Harley Davidson XL 1200 Roadster

Harley Davidson XL 1200 Roadster


Power of innovation

Es gibt Traditionsmarken im Fahrzeugbau, die ein Modell kontinuierlich weiterentwickeln, dabei das äußere Erscheinungsbild sanft pflegen, doch im technischen Detail die Kraft der Neuerung zum Wohle der Käufer anwenden. Porsche hat mit seinem legendären 911er 40 Jahre Modellpflege vorgelebt. Im Motorradsegment hat Harley-Davidson mit dem Modelltyp “Sportster” den deutschen Automobilkonzern in punkto Kontinuität um mehr als zehn Jahre überflügelt. 1952 war das Geburtsjahr der ersten Sporty. Für 2004 bekam sie einige grundlegende Änderungen mit auf den Weg.

Bisher war die Sportster als reine Fahrmaschine ohne viel Schnick-Schnack, mit dem Esprit eines eher rauen Gesellen konzipiert. Der Motor durfte sich hemmungslos bis in alle Körperteile der Bikenden hinein vibrieren. Doch ganz im Credo des Zeitgeistes geht es bei der neuen XL 1200 Roadster um das Verhüten von bauartbedingten Einflüssen durch den Einsatz eines Gummis. Im Falle eines Motorrades findet sich besagter Gummi allerdings am Motorblock wieder, dort soll er die derbsten Stöße des V-Twins auffangen. Die Motorlagerung befindet sich unten in Gummi, wobei im oberen Bereich Schubstangen für eine Stabilisierung sorgen.

Auswirkungen

Wer jetzt meint, der Motor hätte mit der “Power of innovation” auch seinen herausragenden Charakter eingebüßt, irrt sich zum Glück. Wie eh und je vibriert er erotisierend bis in den Körper. Ja, Sporty fahren hat ganz viel mit Erotik zu tun, entweder mann oder frau steht dazu und genießt es, oder lässt halt die Finger davon. Im Gegensatz zu meiner eigenen XL 1200 Baujahr 1991 dringen beim aktuellen Modell die ganz heftigen Spitzen nicht mehr bis zum Reiter durch, die werden nämlich im Puffergummi in Wärme umgewandelt. Übrig bleiben genau die gewünschten, charakter- und spaßbildenden Vibrations, die nicht störend, sondern lusttypisch empfunden werden. Bis in den oberen Drehzahlbereich hinein bleibt das Gasaufreißen erträglich, wobei der Motor wunderbar quirlig rennt. Gegenüber den bisherigen 1200er Sporties ein klarer Funpunkt. Allerdings bevorzuge ich doch die ganz raue Art meiner ballernden XL, die muss einfach noch mehr gezähmt und mit klarer Dominanz pilotiert werden, nicht unbedingt jedermenschs Sache.

Neuer Rahmen

Wegen der Gummipräsenz am Motor musste das Fahrgestell der aktuellen Sportster completly neu konstruiert werden. Leider ist das Gesamtgewicht des Bikes um runde 25 Kilogramm im Vergleich zur Vorgängerin gestiegen. Die Konstrukteure von Harley-Davidson haben bei der Materialstärke des Rahmens nicht als Weight-Watchers fungiert. Das Verbindungsteil zwischen Oberrohr und Rahmenheckteil ist dimensioniert, als ob das Fahrgestell auch als Gerätschaft zum Einsatz auf unseren hiesigen Feldern eingesetzt werden könnte. Die gut 260 Kilogramm Lebendgewicht sind allerdings weder beim Fahren noch beim Rangieren im Stand zu bemerken, auch nicht allzu kräftige Biker können die Sporty souverän handeln ohne sich beim Aufsitzen am Bikertreff blamieren zu müssen. Mit einem bestimmenden Ruck am Lenker ist die Harley schwupp vom einklappsicheren Ständer in die Senkrechte gebeamt. Auch die moderate Sitzhöhe von 714 mm lässt Bikern unter 1,70 m die Chance zum Stehen auf den beiden eigenen Fußsohlen. Für die ganz kleinen Mitmenschen gibt es die Customversion der XL 1200. Sie lockt mit einer Sitzhöhe von nur 668 mm.

