Vergleichstest BMW K 1200 GT gegen Yamaha FJR 1300 A

Vergleichstest BMW K 1200 GT gegen Yamaha FJR 1300 A


Bayer trifft Geisha

BMW ist für viele Motorradfahrer der Inbegriff für Sicherheit und Komfort. Doch die Konkurrenz schläft nicht. Das zeigt die neue Yamaha FJR 1300 A. Wir wollten wissen, ob die neue Japanerin der ebenfalls neuen BMW K 1200 GT die Stirn bieten kann.

Kaum ein anderer Motorradhersteller widmet sich seit Jahrzehnten so umfassend und Ziel gerichtet der Tourentauglichkeit und der passiven Sicherheit wie BMW. ABS, verstellbare Sitzbänke, Fußrastenanlagen oder Verkleidungsscheiben, Telelever-Vorderradführung, Paralever-Hinterradaufhängung, Bordsteckdosen, Heizgriffe, beheizte Sitzbänke, Gegensprechanlagen für Fahrer und Sozia, integrierte Koffersysteme, Katalysator und Benzineinspritzung – BMW kämpft immer an vorderster Front der technologischen Weiterentwicklung mit. Und der anhaltende Erfolg gibt den Bayern Recht, bei BMW sind Rekordverkaufszahlen fast schon eine angenehme Tradition geworden. Vor allem Sicherheits-Features wie ABS sind bei BMW-Kunden äußerst beliebt. In der Schweiz beispielsweise verzichteten 2002 nur gerade mal zehn von 1950 BMW-Kunden auf ABS, die großen Tourenmaschinen à la R 1150 RT oder K 1200 LT werden gar ausschließlich nur noch mit Antiblockier-System angeboten.

FJR 1300 ABS Cockpit

Zu den Bestsellern im BMW-Programm gehören neben der in Vergleichstests seit Jahren siegverwöhnten Reise-Enduro R 1150 GS auch die R 1150 RT und die R 1150 R. Doch nicht alle Tourenfahrer lieben den urigen BMW-Boxermotor, verlangen nach laufruhigeren und leistungsstärkeren Vierzylinder-Reihenmotoren. Zwar hat auch BMW mit der K 1200 RS und der K 1200 GT zwei Vierzylinder-Modelle im Programm. Doch ist manchem die RS zu sportlich, anderen wiederum die LT zu teuer und zu schwerfällig.Das weiß auch die Marketingabteilung von BMW, weshalb sich bereits ein neuer Vierzylinder-Tourer in der Entwicklung befindet, wie gut informierte Quellen versichern. Doch bis dieses neue BMW-Modell bei den Händlern stehen wird, dürfte der vor der Türe stehende Sommer längst schon wieder Vergangenheit sein. Und damit nicht noch mehr potentielle BMW-Kunden ins Lager der japanischen Hersteller, die sich in jüngster Vergangenheit immer mehr auch dem Tourensegment zuwenden, abwandern, griff man bei BMW nun tief in die Trickkiste und zauberte flugs einen neuen Vierzylinder-Tourer herbei.

FJR 1300 ABS linke Seite_2

Das Rezept ist so einfach wie genial: Man nehme die seit 1997 unverändert angebotene K 1200 RS, sorge mit einem höheren Lenker, einer elektrisch verstellbaren Frontscheibe, Hand- und Beinschützern sowie Griff- und Sitzheizung für deutlich mehr Reisekomfort, behalte aber alle bewährten Zutaten wie den drehmomentstarken Motor, das Fahrwerk und das Teilintegral-Bremssystem bei – fertig ist der Tourer K 1200 GT. Im Preis von 15.800 Euro sind zwei in Motorradfarbe lackierte Koffer samt Trägersystem sowie die höhenverstellbaren Fußrasten inbegriffen, der Kunde kann aus zwei unterschiedlichen Sitzhöhen wählen. Als Option werden Griff- und Sitzheizung, Tempomat, Tankrucksack, Topcase und alle anderen BMW-typischen Features angeboten.

