Triumph Thruxton 900

Triumph Thruxton 900


Rocker Ride

Ein Neumotorrad, reif für's Museum? Schockierte Jetztzeit-Biker finden Dinge wie einen mechanischen Benzinhahn, manuellen Choke, Vergaser, Lenkersteckschloss, eine Sitzposition wie bei Ago und den Spaß am echten, puristischen Motorrad-Fahren. Und das alles für unter 9.000 Euro. Triumph macht’s möglich.

Ohne, dass wir darum gebeten haben, verwöhnen uns die modernen Motorradbauer mit immer perfekteren elektrifizierten Fahrgeräten. Nehmen uns immer mehr Arbeiten ab. Benzinhähne findet man in Zeiten von Einspritzung und Benzinpumpen kaum noch. Chokes zur Gemischanreicherung beim Kaltstart braucht auch niemand mehr ziehen. Das regelt das Motor-Management und seine ausgefeilte Sensorik. Das Steckschloss am Lenkkopf ist längst ins Zündschloss integriert. Inklusive Alarmanlage und codiertem Zündschlüssel. Ganz vergessen haben dabei die meisten Motorrad-Konstrukteure und Marketing-Strategen scheinbar, dass es Leute gibt, die genau deshalb Motorrad fahren, um eben dieser technischen Wunderwelt zu entfliehen. Die Auseinandersetzung mit den mechanischen Notwendigkeiten des Ingangsetzens eines Verbrennungsmotors suchen und bewusst erleben wollen. Playstation plug and play haben wir doch schon genug im Büro, im Auto, Zuhause und auch sonst überall.

Lasst uns doch auch mal wieder am Benzinhahn drehen, selber herausfinden, ob das Bike ein Bisschen Choke braucht, mit dem L-Schlüssel am Lenkerschloss fummeln und die Vergaser fluten. Unterwegs dem liegen gebliebenen Kollegen einen Schluck Benzin spenden, indem wir einfach den Benzinschlauch vom Vergaser ziehen und in eine am Wegesrand gefundene Coladose abfüllen. Aber auch die findet man ja heute nirgends mehr, seit der Dosenpfand der Dose den Garaus bereitete. Genug polemisiert. Die Thruxton jedenfalls entführt uns in eine Zeit, als die Motorradwelt noch in Ordnung war. 

Perfekte Optik

Mit ihren perfekten Proportionen und der klassischen Silhouette präsentiert die Thruxton den typischen Stil des Café Racers – knapper Kotflügel vorn, verwegen angebrachte Lenkerstummel im Agostini-Style, der charakteristische, wunderbar einfach abnehmbare Sitzhöcker und die spartanische Eleganz machen die Atem beraubende optische Dynamik der Thruxton aus. Selten ernteten wir mit einem eigentlich so unspektakulären Bike derart viel positive Resonanz vor der Eisdiele und am Mopped-Treff. Triumph trifft mit dem Café-Racer die Biker mitten ins Herz.

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Schwaches Herz

Ein Herz, das leider unbedingt einen Schrittmacher braucht, denn der 865 cm3-Paralleltwin der Thruxton ist mit 70 PS zwar der stärkste aller Triumph-Twins, kann aber weder in Sachen Vortrieb, noch beim Sound wirklich Racer-Emotionen wecken. Mensch, das muss doch richtig Ballern und von unten heraus anschieben wie eine Diesel-Lok. Da ist bei Triumph die freiwillige Selbstkasteiung vor den EU-Geräusch-Emissions-Grenzwerten offenbar aus dem Ruder gelaufen. Wenn man daran denkt, was Ducati seinen Monstern für eine Geräuschkulisse erlaubt und auch so legal in Umlauf bringt, möchte man den so gern vornehm in der Schlange anstehenden Engländern ruhig etwas mehr Frechheit wünschen. Trotzdem überzeugen Motor und Getriebe im Endeffekt, denn wenn der Fahrer schon der Verzweiflung nahe scheint, weil untenrum nix geht, schwingt sich die Thruxton im letzten Viertel ihrer Drehzahlskala, die sie klassisch schön auf einem weiß hinterlegten Rundinstrument dokumentiert, zu ungeahnter Sportlichkeit auf. Plötzlich dreht der Twin wie entfesselt in den Roten Bereich und stürmt, immer noch verhalten schnurrend, voran. Zappt man sich derart racerisch durch die gut, auf kurzen Wegen exakt einrastenden fünf Gänge, saust die Thruxton wir auf der langen Geraden, mit tief gebücktem Fahrer gen 180 km/h auf der Uhr. Da fühlst Du Dich tatsächlich wie einer der frühen Renn-Heroen mit Halbschale und Fliegerbrille auf waghalsiger Hatz. Wenn es jetzt noch richtig röhren würde…

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Geiles Fahrgestell

Jedoch gruppiert sich um den Motor herum ein Fahrwerk, das höchsten Ansprüchen genügt und sportive Ambitionen unterstützt. Vor allem die stabile 41er Telegabel, in der Federvorspannung einstellbar, und die beiden Federbeine im Heck sorgen für beste Straßenlage. Die Thruxton ist Kurven gierig ohne Ende, zieht eine saubere Linie mit jederzeit leicht durchzuführenden Korrekturmöglichkeiten, bietet enorme Schräglagenfreiheit und einen unbeirrbaren Geradeauslauf. Zur Vernichtung der Vortriebsenergie dient eine einfache Zweikolbenzange mit schwimmend gelagerter 320 mm-Einzelscheibe vorn. Diese verrichtet eine kräftige, jederzeit sensibel dosierbare Verzögerungsarbeit. Es müssen nicht immer gewaltige Zweischeiben-Bremsanlagen mit werweißwievielen Kolben zubeißen, um effektiv ankern zu können.

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