Ducati Multistrada 1000 DS

Ducati Multistrada 1000 DS


All-Road-Motorrad

Ducati behauptet, mit der neuen Multistrada 1000 DS eine ganz neue Kategorie von Motorrad geschaffen zu haben: Das „All-Road-Motorrad“. Stimmt das? Wir haben die Mischung aus Enduro, Funbike und Straßensportler in Sardinien ausgiebig getestet.

Der Himmel ist Wolkenverhangen, nur zaghaft traut sich die Sonne hinter den bauschigen Wasserdampf-Bergen hervor. Die zarten gelben Blüten der kugeligen Büsche, die an den zerklüfteten Klippen der Südküste von Sardinien wachsen, leuchten intensiv gegen die dunkel-drohende See an, der Wind peitscht wütend weiße Gischt gegen die schroffen Felsen. Die Morgenzigarette ist längst verglüht, die Wärme des Frühstücks-Kaffees wurde vom kalten Fahrtwind aus dem Körper gesogen, der wellige Asphalt der Küstenstraße ist klamm und nass. Trotzdem geht mir das Grinsen nicht aus dem Gesicht. Wrooooaaaaap – zum wahrscheinlich zweihundertfünfundachtzigsten Mal in der letzten Stunde katapultiert mich die rote Ducati Multistrada mit heißerem Knurren aus einer engen Kurve auf die nächste, kurze Gerade hinaus. Kein Rutschen, kein Wackeln, einfach nur gnadenlos perfekte Performance. Herrlich, so ein früher Motorrad-Morgen in Sardinien. Da gibt es nur die Straße, das Bike und Dich. Ein echter Egotrip. Balsam für die gestresste Seele. In solchen Momenten weiß man, weshalb man sich dafür entschieden hat, anstelle eines belanglosen Eight-to-Five-Jobs bis zu sechs mal im Monat in ein anderes Land zu fliegen, um am Limit der Haftungsgrenze Motorrad zu fahren.

Zwei harte Gasstöße, zweimal runterschalten, den Handbremshebel erbarmungslos quetschen, kurz hinten mitbremsen, abwinkeln, aufrichten und – wrooooaaaaap – zum zweihundertsechsundachtzigsten Mal mit vollem Feuer raus auf die Zwischengerade.Die speziell für die Ducati Multistrada entwickelten Pirelli Scorpion Sync haften erstaunlich perfekt auf dem tückischen Terrain der salzigen Küstenstraße. Herrlich, wie gut ein Reifen mit dem 0-Grad-Gürtel, der super-leichten Karkasse und der Gummimischung des Sportreifens Pirelli Diablo und einem etwas gröberen Profil als jenem des Tourenreifens Pirelli Dragon GTS funktionieren kann. Kaltgrip, Eigendämpfung, Lenkpräzision und Kurvenstabilität sind hervorragend. Und nicht nur die neuen Reifen überzeugen. Auch das Motorrad, die neue Ducati Multistrada 1000 DS, fasziniert mich. So leicht, so kraftvoll, so aggressiv und doch so entspannend. Kaum ein anderes Motorrad hat mir in der jüngsten Vergangenheit mehr Fahrspaß bereitet.Das Rezept für den ungetrübten Motorradgenuss ist eigentlich ganz simpel. Man nehme den luft-ölgekühlten und damit sehr leichten 1000er-V2-Motor des Sportlers Ducati 1000 DS (siehe auch BikerSzene 3/2003), verpflanze diesen in einen stabilen und ebenfalls sehr leichten Stahl-Gitterrohr-Rahmen, garniere das ganze mit sportlichen Enduro-Federungskomponenten, 17-Zoll-Rädern, Sportler-Bremsen und verkleide alles mit einem außerordentlich avantgardistischen Kunststoff-Kleid – fertig ist das sportliche Alltagsbike, das auf der Hausstrecke ebenso gut funktioniert wie auf der einwöchigen Ferientour samt Mama auf dem Soziussitz.

