Triumph Speed Four

Triumph Speed Four


Mein Froschkönig

Hey, das ist ja die Show: Triumph Deutschland überlässt uns in Form des generösen Guido Hinzmann im September 2002 die einzige in Deutschland verfügbare Speed Four. In diesem giftig-chemischen slime-green, das wir noch aus Schulpausen-Zeiten kennen.

Als du nämlich deine Mitschüler anwidern konntest, indem du dir eine schleimige Flüssigkeit in genau dieser Farbe aus einem Plastiktöpfchen zogst, dergestalt, dass du es dir wie aus der Nase rausgerotzt direkt unter eben diese Öffnungen gehalten hast. Natürlich mit der entsprechend täuschend echt nachgemachten „Soundkulisse“... Na gut, diese Zeiten sind lange vorbei. Und der Sound, der aus diesem ultraneuen Engländer dringt, den kann man auch nicht gerade mit „rotzig“ bezeichnen. Was aber nicht heißt, dass dieser wassergekühlte Reihen-Vierzylinder so „manierlich“ klingt, wie die Farbe in echt heißt: „Roulette Green“. Wie dem auch sei, wir hatten jede Menge Glück. Denn im März des Jahres 2K2 raffte ein Großbrand in den Triumph-Werken dort in Hinckley die gesamte Jahresproduktion der flinken Straßenkämpfer hinweg, noch bevor sie eben den Uterus verlassen konnten. Ein Jammer! Der nackte Nachfolger der TT 600 wirbt mit fast japanisch aalglatten, ja fast schlitzäugigen, weil gänzlich neu abgestimmten Motor-Werten dieses Kurzhubers, dessen überschneidende Ventilsteuerzeiten wahrlich überzeugend zur effektiven Ausbeute aller 98 vorhandenen Pferdestärken beitragen.

Die kleine Engländerin

Apropos tragen: Ein komplettes Gepäcktaschen-Set bekamen wir gleich vom Werk aus mitgeliefert, mit Abdeckungen dabei, damit nicht gleich die ganze Farbpracht und Lackherrlichkeit ob der harten Beanspruchung auf dem weiten Weg auf der Strecke bleiben. Ihr werdet es kaum glauben, aber wir bestiegen mit voller Montur, zweifacher Kameraausrüstung und sogar ein paar Fressalien zu zweit das brand-ähem-neue Reittier. Und hatten, ehrlich gesagt, nur eins nicht im Sinn: diesen glubschäugigen Straßenkämpfer mit seinem knappen Windschildchen in Wagenfarbe auf dem Trip vom Café Hubraum in Solingen aus bis zum Ace Cafe nach London etwa zu schonen. Mitnichten! Genau am Freitag, den 13. im September, brachen wir auf. Ein ganzer Stoßtrupp von bestimmt dreißig weiteren Hartnäckigen sollte uns zunächst begleiten. Aber was soll ich euch sagen? Ich versuchte mein Körpergewicht auf den Vorderbau der kleinen Engländerin zu verlagern um dem doch etwas größer und schwerer als ich geratenen Sozius mitsamt dem unter ihm deponiertem Gepäck einen geeigneten Widerpart zu liefern. Von wegen Wheelie-Neigung des flotten 600er Aggregats, die ja einem Streetfighter angeblich gleich mit in die Gene gelegt wird. Gott bewahr und nix von alledem. Ruckzuck zogen wir geschmeidig an dem Tross vorbei. Schließlich macht Kolonne-Fahren kein gutes Bild für solch schneidige Erscheinung. Und macht eh nur müde. Also, voll Stoff, solange man sich schließlich noch auf deutschen BABs etwas Narrenfreiheit können kann. Leute, ich hab mal zwischendurch einen Blick auf die Uhr gewagt und hab da was von 220 km/h gesehen. Kein Scherz. Und das mit voller Streitmacht. Gut, zwischendurch forderte die Raserei auch ihren Tribut, denn hinter dem kleinen Windgesicht ist ab 200 Sachen dann doch harte Genickarbeit angesagt. Und dem Sozius schliefen dann doch ab und an ob der angewinkelten Beinposition die Haxen ein. Aber unsere Pausen bezogen sich nicht mehr als auf ganz manierliche Spritfassereien.

