Honda CBR 600 RR 2007

Honda CBR 600 RR 2007


Turnschuh für alle!

Eine kleine aber arg geballte Faust – nichts für Zuckerpuppen und Feinrippträger – oder gar Trockenföner!

Cry me a river! Zumindest der Himmel muss uns völlig missverstanden haben. Aber der fühlte sich ja fast den ganzen Sommer 2007 aufgefordert, uns einen vorzuheulen. Aber okay, wie lässt sich ein Motorrad am besten testen? Na klar, unter den widrigsten Bedingungen. Auf der Landstraße kann ja jeder, da fühlen wir uns eh zuhause. Aber so ein neues Modell einer lang ersehnten, nächsten Evolutionsstufe muss uns seine Fähigkeiten auch auf der Rennstrecke beweisen. Performance am Blue Monday genauso genial wie am Mad Sunday. Ran und rauf auf den Hockenheimring. Auf der Autobahn kurz vor dem Erreichen des Ziels noch ein mittelkleiner Tornado. Na, was soll’s! Da bleibt einem eh mehr Zeit zum gelassenen Einrollen auf dem neuen 600er Honda-Projektil. Bridgestone BT 014 montiert, keine Ahnung, wie die sich im Nassen aufführen. Dann Maßnehmen in der Boxengasse, noch unterm Vor-Dach. Wow, schon der Anblick lässt einen ja eine Nanosekunde lang stutzen, fragen, ist das gezz ne 600er oder wollen die mir klammheimlich eine 125er unterjubeln? Genial, so klein, so fein, dann hoffentlich auch - gemein! Wichtig für Kleinmenschen wie unsereiner: Sitzhöhe formidabel mit 82 Zentimetern. Der Helm sitzt, die Hand hängt direkt am Griff, der Fuß erreicht im Stand den Boden. Passt! Gewichts-Feeling checken: das Krad hin- und herwiegen. Fühlt sich weder hier noch beim Rangieren übergewichtig an.

Im Gegenteil. Damit müssten sich Schräglagen geschmeidig ausgehen. Denn eins ist sowieso klar: So ein Bike muss sich absolut und uneingeschränkt willig in die Kurve legen und auch wieder rausführen lassen. Darf keine Kraft kosten, denn das kostet auf längere Distanzen und höhere Geschwindigkeiten mehr Konzentration. Und Kraft – habe ich nicht. Genauso wenig - Kondition. Deshalb, ein Super-Sportler unserer Zeit muss nicht nur so schnell sein wie möglich. Er muss auch so wenig wie möglich wiegen. Und - geschmeidig zu händeln sein.

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PS versus Kg

2007 ist das Jahr der dritten Evolutionsstufe der Honda CBR600 mit Nachnamen RR. Seit 2003 ausreichend beglückt wartete die Fangemeinde zuletzt immer sehnsuchtsvoller auf Erneuerung. Doch gewohnt Honda-typisch greift der Konzern erst ins Geschehen ein, wenn ein Technologischer Fortschritt Sinn macht und garantiert, sich höchst effizient direkt an die hart umkämpfte Spitze des hyper-nervösen 600er Rudels setzen zu können. Mit Superlativen darf also gerechnet werden. Nach unserer Landstraßen-Hatz bereits im Frühsommer, da sogar noch mit hochherrschaftlichen Wetterbedingungen, wurde sehr schnell sonnenscheinklar: Hier bekommen wir einen Supersportler kredenzt, der uns ohne Umwege aufs Feinste durchtrainiert auf das Spielfeld der aktiven, agilen, absolut abgefahrenen Fahrfreude führt. Die nipponesische Muckie-Bude äußerst erfolgreich absolviert, präsentiert uns diese rennlustige Honda quasi die Gardemaße der Neuzeit: Die hohen Werte von 120 PS (88 kW) bei 13.500/min und Verdichtung 12,2 gegenüber einem ausgereizten Diätergebnis als Minimum von sage und schreibe 186 kg Lebendgewicht. Nicht nur schmal gebaut sondern auch straff ausgelegt gewinnt das Fahrwerk nicht nur durch bloßes Zahlenwerk. Allen voran punktet der elektronische Lenkungsdämpfer, gleich gefolgt von agil und hochsensibel ansprechenden Federelementen, im Zusammenspiel mit dem antriebsstarken, enorm kraftvoll ansprechendem Einspritz-Motor, der sich bereits von der Startampel weg keinerlei Blöße gibt im Ansprechverhalten noch in seiner Elastizität. Lastwechsel-Reaktionen null, spontane Gasannahme voll, Gangwechsel schnell, Kraftentfaltung prall.

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Allzeit toll!

Alles Charaktereigenschaften, die uns hier auf dem regengefluteten Hockenheimring bestens zu pass kommen. Sensibles Ansprechverhalten aus jeder Gangstufe heraus lässt uns zartfühlend die ersten Bachläufe passieren, exakt zu dosierende Bremsen immer häufiger zu den Spätbremsern zählen, ein kaum wahrnehmbares Körpergewicht die Schräglagenwechsel in den engen Passagen immer mutiger mit höheren Kurven-Tempi und tieferen Neigungswinkeln absolvieren. Sogar die bislang unbekannten Bridgestones nehmen derweil langsam Persönlichkeit an, nur einmal beginnt die Bodenhaftung in einer Kurven-Pfützen-Kombination seicht zu schwinden. Alles im grünen Bereich, der dritte Turn lässt die Mensch-Maschine-Einheit im abtrocknenden Ideal-Linienbereich locker von einem Einlenkpunkt zum nächsten schwingen und dabei der Graskralle immer ungehemmter freien Willen zu gewähren. Und damit nahezu telepathisch passierende Fahrzustände zu erreichen, die eine von äußeren Widrigkeiten unmöglich zu beeinträchtigende Dynamik mit sich bringt. Keinerlei Irritation durch nicht einschätzbare Charakteristiker dieser 600er Sportmaschine, die im Alltag bereits soviel Vertrauen schenkt, dass einem ungetrübten Rennstrecken-Vergnügen nichts entgegenstehen kann. Irritation einzig bei den Spielgefährten, die von der offensichtlichen Mühelosigkeit und nahezu geschmeidigen Eleganz total überrumpelt auf offener Strecke einfach stehen gelassen werden. Völlig krampffrei, einfach nur super sportlich und selig machend schnell.

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Text: Sabine Welte Fotos: Welte

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