Ducati 1098

Ducati 1098


Ducati-Sudoku

Als einziger Motorrad-Hersteller der Welt leistet sich Ducati eine Extravaganz bei den Modell-Namen - die schreiben einfach den genauen Hubraum drauf. Das ist auch bei der flammroten, flammneuen 1098 gute Tradition

Kurz vor der unangenehmen, nicht einsehbaren Links bergab huscht ein weißer Streifen an mir vorüber, mit quer gestelltem Hinterrad und gewaltige schwarze Striche auf den Asphalt radierend. Okay, da flog gerade der amtierende Superbike-Weltmeister und Sensationssieger des letzten MotoGP-Laufs in Valencia, Troy Bayliss, vorbei. Mein von vornherein zum Scheitern verurteilter Versuch, mich an ihn zu hängen ist natürlich vergeblich - nach nicht einmal einer halben Runde ist von der weißen Xerox-Kombi nichts mehr zu sehen. Zu meiner zusätzlichen Ehrenrettung sei erwähnt, dass mir die Rennstrecke von Kyalami bei Johannesburg nicht nur unbekannt ist, sondern mit einer ausgeprägten Topographie und mehreren hängenden, nicht einsehbaren Kurven unglaublich anspruchsvoll ausfällt - ein bisschen wie Nordschleife im JPEG-Format.

Pawlowsche Reflexe

So fallen die ersten Turns unter die Rubrik Kennenlernen, aber wie macht DER das? Schließlich sitzt der auf fast dem gleichen Gerät wie ich, einer feuerroten Ducati, die der Einfachheit halber nur 1098 getauft wurde. Doch genau das ist der Clou: Bestimmte Zahlenkombinationen lösen bei Motorradfahrern quasi Pawlowsche Reflexe aus. 9-16 war die erste Ziffernfolge, die auch heute noch eine wohlige Gänsehaut über den Motorradfahrer-Rücken zieht. Bei der viel eingängigeren Zahlenreihe 9-9-9 wiegen dagegen die gleichen Menschen das erfahrene Haupt und rümpfen die Nase. Jetzt ist mit 10-98 eine neue Nummer aufgetaucht, die auf dem besten Wege ist, die gleichen Emotionen wie die 9-16 hervor zu rufen.

Geniestreich 9-16

Alle drei Ziffernkombinationen markieren eine jeweilige Generation supersportlicher Flaggschiffe der italienischen Edelmarke Ducati der letzten zwölf Jahre, das hat wohl jeder gemerkt. Schließlich traut sich kein Hersteller der Welt, seine Modelle ohne den Buchstabenzusatz von CBR, GSX oder YZF zu definieren - außer eben Ducati: 1993 gelang dem legendären Massimo Tamburini der Geniestreich namens 916, ein Motorrad, das italienische Eleganz mit purer Sportlichkeit verknüpfte wie kein Zweites vor ihm. Unzählige Design-Preise und zahlreiche Siege auf den Rennstrecken der Welt waren der Lohn. Und zugleich ein übermächtiges Erbe, das jedes Nachfolgemodell überstrahlen musste. Nach zweimaliger Hubraumaufstockung auf 996 und 998 Kubik ohne Design-Änderung musste 2002 endlich ein Modell her, das vollkommen anders aussah: Die 999, gezeichnet von Pierre Terblanche. Doch im Willen, unbedingt mit der Vergangenheit zu brechen, schoss Ducati weit übers Ziel hinaus. Technische Schwierigkeiten mit der neuen Can-Bus-Technologie und die fehlende Akzeptanz der eingefleischten Ducatisti machten die 999 fast zum Flop - trotz zweier Superbike-WM-Titel in Folge für Fahrer und Werk. Sportliche Meriten hin, exklusiver Anspruch her - beim Kauf entscheidet das Auge eben mit, und da fand die 999 keine Gnade. Die unter Produktdirektor Claudio Domenicali, dem früheren Chef der Rennabteilung Ducati Corse, entwickelte 1098 korrigiert die individuelle Ausrichtung der 999 und stellt im Prinzip eine logische Weiterentwicklung der 916 dar. Die Rückkehr zur mächtigen Einarmschwinge, den typischen Doppelschalldämpfern unterm Heck und einer aggressiven Front mit zwei Augenschlitzen statt eines Zyklopenauges ließ nicht nur die italienische Presse kollektiv Aufatmen. Die Enthüllung der 1098 auf der Mailänder Messe geriet zu einem Festtag in Rot, die Zuschauermassen pilgerten wie ausgehungert zum Ducati-Stand, labten sich an der 1098 und kürten sie prompt zum schönsten Bike der Messe. Übertriebener Nationalstolz? Von wegen, die englischen Kollegen erhoben sie sogar in den Adelsstand des "sexiest bike alive". Tatsächlich kann man sich nur schwer der sinnlichen Formgebung und dem ausgeklügelten Farbenspiel in Rosso und Nero entziehen; die fließenden sportlichen Linien, die knackige Wespentaille und das kecke Heck wecken fast schon wollüstige Emotionen.

