Abstimmung der Telegabel

Abstimmung der Telegabel


”Drucksache”

Mit richtig Schmackes kommt unser Sportfreund über die kleine Bergkuppe gedüst. Gleich dahinter folgt eine scharfe, fast um 90 Grad abknickende Kurve, die er aus dem hohen Tempo extrem hart anbremsen muss. Die Telegabel taucht bei dieser Gewaltbremsung weit ein, soweit, dass kaum noch nutzbarer Federweg vorhanden ist und das Vorderrad regelrecht über den Asphalt hoppelt. Nur mit großer Mühe kann unser Speedy sein ins Schlingern geratenes Bike auf Kurs halten und auf der letzten Rille in die Kurve einbiegen. Es ist noch einmal gut gegangen. Ursache für diese Fahrwerksunruhe ist eine falsch abgestimmte Telegabel.

Handwerkliches Geschick ist gefragt

Bei modernen High-Tech Bikes, die über eine Vielzahl von Fahrwerksverstellmöglichkeiten verfügen, ist dieses Problem schnell in den Griff zu bekommen. Mit wenigen Handgriffen wird die Federvorspannung oder die Dämpfereinstellung verändert, und schon liegt das Bike bedeutend besser auf der Straße. Motorradfahrer, die aber ein Bike besitzen, bei dem sich allenfalls nur die Federbeine verstellen lassen, müssen sich im Großen und Ganzen mit der serienmäßigen Abstimmung zufriedengeben. Wollen sie das nicht, besteht aber doch die Möglichkeit, das Ansprechverhalten und die Dämpferwirkung der Telegabel zu beeinflussen. Mit etwas handwerklichem Geschick, genügend Zeit zum Basteln, einem Werkzeugsortiment und verschiedenen Dämpferölsorten lässt sich bereits viel erreichen. Grundvoraussetzung für die Neuabstimmung ist eine systematische Arbeitsweise und sie muss an einem Tag durchgeführt werden, damit das Gefühl für die unterschiedlichen Testergebnisse deutlich im Gedächtnis bleibt.

Bestandsaufnahme

Doch bevor mit verschiedenen Gabelölsorten und Ölmengen herumexperimentiert wird, muss man vorab überprüfen, ob die Gabel überhaupt spannungsfrei zusammengeschraubt ist. Taucht sie nur störrisch und widerwillig ein, liegt es oft daran, dass sie klemmt. Bereits bei der falschen Montage des Vorderrades nach einem Reifenwechsel kann es passieren, dass die Gabelstandrohre nicht mehr 100% parallel verlaufen und so dieser Klemmeffekt entsteht. Aber auch der serienmäßige oder nachträglich angebaute Gabelstabilisator kann für die Gabelverspannung verantwortlich sein.

Völlig losgelöst

Alle Schrauben des Stabilisators, der Gabelklemmfäuste und die Achsmutter werden gelöst. Nun wird das Motorrad vom Ständer genommen und die Telegabel einige Male eingefedert. Die Erfahrung hat hierbei gezeigt, dass es sinnvoll ist, das Vorderrad gegen ein Hindernis zu schieben und nicht die Vorderradbremse als Stopper zu benutzen. Jetzt wird zuerst die Vorderachse korrekt festgezogen und gegebenenfalls mit einem Splint gesichert. Danach wird mindestens 5 bis 10 Mal die Gabel kräftig eingedrückt. Hierbei muss sie absolut sauber ein- und ausfedern. Ist das nicht der Fall, sind aller Wahrscheinlichkeit nach die Standrohre krumm, und der Besuch in einer Fachwerkstatt wird unumgänglich. Erst nach dem "Gabelpumpen" dürfen die Klemmschrauben und danach die Schrauben des Gabelstabilisators festgezogen werden. Nach dieser Arbeit ist gewährleistet, dass die Gabel mechanisch einwandfrei arbeitet und man sich nun der eigentlichen Abstimmung zuwenden kann.

Aufgebockt

Hierzu muss das Motorrad so aufgebockt werden, dass das Vorderrad frei steht und man es ausbauen kann. Jetzt wird das Gabelöl aus beiden Holmen abgelassen, danach die oberen Verschlussschrauben in den Standrohren herausgedreht und die Gabelfedern herausgezogen. Sind die Federn progressiv gewickelt (erkennbar an dem unterschiedlichen Abstand der Federwicklung) muss man sich unbedingt merken, in welcher Lage sie in den Standrohren gesteckt haben, in der Regel ist der progressive Bereich (eng gewickelte Feder) oben. Ebenfalls ist auf die Reihenfolge eventuell vorhandener Distanzscheiben und Ausgleichsbuchsen, die mit herausgenommen werden, zu achten. Damit auch wirklich das gesamte Öl abfließen kann, werden jetzt die Tauchrohre einige Male bis zum Anschlag rein und rausgezogen. Erst wenn das Gabelöl restlos abgetropft ist, werden die Ablassschrauben wieder eingedreht und festgezogen.