7,- Euronen sehr wohlgefällig erscheinen, schlagen der Benzinhahn mit 25,- Euro - ok es ist ein sehr aufwändig gearbeitetes Teil - und die wundersame Sitzbankbezug-Wertschöpfung mächtig ins Kontor. Schon bei der Bestellung des Kunstlederüberziehers mussten wir bei der Preisansage von 62,- Euro mächtig schlucken. Bei Abholung soll die Gummiaktie innerhalb von 3 Wochen auf über 150,- Euro geklettert sein. Haha, unglaublich! Doch nachdem wir letztens 60,- Euro für eine 50cm lange KTM Ölleitung berappen mussten, kann uns nichts mehr schocken...

Also gut. Der versprochene Preis von 62 Euro bei Bestellung steht zum Glück fest wie einst der Motor der kleinen Vespa. Außerdem gibt's das super spezielle Spezialwerkzeug zum Einschrauben des Benzinhahns (glaubt mir, ohne geht es beim besten Willen und aller Kreativität nicht) zu einem akzeptablen Schnäppchenpreis aus der Asservatenkammer der nie abgeholten Bestellungen dazu. Damit können wir leben. Probleme machen allerdings das Ausbleiben des Kupplungshebels und des Lichtschalterdeckels, dessen Preis wir noch nicht genau kennen. Der steigt wahrscheinlich stündlich fleißig weiter. Vorerst geht's aber auch ohne die beiden Teile.

Beziehung

Da wir das Marode Schaumgummi von der Sitzbankpolsterung entfernt haben, muss neu aufgepolstert werden. Geeignetes Material gibt es im Baumarkt. Ein Aktivkohlefilter-Set für eine Dunstabzugshaube schaut geeignet genug aus. Enthalten sind eine große schwarze Matte, eben der Aktivkohleeinsatz und eine schöne weiße weiche Fasermatte. Alles für 7,- Euro und groß genug, um je 2 Lagen zurecht zu schneiden. Verklebt wird das Ganze mit ordentlich Pattex. Gute Laune inklusive! Nach Austrocknung den neuen Bezug unter reichlich Walgen, Ziehen, Drücken und Kneten überstreifen, umschlagen und mit den praktischen Klammern, die wir vom alten Bezug gerettet haben, festsetzen. Sitzbank fettich.

Endmontage

Es gibt doch für einen Bastler nichts schöneres, als neue Teile an eine fast fertige Baustelle zu montieren. Alles ist sauber. Alles passt. Und das Beste: Alles funktioniert. Bremsen, Kupplung, Schaltung lassen sich nach fummeligem Verlegen der Hüllen in den Kabelkanal und sehr entspanntem Durchschieben der mit Nähmaschinenöl geschmierten Züge hervorragend einstellen und betätigen. Dabei machen sich unsere sorgfältigen Vorbereitungen in Sachen Sauberkeit und Schmiermitteleinsatz an allen Ecken und Enden nun endlich bezahlt. Auch die Tachowelle und der vordere Bremszug (am besten von unten nach oben einführen) lassen sich mit etwas Fummelei durch das Gabelrohr an ihren Bestimmungsort dirigieren. Der Tacho wird mit einem Reinigungsmittel von seiner WD-40 Konservierung befreit, die Gummidichtung für die Aufnahme im Lenker mit Hylomar angeklebt und nach kurzer Wartezeit kann die Tachowelle angeschraubt und er Tacho eingesetzt und von unten mit der original Schraube angezogen werden. Wir besorgen noch schnell 50cm eines 8er Benzinschlauches einen Papierkraftstofffilter, bauen mit dem Spezialwerkzeug den Benzinhahn in den außen und innen aufgearbeiteten Tank ein und verbinden diesen mittels Schlauch, Filter und Schraubschellen mit dem Vergaser. Das Befüllen mit 1:50 Gemisch, natürlich verwenden wir das leckere IPONE 2-Takt Öl mit Erdbeeraroma, beweißt die Dichtigkeit des Systems.

Nachdem wir die äußeren Fußleisten durch das Bodenblech mit M3 Edelstahlschrauben und Muttern montiert haben, müssen die beiden inneren Leisten auf den Kabelschacht der Vespa gepoppnietet werden. Auch das klappt problemlos und sieht richtig schick aus.
Die Kabelage verbinden wir in der mit WD-40 aufbereiteten Kabelbox am Schwingentrieb ganz einfach stur nach Farben. Einen komplett neuen Scheinwerfer mit Glas und Reflektor gibt es für harmlose 11 Euro, ebenfalls bei RUNO. Dafür kann man ihn nun wirklich nicht selber machen!

Wahrheitsfindung

Zündkerze einstecken, an Masse halten und mit der Hand zwei mal kräftig den Kicker betätigen, beschert das ultimative Erfolgserlebnis eines echt starken Zündfunkens. Aha!
Wir werden mutig. Das Ziel ganz nah vor Augen öffnen wir den Bezinhahn und versuchen ganz frech, das nur mittels Hammerschlag und reichlich Öl Instand gesetzte Triebwerk zum Leben zu erwecken. Doch auch nach dem 80sten Kick und mehrfacher Zündkerzentrocknung bleibt unter steigender Transpiration das erhoffte Geknatter aus. Schade, doch Versuch macht bekanntlich kluch. Jetzt ist alles fertig, nur der Bock springt nicht an. Die Kompression reicht nicht! Wir schauen nach und erblicken nach dem Abziehen des Zylinders einen kapitalen Motorschaden. Es war doch der Kolben, der sich festgefressen hatte. Der zweite Ring ist gebrochen, fehlt gut zur Hälfte und hat sich durchs Kurbelgehäuse und den Brennraum wohl ins Freie verabschiedet. Fragmente und Riefen weisen den Weg. Egal, damit war zu rechnen. Es kann halt nicht immer alles glatt laufen.

Weiter geht's...

Jetzt ist erstmal Zeit, noch die letzten Feinheiten in Angriff zu nehmen: Schilder ankleben, Zierleisten von Farbresten befreien und mal alles schön mit Motorex Protect & Shine einsprühen.
Es braucht schließlich Zeit, sich von der Material fressenden Wahrheit zu erholen. Mental wieder frisch, betreiben wir Vermessungsarbeit. Der kaputte Kolben weißt einen Durchmesser von 47mm auf. Viel zu dick für einen 50er Kolben. Dessen Originalmaß beträgt laut www.rollershop-express.de Teilekatalog lediglich 38,4mm. Die Vespino Enkelin war also schon getunt. Unsere Berechnungen lassen auf 75ccm schließen. Nicht schlecht. Beste Voraussetzungen also für einen vierten Anlauf, unseren Schrott wieder flott werden zu lassen - und zwar flotter als je zuvor...

Text & Photos: pabi