Buell X1 Lightning

Buell X1 Lightning


Schöner Schüttelbecher

Die Buell X1 Lightning ist ein scharfes Showbike. Man fällt auf, wenn man mit diesem Gerät durch die Lande zieht. Keine Frage! Sound, Optik und Performance passen noch nicht so recht ins Beuteschema der Schaulustigen. Umso gieriger fallen daher deren Blicke aus und so manch erklärendes Gespräch muss geführt werden.

X1's praktischen Nutzen in der Welt der Motorräder zu entdecken, bedarf es großer Euphorie für V2 getriebenes schweres Eisen, nahezu grenzenloser Schmerzfreiheit, oder einfach einer etwas anderen Einstellung zur zweirädrigen Fortbewegung. Besorgte Fußgänger fragen, während man mehr oder weniger geduldig an der Ampelanlage wartet, was wiederum davon abhängt wie lange man schon mit der X1 unterwegs ist, ob mit diesem Motorrad denn auch alles in Ordnung sei, wenn es sich gar so arg schüttelt. Das erste Dilemma ereilte unser Testteam bereits nach gut 30 km auf der A5 von Moerfelden, Harley Davidson's und Buell's Stammsitz, zurück Richtung Bochum, dem Biker Szene Domizil. Bereits sehr kurz, höchstens 20 km nach dem ersten zaghaften Aufleuchten der gelben Tankwarnlampe im aufgeräumt übersichtlichen Analog-Cockpit der Buell X1 saßen Lightning und Fahrer auf dem Trockenen. Etwas ungewöhnlich, aber wenn man's weiß, ist's ja eigentlich kein Problem. Fluchtartiges Verlassen der Autostrada bei der leisesten Andeutung von gelbem Leuchten und sofortiges Aufsuchen der ersten Dorftankstelle können Komplettstops auf der Bahn problemlos verhindern - echt tourenfreundlich, oder? Bei besagtem ersten Auftreten der Spritlosigkeit half der nette ADAC in Windeseile und brachte 5 Liter SuperPlus - genau danach und nur danach verlangt es der X1 Lightning nämlich - für nur 5 Euro, was einen fast dazu verleiten könnte, nur noch per ADAC Spritkourier auffüllen zu lassen.

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Spätestens nach weiteren 200, dann aber Zwischenfall freien, Autobahnkilometern gelangt man zu der Erkenntnis, dass genau dieses nicht die Buell'sche Paradedisziplin darstellen kann. Die optisch sehr feine, weil schmal und flach gepolsterte, Sitzbank lässt die Innenseite der Schenkel schnell, auf Dauer schmerzhaften, Druckkontakt zum prächtig ausschauenden und schlauerdings angeschraubten Aluminium Rahmenheck aufnehmen. Die "Good Vibrations" sind es schließlich, die mit zunehmender Streckenlänge Zahn- und Kopfschmerzen mit einhergehender Übellaunigkeit verursachen. Steht man nach einer solchen Autobahnetappe - bei der übrigens auch der Schluss gezogen werden darf, dass die X1 ein wenig zu lang. Übersetzt wurde, denn im vierten und fünften Gang bedarf es schon eines eindeutigen Gefälles, um die angegebene Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h auch wirklich zu erreichen - an eingangs erwähnter Ampel, möchte man dieses Krad am liebsten ausschalten, sich den Helm vom Kopf reißen und weinerlich in eine Ecke verkriechen, um das Geschüttel irgendwie wieder aus dem Körper zu bekommen.

Spaßfaktor

Was den gebeutelten Fahrer zu diesem Zeitpunkt allerdings an einer solch drastischen Maßnahme hindert, ist, außer den ständig zugeworfenen bewundernden Blicken der Passanten und den positiven Gedanken an den hervorragenden Windschutz, den die nun in Standgasdrehzahl von 950 U/min schrecklich vor sich hin wackelnde Minicockpitverkleidung gerade zuvor noch bot, die Vorfreude auf die absoluten Funbike-Qualitäten, welche den Piloten ab dem Verlassen der schnöden Autobahn dazu verführen, nochmals aufzutanken und sich erneut in Schwingung versetzen zu lassen. Vom wirklich markerschütternden Sound, der aus dem leider immer noch verbauten Ofenrohr - dieses Ding sieht werksneu aus, als wäre es schon seit 30 Jahren in Betrieb - entweicht, über das brachiale Drehmoment, welches das Schalten im innerstädtischen Betrieb nicht völlig unnötig, aber doch selten notwendig macht, bis zum Kurvenwerfen in Supermoto-Manier, was unbedarfte Wetzhobelfahrer auf engen Stadtkursen und verschnörkelten Landstraßen schon mal in die schiere Verzweiflung treiben kann, macht die X1 einfach riesigen Spaß und man findet, besonders im zarten Anbremsmodus schnell einen Schüttel-Leidensgenossen. Die vordere, üppig dimensionierte 340er Bremsscheibe mit mächtiger Sechskolbenzange ist es, die zwar bei beherztem Zupacken die 217 Kilo Lebendgewicht der eisernen Lady sehr nachdrücklich zu verzögern weiß, aber mit den, auf sie einwirkenden Motorvirationsübertragungen schwer zu kämpfen hat. Punktuelles Ansteigen und Abfallen der Bremswirkung, was sich auch optisch auf der Bremsscheibe niederschlägt, ist bei zarteren Bremsmanövern deutlich zu spüren. Vorn bremst es quasi im Takt des 45° V-Zweizylinders. Ein fast einzigartiges Erlebnis. Für "Nichtharleyaner" auf jeden Fall sehr gewöhnungsbedürftig!

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