FJR 1300 ABS Schaltgestänge

Mit 130 PS zählt die neue BMW K 1200 GT zu den stärksten Tourenmaschinen, womit sie auch in direkte Konkurrenz zur 143 PS starken Yamaha FJR 1300 rückt. Diese kam vor zwei Jahren auf den Markt, avancierte rasch zu einer der beliebtesten Tourenmaschinen im gehobenen Segment. Ihre Argumente: bärenstarker, laufruhiger Motor, handliches Fahrwerk, ein cleveres, da unsichtbares Kofferträgersystem und eine gut schützende Vollverschalung. Nur eines fehlte zum Glück vieler Tourenfahrer: ABS. Nun haben die Japaner reagiert, ab sofort gibt es die neue FJR 1300 A mit Antiblockiersystem. Ein straffer abgestimmtes Fahrwerk, eine Wegfahrsperre, in die Verschalung integrierte Blinker und ein verriegelbares Staufach in der Verkleidung runden die Neuerungen des ersten Facelifts der FJR ab. 14 495 Euro verlangt Yamaha für die neue FJR 1300 A. Allerdings kostet das Paar lackierter Koffer mit rund 810 Euro inklusive Halterungen und Gleichschließung so viel, dass die FJR 1300 A im Endeffekt nur 500 Euro weniger kostet als die BMW K 1200 GT.

Im direkten Vergleich der beiden Kontrahentinnen zeigt sich sehr rasch, dass die beiden Tourenmaschinen trotz vieler Ähnlichkeiten zwei grundverschiedene Charaktere sind.

K 1200 GT Dreiviertel vorn

Die BMW ist dank Drehzahl senkendem Sechsganggetriebe, relativ hohem Gewicht (300 kg voll getankt) und eher zögerlicher Drehfreude des langhubig ausgelegten Motors eher der ruhige Genussgleiter. Nicht gerade überaus handlich aber auch nicht unbedingt stur fordert sie eine kräftige Hand wenn es flott durchs eng gewundene Hausrevier gehen soll. Das leichte Kippmoment nach rechts bei Lastwechseln, verursacht vom längs eingebauten Vierzylinder, stört nur ganz am Anfang – man gewöhnt sich rasch daran. Überhaupt, dieser Motor. Als echter Langhuber wuchtet er schon bei wenig Drehzahl massig Drehmoment auf die Kurbelwelle, macht auch bei ruhigem Umgang mit dem Gasgriff richtig flott. Dabei reagiert er ganz sanft auf alle Gasbefehle, Lastwechselreaktionen werden vom bewährten BMW-Kardanantrieb und er Paralever-Schwinge in minimalen Grenzen gehalten. In der Praxis dreht man selten über 5000/min, was zum Einen am tollen Midrange-Drehmoment, zum Zweiten aber auch am von spürbaren Vibrationen untermalten, nicht so ganz flockig-freien Hochdrehen des Motors liegt.

Das bewährte Fahrwerk der K 1200 GT kann, mit kleinen Abstrichen bei der Schräglagenfreiheit, voll überzeugen. Der Telelever unterdrückt Bremsnicken ebenso zuverlässig wie er Schlaglöcher und derbe Wellen wegbügelt, als gäbe es sie gar nicht. Dabei ist das Gefühl fürs Vorderrad sehr klar während der Grip an der Hinterhand, die zudem unsensibler gefedert agiert, nicht unbedingt immer zweifelsfrei erspürt werden kann. Die Schräglagenfreiheit geht bei touristischem Tempo in Ordnung, sobald man aber das Tempo etwas schärfer wählt setzen zuerst der Hauptständer und kurz danach die Rasten auf. Das ist aber nur unangenehm und nie gefährlich, weil erstens die Pneus noch viel mehr Haftungsreserven haben, zweitens das Fahrwerk absolute Stabilität auch in ultra-schnellen Bögen bietet und drittens der Ständer, weil in Gummi gelagert, immer noch etwas nachgeben kann.

Eher ungewöhnlich für ein BMW Motorrad war die bei unserer Testmaschine zu spürende Pendelneigung bei höherem Tempo. Ab 140 km/h begann die K 1200 GT leicht zu schwanken, bei harten Bremsungen aus schnellem Autobahntempo schlingerte sie fast schon spektakulär, aber wenigstens nie gefährlich. Mit einer analog mit Metzeler ME Z4 bereiften K 1200 RS passierte uns das noch nie. Möglicherweise sorgen die zusätzlichen Windabweiser an der GT-Verschalung für zu viel Auftrieb an der Vorderachse, auf jeden Fall verschlechtern sie spürbar den Geradeauslauf hinter LKW und erhöhen auch die Seitenwind-Empfindlichkeit. Dafür verbessern die leider etwas billig angepappt wirkenden Plastikteile der GT den Fahrkomfort, bei Regen bleibt der Pilot annähernd trocken, der Windschutz hinter der verstellbaren Scheibe ist gut wenngleich keinesfalls frei von störenden Turbulenzen. Gegenüber der Scheibe der RS ist jene der GT dennoch ein klarer Fortschritt.