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High-Speed ist das, was Bock macht

Und in England wurde es dann erst recht komplett lustig: Immer wieder fanden wir ein paar Spielgefährten, einmal auf langer Strecke eine Kawa ZXR 600 - auch in einem schööönen Grün - und schickten den eingeborenen Insulaner gleich mal als Pfadfinder, Geschwindigkeitsmesser und Starenkasten-Erstgeblitzter voran. Der Typ saß da komplett Gepäck-frei ganz allein drauf, zog mächtig am Kabel – und konnte uns nicht abschütteln. Geil. Und die Engländerin ließ sich überhaupt nichts anmerken, dass ihr trotz ihrer noch weit unter 10.000 km Betriebsstunden-Jugend so derb mitgespielt wurde. Unglaublich, diese unspektakuläre Art der schnellen Fortbewegung. Wunderbar, dieses irre-geile Klangbild der hohen Drehzahlen in der grünen Insellandschaft. Bis kurz vor London. Ich meine, es war schließlich Freitagnachmittag. Und das Blechtrommelaufgebot dort vor der Queen-Hochburg-City stand dem unserer A40-Konstellation zur Rushhour um gar nichts nach. Nun aber im Stop- and Go den langgewachsenen Sozius mitsamt Gepäckkulisse alle zwei Meter auf den Zehenspitzen abzufangen, das war dann doch nicht drin. High-Speed ist das, was Bock macht. Nicht Känguru-Gehoppel auf dem Mittelstreifen zwischen all den rechtsgesteuerten Linksfahrern.

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Also, Staubeginn und zeitgleicher Fahrerwechsel waren eins. Denn das ist eigentlich so der einzige aufmerkende Makel an dieser wahrlich elastischen Erscheinung: Anfahren im ersten Gang bei niedrigen Drehzahlen bringt etwas wackeligen Unmut in den sonst so geschmeidigen Rhythmus. Dennoch, das kompakte Gerät mit dem angenehm steilen Lenkwinkel und einer Sitzposition wie direkt mit dem Vorderrad verbunden, vermittelt die ernstzunehmenden Kurven-Qualitäten, die man der mit lustigen Tupperware-ähnlichen Ram-Air-Rüsselchen ausstaffierten Erscheinung so ohne weiteres gar nicht zugetraut hätte. Aber so kann man sich täuschen: Ein harmloses Grinsgesicht aus chromblitzenden, riesigen Froschaugen mit einer grünen Krone aus gefällig gebogenem GFK, die Schenkelchen easy eingebremst mit einer leicht dosierbaren Vierkolben-Anlage vorn, ganz und gar nicht Kübelböckig quakiger Stimmqualität (schließlich schalmeien in besten Zeiten über 14.000 Touren in den Gehörgängen) und einem hoheitlich gestalteten Motormanagement bei kultiviertem Durchzug und elektronisch geregelter Saugrohreinspritzung... Was Wunder für die staunenden Engländer hernach am Ace Cafe in London und auf dem Madeira Drive in Brighton: Lauert da etwa in dem englischen Frosch unter deutschen Farben gar ein verwunschener Prinz, der nur darauf wartet, wachgeküsst zu werden? Wir entdeckten auf jeden Fall die charakterlich einwandfreien Qualitäten und den Charme einer englischen Fahrmaschine, frei jeglicher Vorbehalte aus frühren Zeiten des nun über 100jährigen Triumph-Werkes. Good Luck für die neue Produktion!

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Text: Sabine Welte

Fotos: Welte/Hüby