Klassiker: Rudge

Klassiker: Rudge


Vier Ventile für die schnellen Gentlemen

Unter dem Markenzeichen der Firma Rudge-Whitworth wurden Fahrräder, Naben, Kugellager und Automobilräder produziert. Unsterblich wurde die Marke mit der erhobenen Hand aber durch die Motorräder, die von 1909 bis 1939 gebaut wurden. Krönung und Abschluss der Rudge-Modellreihen waren die 500er der späten 30er Jahre.

Namensgeber und Stammvater der Technikfirma Rudge-Whithworth war zu Beginn der 70er Jahre des 19. Jarhunderts Dan Rudge mit der „D.Rudge and Company and the Coventry Cycle Coventry“.

Mittreten entfällt

Ein genialer Schachzug bei der Entwicklung eines eigenen Motorrades war 1912 die Entwicklung des stufenlos von 1:3 bis 1:6 verstellbare Rudge-„Multi“- Keilriemenantriebs des Hinterrades. Damit entfiel das bei Konkurrenten übliche Mittreten an Steigungen und die Kraft des Motors konnte besser genutzt werden. Neben Lagern und Zweirädern baute man patentierte, rasch abnehmbare Drahtspeichenräder für Automobile. Die Räder mit der per Kupferhammer bedienten „Rudge-Naben“ wurden zur Legende und schmückten hochkarätige Sport- und Rennwagen bis heute.

Halbliter-Rudge

1924 gab es mit neuen Motorrädern weitere Innovationen. Vier Ventile sorgten für gute Füllung des mit 350 oder 500 ccm Hubraum lieferbaren Langhubers und vier Gänge samt Kettenantrieb zum Hinterrad für einen verlustarmen Antrieb.1928 war ein entscheidendes Jahr für die Entwicklung der klassischen Halbliter-Rudge:Die Maschinen erhielten neue Rahmen, Trommelbremsen, Satteltanks, Drahtreifen und viele kleine Detailverbesserungen, auch am Motor, der in der schärfsten, käuflichen Version stolze 25 PS leistete. Zugleich verkaufte man das Halblitertriebwerk unter dem Markennamen „Phyton“ an renommierte Hersteller, die vor der kostspieligen Entwicklung eines derartigen Hochleistungstriebwerkes zurückschreckten. Kein Wunder, dass Rudge auch auf dem Kontinent in aller Munde und der Traum vieler junger Motorradenthusiasten war. In Deutschland gab es Importeure in Hamburg, München, Leipzig, Dresden und den berühmten „Papa“ Brumm in Berlin, der sich den Luxus eines eigenen Rennstalls leistete.

Rudge 05

TT-Siege

1930 sollten sich die Briten mit einem Paukenschlag in Szene setzen, der nicht zu überhören war: Die 350er-Klasse der TT auf der I.O.M. gewannen auf den ersten drei Plätzen die neuen Rudge Vierventiler, die mit einem halbkugeligen Brennraum und – als erste Motorräder überhaupt – mit radialer Ventilordnung aufwarten konnten. Radiale Vierventiltechnik hatte es bereits bei den Jagdflugzeugmotoren, nicht aber bei Landfahrzeugen gegeben.Im folgenden Jahr hatte man die Radialanordnung auch auf die käuflichen Halblitermaschinen übertragen und eine eigene Renn-250er, nach dem Muster der 350er, konstruiert.

Rudge 06

Rudge no more

Doch die Weltwirtschaftskrise setzte Rudge enorm zu. Ein gestrafftes Modellprogramm und technische Detailverbesserungen verhalfen Rudge nicht mehr zu den gewünschten Verkaufszahlen. 1938 beschloss das Rudge-Management die Fabrikation von Coventry nach Hayes in ein neu erbautes Werk zu verlegen. Die Motorradproduktion wurde am 18. Dezember 1939 eingestellt, da der Betrieb für Produktion und Entwicklung kriegswichtiger Radaranlagen gebraucht wurde.

Text: Andy Schwietzer

Fotos: Andreas Wehrmann