Das fast perfekte Allroundbike

Logisch, ganz so einfach haben es sich die Entwickler um Ducati-Designer Pierre Terblanche natürlich nicht gemacht. Immerhin dauerte es volle drei Jahre, ehe das Motorrad, von dem Terblanche behauptet, es nach seinen „persönlichen Idealen vom perfekten Allroundbike“ geschaffen zu haben, fertig war. „Ich bin über 1,90 Meter groß“, erklärt Terblanche. „Wenn ich auf einem Sportmotorrad à la Ducati 999 zusammengefaltet sitze, sieht das nicht nur etwas lächerlich aus, es ist auf Dauer auch ziemlich unbequem.“ Der gebürtige Südafrikaner fährt gerne sportlich, und zwar am liebsten auf der Landstraße, in den verwinkelten Passagen des Paso di Futa, jener berühmten Straße, die von Bologna durch die Apenninen nach Florenz führt, und auf der sich am Wochenende Hunderte Motorradfahrer teils übelste Straßenrennen liefern. „Diese Straße fordert einem Motorrad alles ab. Ständig wechselnde Asphalt-Qualität, Kurven jeder Art, teils hundsgemein zuziehend, gespickt mit allen Herausforderungen, die an ein Fahrwerk gestellt werden können“, erklärt Terblanche. „Mein Traum war ein Motorrad, das auf alle eventuellen Herausforderungen die passende Antwort kennt. Ein Motorrad, das leicht ist, perfekte Kontrolle und erhabenen Komfort bietet, sportlich bewegt werden kann und dennoch auch eine Urlaubsreise zu zweit im Bummeltempo zum Genuss macht.“ Nun, die Küstenstraße in Sardinien, die ich gerade so herzerfrischend entlang düse, ist zwar nicht der Paso di Futa (dort liegt um diese Jahreszeit noch Schnee) – dennoch bietet sie allerlei Herausforderungen. Die Kurvenradien sind so vielfältig wie die Asphaltschichten, der Dreck des Winters und der Nebel in den Bergen machen es nicht einfacher, schnell zu fahren.

Ducati Multistrada 1000 DS 01

Doch mit der Multistrada entsteht selbst hier in Sekundenschnelle Fahrspaß. Aufrecht auf dem straff gepolsterten Sattel thronend dirigiert man die optimal ausbalancierte Ducati Multistrada spielerisch quasi mit zwei Fingern über den breiten Enduro-Lenker. Egal, ob ich mit meinen 1,69 Metern oder Terblanche mit seinen 1,93 Metern – auf der Multistrada hockt es sich schlicht saubequem. Der superschmale Tank bietet beim Bremsen guten Halt, die Fußrasten erlauben gutes Abstützen beim harten Beschleunigen. Etwas gewöhnungsbedürftig ist nur das mit dem Lenker mitdrehende Oberteil der Verschalung, über deren Gesamt-Design wir keine Worte verlieren wollen. Jeder soll selbst entscheiden, ob es ihm gefällt oder nicht. Unbestreitbarer Fakt ist aber, dass die Verschalung super funktioniert. „Wir haben uns bewusst für eine sehr niedrige Scheibe entschieden“, erklärt Terblanche die Tatsache, dass der Helm des Piloten immer voll im Fahrtwind liegt. „Wichtig ist doch nur, dass der Winddruck vom Oberkörper ferngehalten wird. Ein sauber angeströmter Helm ist kein Problem, die lauten Turbulenzen hinter den Scheiben fast aller derzeit erhältlichen Tourer und Enduros hingegen sind ein echtes Ärgernis.“ Recht hat der Mann. Auf der Multistrada bleibt es selbst bei 200 km/h absolut ruhig an den Ohren – vorausgesetzt, man hat einen aerodynamisch gut geformten Helm gekauft.

Über den Motor wollen wir, da erst in der BikerSzene 3/03 beim Fahrtest der Ducati SS 1000 DS ausführlich beschrieben, nicht viele Worte verlieren. Nur soviel: Der mit Doppelzündung ausgerüstete 1000er-90°-V2 hat richtig viel Druck von unten, läuft ab 2.500 U/min absolut rund, dreht flockig bis in den Drehzahl-Begrenzer. Gesegnet mit herrlich sattem Drehmoment im mittleren Bereich zwischen 3.800 und 5.500 U/min, wartet der Motor mit spürbaren, aber in der Multistrada weitaus weniger nervenden Vibrationen als im Chassis der SS 1000 DS auf. Mit 84 PS ist er ein nahezu idealer Antrieb für ein Funbike à la Multistrada. Das Getriebe arbeitet hart aber präzise, nur der erste Gang rastet beim Losfahren nicht immer auf den ersten Tritt aufs Schalthebelchen ein. Dafür ist die Leerlauf-Suche eine Übung, die jeder Anfänger sofort beherrscht. Die Kupplung braucht – typisch Ducati – deutlich zu viel Handkraft, das Startverhalten ist kalt wie warm einwandfrei, der Sound aus den unters Heck hoch gezogenen Töpfen dürfte ruhig etwas markanter sein. Übrigens: Terblanche versicherte uns, in Kürze werde es auch Multistrada-Versionen mit weniger Hubraum geben, denn die V2-Motoren der SS-Baureihe mit 800 bzw. 620 ccm passen natürlich auch ins Multistrada-Chassis. Selbst über eine super-potente R-Version mit mehr als 100 PS wird bei Ducati schon ziemlich laut nachgedacht.