Vor den überzeugenden ästhetischen Vorzügen verblasst die technische Evolution ein wenig, obwohl hier die Erfahrungen aus der Superbike-WM und vom GP-Einsatz eingeflossen sind. So wuchs der traditionelle 90-Grad-"L"-Motor durch mehr Hub auf 1098 cm3, elliptische Drosselklappen optimieren die Gasströme ebenso wie der komplett überarbeitete Desmodromik-Vierventilkopf. Das bedeutet 20 PS mehr als bei der 999 und ein Drehmoment von 122 Newtonmetern - verdammt ordentliche Werte. Von den prospektierten 160 Pferdchen bleiben beim ersten Fahrtest in Kyalami/Südafrika durch die extreme Höhe von 1800 m laut Ducati 20 PS auf der Strecke. Dumm gelaufen, so kann das Edelstück nicht zeigen, was in ihm steckt. Glücklicherweise haben die Ducati-Verantwortlichen ein paar der exklusiven 1098 S-Modelle mitgebracht, die mit offenen Schalldämpfern und modifizierter Einspritzung fast an die versprochene Leistung der normalen 1098 heran reichen. Dabei kann man sich gut vorstellen, was mit dieser Leistung auf normalem Niveau so geht: Ohne zu strunzen, jede Menge. Aber auch bei geminderter Leistung begeistert das sanfte Ansprechen der 1098 auf jeden Zucker am Gasgriff, und die spürbar stärkere Drehzahlmitte gegenüber der Vorgängerin erübrigt hektische Gangwechsel, was die Gewöhnung an die kniffelige Strecke erleichtert. Gleiches gilt für die gelungene Diät aller Bauteile, mit der sich immense 15 Kilo einsparen ließen. Die 1098 setzt dies gekonnt in Fahrdynamik um, erstaunlich flink huscht sie durch die Wechselkurven ohne die sprichwörtliche Ducati-Stabilität vermissen zu lassen. Einmal in Schräglage, braucht es einen Bulldozer, um die Duc aus der Linie zu schieben. Genial: Der Bremsvorgang. Neu entwickelte, einteilig gegossene Bremsen (Monobloc-Zangen) und leichtere Räder vom Zulieferer Brembo bescheren der 1098 ein unglaubliches Stopp-Potenzial, das ohne hinterlistige Bissigkeit aber mit glasklarer Dosierung selbst weniger versierten Fahrern zu kürzesten Bremswegen verhilft.

Der Habenwollen-Reflex

Keine Frage, dieses Motorrad verströmt aus allen Poren Rennstreckenduft, Alltagsqualitäten sind ihm schnuppe. Gerade da überrascht die kommode Sitzposition - sie fällt geradezu bequem aus, wo auf der 999 noch Marterpfahl-Ambiente herrschte. Andere Motorräder mögen beeindruckendere technische Daten liefern, doch die 1098 besitzt ein gewaltiges Potenzial - nicht nur auf der Rennstrecke, wie hier bewiesen, sondern auch abseits: Schon das Betrachten dieses aufregenden Supersportlers löst jenen unwillkürlichen Habenwollen-Reflex aus, der rationale Überlegungen wie beispielsweise die Preisfrage einfach in den Hintergrund drängt. Dabei hat die neue Ducati eine weitere erfreuliche Zahlenkombination parat: 17-000 bedeutet einen trotz aller technischen und optischen Zugewinne nahezu unveränderten Preis zur Vorgängerin.


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Text: Thilo Kozik