Ecomobil

Ecomobil


Schweizer Präzision

Henrik Lüttgen ist seit seiner Jugend eingefleischter Flugzeugfan. Seit Jahren verbringt er einen Großteil seiner Freizeit auf Flugplätzen, keine Flugschau läßt der ehemalige Busfahrer aus. Gleichzeitig liebt er Autos und Motorräder. Und so konnte die erste Begegnung im Jahre 1994 mit einem zugelassenen „Straßenflugzeug“ nicht ohne Folgen bleiben.

Seit dem ist Henrik infiziert vom Ecomobil-Virus. Nachdem er sich ein paar Mal ein solches Fahrzeug gemietet hatte, war der Wunsch nach einem eigenen Ecomobil nicht mehr zu bremsen. 1997 hatte er endlich die nötigen Mittel beisammen, um in den elitären Kreis der Eco-Eigner aufgenommen zu werden. Und das ist kein Pappenstiel, immerhin schlägt der Kauf dieses von der Schweizer Firma Peraves bisher 86 mal gebauten Vehikels heute mit bis zu stolzen 85.000 Euro zu Buche, besonders wenn´s denn das private Topmodell des Firmengründers selbst sein soll!

Luxusausstattung

Dafür hat das Ecomobil dann aber auch ein paar Ausstattungsmerkmale, die jedem Oberklasse-PKW gut zu Gesicht stehen. Heizung sowieso, Leder, Klima, Scheibenwischer, Audio, ABS, Heckleitwerk und die spezielle Fahrschul-Hilfsachse (Soft-Mode-Fahrwerk), die binnen 0,6 Sekunden die Stützräder gen Fahrbahn katapultiert, gleichzeitig abgesenkt aber Schräglagen bis 20° erlaubt (eingefahren 52 Grad !!!). Henrik ist nämlich auch Ecomobil-Ausbilder, darf also angehende Piloten schulen, wie es der Eintrag im Fahrzeugschein/ -Brief des Eco´s fordert. Mir bleibt allerdings zu wenig Zeit an diesem trüben Nachmittag, mich selbst in das Fahren der Einspur-Zigarre einzuarbeiten. Also nehme ich nach kurzer Einsteige-Einweisung hinten Platz, um mir die Tiefflugeigenschaften des von einem BMW-K100 RS-Antriebsstrang befeuerten Boliden vom Meister selbst vorführen zu lassen.

Ecomobil 08

Keine Helmpflicht

Nachdem sich das Kabinendach geschlossen hat, heißt es anschnallen. Dafür entfällt die Helmpflicht. Die Aussicht ist der eines Segelflugzeugs nicht unähnlich, als wir mittels Rückwärtsgang des modifizierten Getriebes gemächlich auf die Straße rangieren. Ein kurzes Rumpeln beim Anfahren, und schon zieht mein Pilot per Knopfdruck das „Landefahrwerk“ mit dem Geräusch einer zentralverriegelnden Autotür binnen Sekundenbruchteilen ein. Der fliegende Ziegelstein im Heck schiebt die Zigarre mächtig an, während ich versuche, einen Blick auf die aus einem Gemisch von BMW und Flugzeugteilen bestehende Armaturentafel zu erhaschen. Wie, erst 70 drauf? Ich habe das Gefühl, die Abhebegeschwindigkeit bereits erreicht zu haben, als Henrik gelassen per Seitenruder – sorry - Lenker die erste Rechtskurve einleitet. Verteufelt ähnliches Gefühl wie beim Segelfliegen, denke ich noch, als er auch schon die zornige Hummel elegant auf links umwuchtet. Nach ein paar weiteren Richtungswechseln verliert sich das flaue Gefühl im Magen, immerhin bleibt mir der Verlust des Bodenkontakts erspart.....

Ecomobil 10

Ungläubige Blicke

Und so bolzen wir eine ganze Weile über die Straßen des Bergischen Landes, immer von den ungläubig staunenden Blicken anderer Verkehrsteilnehmer begleitet, die sich dem Gesichtsausdruck nach vermutlich auf Flugebene 17 glauben! Die Tachonadel pendelt zwischen 50 und 120, der Straßenflieger meistert jede Situation perfekt und sicher. Irgendwie sind die Schräglagen schräger, als es die Fotos rüberbringen können. Alles scheint schneller, intensiver als auf einem offenen Bike.

Nervennahrung

Kurzer Zwischenstopp am Straßenrand, ich pfeife mir als Nervennahrung erstmal  ´ne Fluppe rein. Während mein Chefpilot über Geschwindigkeiten jenseits von 250 km/h philosophiert, zähle ich allein drei Mal Bremsenquietschen, weil sich irgendwelche Zeitgenossen im Vorbeifahren die Hälse verdrehen. Langsam bildet sich eine Traube von Passanten um unser Eco. Allerhöchste Zeit, wieder aufzubrechen, bevor noch was passiert! Die Schräglagen-Fotos machen wir dann doch lieber auf den einsamen Sträßchen rund um Henriks Wohnort.

Wieder bei ihm daheim angekommen, erzählt er davon, was er mit dem Ecomobil so alles erlebt hat. Von seinem Engagement bei der Krebshilfeaktion zugunsten der Mildred-Scheel-Stiftung, von den Dreharbeiten zu dem Kinder-Kinofilm „Mein Bruder ist ein Hund“, den Messen, Ausstellungen und Promo-Terminen. Und den gemeinsamen Ausfahrten mit anderen Fahr-Zigarren aus ganz Europa. Und daß man ihn samt Eco auch mieten kann für Rundfahrten, Werbe- und Filmaufnahmen. Während seine Frau Irmgard leise seufzend Kaffee aufträgt, spricht er von seiner Vision: Ein in Serie gebautes, bezahlbares Volks-Ecomobil für alle, lieferbar in den Varianten 125 ccm für die Kids, 500 ccm für den Durchschnittsfahrer und 1200 ccm für die Königsklasse.

Ecomobil 07

Kein Peraves, sondern eben ein echter Lüttgen, in dem die Erfahrungen und Verbesserungen von tausenden Kilometern stecken werden. Vielleicht die Lösung für unsere Energie- und Platzprobleme. Das Konzept steht, allein es fehlt an Geldgebern. Deshalb will er auch seine beiden anderen Schätzchen verkaufen, um Platz und Kapital für sein Vorhaben zu schaffen: Zwei wunderschöne Käfer-Umbauten als Show-Fahrzeuge, einer davon mit V6-Cosworth-Motor, sollen demnächst zu je 25.000 Eu den Besitzer wechseln. Näheres dazu findet sich auf Henriks Homepage unter www.das-ecomobil.de. Dort gibt es auch Kontakt, falls jemand das Ecomobil mieten möchte. Ab einem Stundensatz von 60 Euro gehts los. Mir jedenfalls hat die Tour einen Riesenspaß gemacht!

-wingleader-