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Fahrgenuss

Eins ganz klar vorab: Nur ein klassischer Langhuber fühlt sich an wie ein Langhuber. Diese Art der Motorkonstruktion bietet den antörnenden Blubber-Punch aus genial niedrigen Drehzahlen. Wer also genug hat vom stupiden High-Speed-Jagen auf der Autobahn (oder leider auch oft zu sehen sogar auf den Landstraßen) und möglicherweise auf die Suche nach dem ursprünglichen Motorrad-Erlebnis geht, sollte sich einmal von spektakulären Prospektdaten lösen und beim Harley-Vertragshändler um einen Proberitt bitten. Neben der Zeit ist nämlich auch die Geschwindigkeit etwas “Einsteinsches” Relatives. Das Gefühl jedoch, das aus dem Erfahren von Straße-Motorrad-Mensch entstehen kann, etwas sehr Konkretes, eben sinnlich Fassbares. Die neue Sportster-Generation fasst sich dabei an wie schon immer. Nix mit Knieschluss und solchen Attitüden. Für den Sportster-Unerfahrenen sicherlich auf den ersten Kilometern gewöhnungsbedürftig. Böswillige würden es wohl wie folgt umschreiben: “Ein Sitzbalken mit Lenker zum Festhalten”. Die Unterschenkel stehen frei im Fahrtwind, der Luftfilterkasten wird immer wieder vom rechten Knie touchiert. Schräglagen müssen mit deutlich gesetzten Impulsen über den Lenker in Verbindung mit Drücken des kurvenäusseren Knies ein wenig erzwungen werden. Hört sich kompliziert an, ist aber in Wirklichkeit reine Gewöhnung, dann kann das Bike auch lustvoll über kurvenreiche Landstraßen gescheucht werden. Wem die Herausforderung ein Lebenselexier ist, findet in der Harley seinen Treibstoff, wer allerdings ein Fahrwerk sucht, das quasi wie von selbst durch die Kurven läuft, ist mit der Sporty wie überhaupt mit allen Modellen der amerikanischen Marke im falschen Film.

Ein zu heftig vibrierender Motor kann sich als Störfaktor auf das Fahrverhalten eines Motorrades auswirken. Um allzu giftige Vibrationen beim Fahren aus seinem Empfinden auszublenden, macht man sich auch zwangsläufig unsensibel für alle übrigen Feinstinformationen. Ist im Bereich Motorradfahren nicht anders als im alltäglichen Leben. Hier ist die Gummilagerung der neuen Sportster-Generation mehr als ein Gewinn an Komfort. Weil die ganz spitzen Schwingungen gedämmt werden, bleibt man jetzt sensibler für Fahrwerks-Signale. Dies führt zu einer Verbesserung des aktiven Fahrvergnügens. Der Motor selber wartet mit überarbeiteten, hochverdichteten High Flow Zylinderköpfen und sportlich ausgelegten Performance-Nockenwellen auf. Die nominell 66 PS reichen für einen Topspeed von 185 km/h, der hohe und etwas ungünstig gekröpfte Lenker lässt diese Geschwindigkeit jedoch nur kurz zu. Ich würde den Originallenker direkt gegen einen aus dem Zubehör tauschen, dann fetzt es besser.

Auch die für sportliche Fahrweise zu weiche Front, lässt sich mit anderen Gabelfedern und härterem Dämpferöl schnell modifizieren. Als absoluter Pluspunkt setzt sich wie schon bei den alten Sporties mit Evolutionengine der hydraulische Ventilspielausgleich und der wartungsarme Zahnriemenantrieb in Szene. Zudem hat die Company die Wartungsintervalle mit dem neuen Modelljahrgang von ehemals 4.000 auf nunmehr 8.000 Kilometer verdoppelt. So lässt sich Zeit und Geld einsparen, denn eine Inspektion kostet ja inzwischen auch eine stattliche Summe.

Neueinsteiger

Allen Novizen, die ihren Eintritt in die Harley-Gemeinschaft anvisieren, und vorher japanisch unterwegs waren, sei gesagt: Die mechanischen Geräusche des amerikanischen V-Twins beim Schalten rufen oft einen entsetzten Gesichtsausdruck bei Mithörern hervor. Das deutliche Klacken bei den Gangwechseln würde jeden Fahrer einer japanischen Maschine in die Werkstatt treiben. Doch ein Harley-Getriebe hört sich halt gerade auf den ersten 3.000 Kilometern etwas brachial an, dafür lässt es sich aber über jeden Zweifel erhaben völlig präzise schalten. Übrigens hat meine eigene Sporty bereits 51.000 Kilometer gestampft, ohne den geringsten Defekt an Getriebe, Motor oder einem sonstigen Teil.

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Alternative

Die 1200er Sportster ist ab rund 11.000 Euro zu haben, sicherlich ein Batzen Geld. Dabei darf der hohe Werterhalt einer Harley nicht vergessen werden. Eine preisgünstigere Alternative zur XL 1200 bietet die kleinere Sporty aus dem Hause der amerikanischen Traditionsmarke. Die 883er Sportster ist ebenso zu empfehlen, bietet sie doch praktisch das identische Technik-Layout und nur ein bisschen weniger Punch aus dem Drehzahlkeller. Mit 7.890 Euro stellt die 883 ein echtes Angebot dar.

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