Sehr gelungen ist die Abstimmung des Teilintegral-ABS-Bremssystems, das stets zuverlässige Verzögerung am Rande der Blockiergrenze erlaubt.

Die 16 Kilogramm leichtere Yamaha FJR 1300 A verleitet, im Gegensatz zur BMW, zu höheren Drehzahlen, gibt sich spritziger und agiler, mutiert in kundiger Hand zum Express-Tourer für Sportmotorradfans.

Der Yamaha-Motor ist dem langhubigen, auf die selige K-100-Baureihe von 1983 zurückreichenden, BMW-Triebwerk punkto Sportlichkeit klar überlegen. Schonungslos nutzt die Yamaha ihren Power-Vorteil (143 zu 130 PS) und auch ihren Drehmoment-Bonus (134 zu 117 Nm) aus, zieht der BMW aus jeder Kurve heraus und auch beim Überholen langsamer LKW im fünften Gang gnadenlos davon. Zudem läuft der Yamaha-Motor vibrationsärmer, kultivierter und verfügt über das weicher schaltbare, exakter rastende Getriebe. Allerdings fehlt diesem der Drehzahl senkende sechste Gang der BMW-Schaltbox – ein echtes Manko für einen Tourer. Dennoch verbraucht die Yamaha mit 6,3 l/100 km nur minimal mehr Benzin als die BMW (6,1 l/100 km). Ein Ärgernis bei der Yamaha ist der Kaltstart, denn die Kaltstartautomatik der Einspritzung lässt den Motor unangenehm hoch drehen, was zu kniffligen Situationen auf den ersten Metern Fahrt führen kann, wenn der Motor so derb anschiebt, dass der Pilot nur mit rutschender Kupplung oder Bremseinsatz allzu forsches Lospreschen verhindern kann.

Ist die Fuhre aber erst mal warm, kann es dem Yamaha-Piloten meist nicht schnell genug voran gehen. Weil er näher am Lenker und zentraler über dem Massenschwerpunkt sitzt, fühlt er klarer, kann er direkter auf das Motorrad einwirken. Die Yamaha wirkt also nicht nur agiler – sie kann auch aktiver gefahren werden. Der somit zentraler ins Fahrerlebnis einbezogene Pilot erfreut sich dennoch bestem Windschutz, die ebenfalls einstellbare Frontscheibe der Yamaha leitet den Fahrtwind leiser am Helm vorbei als das BMW-Windschild. Dafür entsteht bei ganz ausgefahrener Scheibe der stärkere Windsog.

Das Alu-Fahrwerk der Yamaha, konventionell aus Brückenrahmen, Telegabel und einseitig zum Kardantunnel ausgebauter Zweiarmschwinge zusammengestellt, funktioniert prächtig. Die Federungselemente sprechen sensibel an, bieten glasklare Rückmeldung und dank der strafferen Grundabstimmung stößt die neue FJR selbst voll beladen erst sehr spät an ihre Grenzen. Allerdings ist auch bei der Yamaha die Schräglagenfreiheit nicht allzu großzügig bemessen.

Die ABS-Bremsen der Yamaha brauchen etwas mehr Handkraft als bisher, Wirkung, Biss und Standfestigkeit sind aber bestens. Allerdings regelt das Yamaha-ABS wesentlich gröber als das BMW-System (siehe Kasten) und die stark abtauchende Telegabel fängt im Regelbereich an spürbar zu pumpen.

Punkto Zuladung (ca. 200 kg), Ausstattung, Cockpit, Tankinhalt und Reichweite sowie Verarbeitung herrscht zwischen der BMW K 1200 GT und der Yamaha FJR 1300 A ein Patt auf sehr hohem Niveau.

Fazit: Die Yamaha FJR 1300 A hat, als das insgesamt modernere, leichtere und agilere Tourenkonzept die Nase knapp vor der BMW K 1200 GT. Der Yamaha-Motor hat mehr Drehmoment als der BMW-Langhuber, dreht freier, ist agiler. Das Yamaha-Fahrwerk funktioniert hervorragend, bietet eben so viel Komfort wie die wuchtige BMW. Dass diese allerdings, basierend auf einem 1997 vorgestellten Sporttourer, so gut mit der Yamaha mithalten kann beweist, wie gut eine BMW den Anspruch höchsten Tourenkomforts erfüllt. Man darf also gespannt auf das Erscheinen des derzeit in der Entwicklung befindlichen neuen BMW-Tourers warten – hoffentlich nicht mehr all zu lange.

Text: Jörg Wissmann

Fotos: Waldemar Da Rin

 

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