Ducati Multistrada 1000 DS 02

Nicht nur für Könner gedacht

Wir finden es wichtig, dass die 620er-Version bald kommt, denn die Multistrada wird auch für die 34-PS-Einsteiger-Klasse eine echte Bereicherung darstellen. Zum einen, weil es dort an wirklich reisetauglichen Alleskönnern mangelt. Und zweitens, weil das voll einstellbare Fahrwerk der Multistrada neben Könnern auch Anfänger begeistern wird. Das voll getankt nur wenig mehr als 200 kg schwere Motorrad verfügt über ein messerscharfes, brillantes Handling. Man muss die Linie nur anvisieren – die Multistrada folgt ihr absolut präzise. Grund: Die ungefederten Massen wurden dank leichter Felgen mit direkt in die Speichen eingearbeiteten Aufnahmen für die Bremsscheiben noch geringer gehalten als bei der Ducati 999! Und weil das Benzin in der Tank-Sitzbank-Einheit auch unter dem Sattel gebunkert wird (wozu ein sehr ausgeklügeltes Tankentlüftungssystem konstruiert werden musste) erreichten die Ducati-Ingenieure eine gelungene Massenkonzentration nahe am Gesamtschwerpunkt. Selbst mit Sozius (der ganz bequem untergebracht ist, wie wir erfreut feststellten) federt das mit einem Handrad zur Verstellung der Vorspannung am Federbein ausgestattete Fahrwerk brillant. Besonderheit: An der Hinterradaufhängung kann die Heckhöhe und damit die gesamte Lenkgeometrie eingestellt werden, ohne dass auf die Federbasis des Federbeins Einfluss genommen werden muss. So etwas findet man normalerweise nur bei Rennmaschinen vor. Der breite Lenker senkt die nötigen Lenkkräfte, wer eifrig im Sattel turnt, kann das Motorrad quasi nur durch Körpergewichts-Verlagerung steuern. Die Schräglagenfreiheit ist großzügig, bei unserem Test streiften die Rasten nur bei sehr gewagten Einlagen auf dem am Nachmittag trockenen und heißen Asphalt. Die Bremsanlage mit den Brembo-Serie-Oro-Vierkolbenzangen und Stahlflex-Leitungen beißt kräftig aber nicht zu aggressiv zu, verwöhnt zudem mit toller Dosierbarkeit. Selbst bei der schnellen Hatz über die kurvigen Landstrassen in den Bergen Sardiniens zeigte sie nur minimales Fading.

Ducati Multistrada 1000 DS 11

Zubehör für Tour und Sport

Wer viel auf Tour gehen will, kann zudem für die Multistrada alles an Zubehör ordern, was nötig ist: GPS-Navigation, Koffer (18 oder 24 Liter) für das im Rahmenheck integrierte Trägersystem, Gepäckbrücke und Topcase, Handprotektoren, Tourenscheibe, Komfortsattel – alles erhältlich. Für Sportbike-Fans mit Hang zum aufrechten Sitz bietet die Ducati-Performance-Abteilung natürlich allerlei Titan-, Magnesium- und Karbonteile (auch Felgen!) sowie eine Auspuffanlage mit illegal geilem Sound an. Und eine eigene Bekleidungslinie mit Leder- und Textilbekleidung, Helmen, Stiefeln und Handschuhen gibt es natürlich auch. Ich habe mich an diesem Testtag wirklich nur über eines geärgert: Weil ich mich angesichts des verregneten Vormittags für die Goretex-Bekleidung entschieden hatte, durften am Nachmittag nur die in Leder gehüllten Kollegen das einzigartig schöne Gefühl genießen, aus dem 850 mm über dem Asphalt schwebenden Sattel eines Funbikes herab die Knieschleifer über den sardischen Asphalt rubbeln zu lassen. Ihr glückseliges Grinsen beim Kaffee auf der Passhöhe sagte mehr als tausend Worte…

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