Honda CBR 600 RR 2003

Frontorientierte Sitzposition

Damit ein ungünstig platzierter Fahrer nicht alle technischen Bemühungen um eine möglichst hohe Konzentration der Massen wieder zunichte macht, muss er massegünstig weit vorne sitzen. Im Fall der CBR 600 RR sitzt der Pilot sieben (!) Zentimeter näher am Lenkkopf als bisher. Um Platz zu schaffen, wurde deshalb ein großer Teil des Tanks unter den Sitz verlegt. „Der Tank fasst 18 Liter, was etwa 13 Kilogramm Masse entspricht. Je tiefer diese Masse platziert wird, je näher sie am Gesamtschwerpunkt liegt, umso leichter wird das Handling der Maschine“, erklärt der Honda-Techniker. „Bei der neuen CBR 600 RR liegen fast zwei Drittel des Tanks unter dem Fahrer.“ Ebenfalls neu: Die leichteren Räder, die voll einstellbare 45-mm-Kartuschengabel und die nun 310 mm großen vorderen Bremsscheiben samt Vierkolbenzangen. Das vollelektronische Cockpit mit dem mittig platzierten Drehzahlmesser und zwei LCD-Displays informiert umfangreich.

Frauenfreundliches Fahrvergnügen

Und wie fährt sich nun so viel Hightech? Erstaunlich normal und dabei unglaublich effektiv! Schon nach wenigen Metern im Sattel stellt sich auch auf der sportlichsten CBR 600 aller Zeiten das bekannte „Alles-passt-sitzt-wackelt-und-hat-Luft-Gefühl“ ein, das die CBR 600 seit ihrem ersten Erscheinen anno 1987 auszeichnet. Die Sitzposition ist zwar sportlich, für ein so rennorientiertes Motorrad aber fast schon unglaublich bequem. Zumindest für so kleine Menschen wie Ihren ergebenen Vorkoster mit nur 1,69 Meter Körperlänge passt die Ergonomie einfach perfekt. Meine lieben Motorrad begeisterten Damen: Die neue CBR 600 RR ist äußerst frauenfreundlich! Zwar scheinen die 820 mm Sitzhöhe der neuen CBR 600 RR sehr hoch. Doch weil der Sattel schmal und die Flanken des Tanks stark eingezogen sind, erreichen auch kleine und kurzbeinige Menschen locker den Boden. Und der tiefe Schwerpunkt erleichtert das Balancieren sehr. Das kippelige Gefühl, wenn im Spritfass vor dem Bauch fast 20 Liter Super hin- und herschwappen, gibt es bei der CBR 600 RR nicht! Bei aller Kompaktheit zwingt die CBR 600 RR dem Piloten keine Froschhaltung auf. Die Rasten liegen angenehm tief und schön weit hinten, die Lenkerstummel liegen – zumindest auf der Rennstrecke – perfekt zur Hand. Zwar bietet die kleine Scheibe nur dann wirksamen Windschutz, wenn sich der Pilot über den Tank – äh, die Airbox – streckt. Doch selbst 230 km/h sind aufrecht sitzend angenehm zu ertragen, weil der Wind nur den Helm trifft, die Schultern aber vor zu viel Druck bewahrt. Nur ganz Grossgewachsene sind – auch ihres Gewichtes wegen – eventuell mit einer geräumigeren Honda Fireblade besser bedient.

Fahrwerk der Extraklasse

Das Handling der CBR 600 RR ist famos. Man braucht nur in eine Kurve hinein zu blicken – schon geht die Honda auf Kurs. Gleichgültig ob schnelle Schikane, enge Hundskurve mit Überhöhung oder unter voller Beschleunigung durcheilte, nicht enden wollende Zielkurve – die Honda zieht immer einen sauberen Strich, gibt dem Piloten fast grenzenloses Vertrauen ins eigene Fahrkönnen, steckt den einen oder anderen kleinen Fehler ohne mit dem Hintern zu zucken weg. Und wenn sie mal per Hinterradbremse mutwillig zum Zucken mit dem Hintern – sprich Driften – angeregt wird, bleibt sie doch herrlich kontrollierbar. Die Stabilität in Schräglage, beim Anbremsen und auch beim Beschleunigen mit Restschräglage ist erstklassig. Selbst gröbere Linienkorrekturen sind auch in deftigster Schräglage noch möglich, ohne dass die Japanerin zickig wird. Die Bodenfreiheit ist enorm, wenngleich beim Einfedern ab und an die Rasterspitzen Funken schlagen. Die Bremsen arbeiten nahezu perfekt (auch hinten!), mit linear zunehmendem Biss bei steigender Handkraft und glasklarem Druckpunkt. Ein Fading war trotz mehrerer provokativ harter Bremsungen in rascher Folge nicht feststellbar. Das Schönste am Motor ist natürlich seine unglaubliche Drehfreude. Der Vierzylinder kreischt bis zu 15.000 U/min hinauf, als wäre dies die lockerste Übung der Welt. Keine Vibrationen, keine unnatürlichen mechanischen Geräusche, keine Durchhänger in der für eine 600er doch sehr, sehr füllig-fühlbaren Drehmomentkurve, kein spürbares Nachlassen im letzten Drehzahl-Fünftel. Doch auch Bummeln im hohen Gang verkraftet der Motor ohne zu Murren oder zu ruckeln. Alles zwischen 2.000 und 15.000 U/min geht problemlos! Und beim Gaswegnehmen saust die CBR 600 RR zweitakter-ähnlich scheinbar ungebremst weiter – kein hartes Lastwechselmoment, das beim Einlenken den Strich versaut, kein abruptes Abfallen der Drehzahl vor der Kurve, kein stempelndes Hinterrad in der Anbremszone – das ist weltmeisterlich!

Fazit: Einmal sein wie Rossi Junior

Die neue Honda CBR 600 RR hat mich – Sie werden es nach der Lektüre dieser seitenlangen Lobhudelei längst geahnt haben – zutiefst beeindruckt. Ein wirklich tolles, sehr einfach zu fahrendes Sportmotorrad. Ohne jede Fahrwerkstücke. Mit herrlicher, eigenständiger Optik und nicht minder guter Verarbeitung. Mit einem drehfreudigen und darüber hinaus erst noch zeitgemäß umweltfreundlichen Motor. Leise, ohne dem Piloten den Sound zu rauben! Bequem. Auch für kleine Menschen locker zu rangieren. Für ein so sportliches Motorrad erstaunlich alltagstauglich – und mit den richtigen Pneus bestückt serienmäßig geeignet, um an den meisten Hobby-Rennveranstaltungen die teuer getunte Konkurrenz ganz, ganz blass aussehen zu lassen. Das Fahrverhalten der neuen CBR 600 RR erinnert mich doch sehr an meinen exklusiven Ritt auf Valentino Rossis RC211V – nur, dass ich als Nicht-Rennprofi mit den knapp 120 PS der CBR 600 RR doch ehrlich gesagt irgendwie viel mehr Spass hatte. Denn die 225 PS der RC211V sind zwar beeindruckend – aber die Leistung der CBR 600 RR ist halt doch spaßiger, weil jederzeit zur Gänze abruf- und beherrschbar. Es macht einfach Spaß, diese kleine Drehorgel auf der Piste wie eine Zitrone bis aufs letzte PS auszuquetschen. Und man kann mit der CBR tun, was mit Rossis RC211V niemals möglich sein wird: Am Abend nach der Rennstrecken-Fahrerei ganz normal über die Landstrasse nach Hause fahren.

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Text: Jörg Wissmann
Fotos: Honda