Cagiva Navigator

Cagiva Navigator


Die Richtung stimmt

Mehr Fun- und Sportbike denn Enduro: Die neue Cagiva Navigator zieht Asphaltattacken Geländespielen vor - und das absolut überzeugend. Im formidablen Fahrwerk steckt ein echter Pfundskerl von Motor...

Italo-Fundamentalisten und Hardcore-Enduristen werden angesichts der neuen Cagiva aufschreien: Die einen stoßen sich am japanischen Herz der Navigator, die anderen monieren Plastikmotorschutz, vergleichsweise bescheidene Federwege, 18-Zoll-Vorderrad und Straßengummis.Beiden Fraktionen entgeht jede Menge Fahrspaß, dies vorab. Denn die Transplantation des Suzuki TL-1000-Triebwerks erweist sich als echter Glücksgriff. Ihre nicht unbedingt schwächliche Vorgängerin Gran Canyon samt Ducati-Vauzwei stempelt die interkontinentale Navigator-Interessengemeinschaft fast schon zu einem lauen Lüftchen. Vehement legt der von Cagiva perfekt präparierte Twin schon ab Leerlaufdrehzahl los und zaubert ein breites Grinsen auf das zur Gashand gehörige Gesicht. Zumal der Dampf auch jenseits des Drehzahluntergeschosses nicht nachlässt.

Das Navigator-Kraftpaket beherrscht das komplette Spektrum von adagio über andante und allegro bis hin zu prestissimo. Es hängt nur davon ab, wie der Dirigent den Taktstock führt, ob die Cagiva gemächlich über einen breiten Boulevard flaniert, druckvoll aus engen Kurven beschleunigt oder mit Tempo 200 über die Autobahn Kilometer frisst. Und das begleitet von sonoren Lebensäußerungen, die dem Temperament der begeisternden Kraftquelle entsprechen. Die angegebenen 97 PS dürften eher etwas untertrieben sein. Selbst gelegentliche Fehlzündungen können nicht verhehlen, dass die durchzugstarke Domina zivilisierte Manieren an den Tag legt. Auf Wunsch fährt die Cagiva die Krallen ein und säuselt bei 2000 Touren im sechsten Gang vor sich hin.Genussreiches, relaxtes Kurvenschwingen ist schon deshalb kein Problem, weil die Sitzposition passt. Die bequeme Bank stellt auch Zweierbeziehungen nicht auf die Probe, in den Kniekehlen zwickt nichts, und der gekröpfte Lenker malträtiert weder Nacken noch Rücken. Einstellbare Hebel für Kupplung und Bremse gibt's obendrein. Einschränkungen in Sachen Komfort sind allein eine Frage der Geschwindigkeit: Hinter der Verkleidung lebt's sich bis zur Autobahn-Richtgeschwindigkeit gemütlich, jenseits des 20-km/h-Toleranzaufschlags allerdings wird es zunehmend anstrengender. Vor allem großgewachsenen Navigatoren dröhnt es in den Ohren, und längere Top-Speed-Einlagen verlangen eine gesunde Portion Masochismus.

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Auch wenn der Vareser Newcomer bis zur Höchstgeschwindigkeit von 212 km/h souverän seine Bahn zieht, ist sein Revier weniger die Schnell- als vielmehr die kurvige Landstraße. Die darf ruhig wellig und renovierungsbedürftig sein, denn das Fahrwerk lässt sich von Asphaltflickwerk nicht im Geringsten beeindrucken. Die Marzocchi-Forke mit 150 Millimeter Federweg wie auch das Zentralfederbein, das noch einen Zentimeter drauflegt, leisten astreine Arbeit. Einerseits sprechen die Federelemente feinfühlig an, so dass selbst Schlaglochpisten ihren Schrecken verlieren. Andererseits ist das Fahrwerk straff genug ausgelegt, um die Besatzung nicht zu verschaukeln. Nicht einmal bei harten Bremseinlagen geht die Gabel auf Block. Die fehlenden Einstellmöglichkeiten des Marzocchi-Modells werden in keinem Moment vermisst. Da auch die Rückmeldung der Radaufhängung stimmt, kann den Cagiva-Ingenieuren für den geglückten Spagat zwischen Sport und Komfort beim Fahrwerks-Setup nur Lob gezollt werden. Die Cagiva macht es den Navigator-Treibern leicht, das überzeugende Fahrverhalten, gepaart mit niedrigem Schwerpunkt, agilem Handling und perfekter Integration des Menschen in die Maschine, versprüht die richtige Mischung aus Entspannung und Spaß.

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Langeweile kommt auf der Cagiva-Sitzbank nie auf, behände wieselt die mit reichlich Schräglagenfreiheit gesegnete Navigator durch Kurven unterschiedlichster Radien - immer nach dem Motto: Je mehr, desto lieber. Nur auf exzessive Geländeeinlagen muss verzichtet werden. Die geringe Bodenfreiheit, der weit heruntergezogene Kühler, der kaum geschützte Motorblock und der tiefliegende Ölfilter verhindern ebenso wie die Metzlerer-Z4-Bereifung ausgeprägte Aktivitäten abseits von Asphalt. Leichte Schottereinlagen sind dank des einfachen Handlings allerdings kein Hindernis, zumal sich die zupackenden Bremsen auch auf rutschigem Terrain sehr gut dosieren lassen. Da auch die Ausstattung wenig Wünsche offen lässt - die Spiegel offerieren ein vibrationsfreies Bild, Koffer, Träger und Topcase gibt's auf Wunsch, nur Hauptständer und Uhr fehlen - bedarf es keiner hellseherischen Fähigkeiten, um der Navigator eine positive Zukunft zu bescheinigen. Die Richtung stimmt.

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Text & Fotos:

Leo Schlüter

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