Yamaha FJR 1300

Yamaha FJR 1300


Bärenstarker Sportler

Yamaha hat in den letzten Jahrzehnten im wachsenden Marktsegment der sportlichen Tourer schon oft zukunftsweisende Motorräder auf die Straße gerollt. Das begann 1979 mit dem Kardantourer XS 1100 und endete zunächst mit der achsschenkelgelenkten GTS 1000. Die FJR 1300 ist das neueste und letzte Glied in dieser nicht immer vom Verkaufserfolg verwöhnten Reihe.

Der trocken 237 Kilogramm wiegende, 144 PS starke Kardan-Vierzylinder setzt sich wohltuend von der etliche Pfunde schwereren Konkurrenz ab. Klar, da gibt es noch Suzukis Hayabusa, Kawasakis ZX 12 R und Hondas Doppel X & Co., aber die werden weder von einem wartungsarmen Kardan angetrieben, noch stehen ihre zweifellos vorhandenen Touren-Qualitäten so offenkundig im Vordergrund wie bei der FJR 1300. Nach dem Druck auf den Starterknopf jubelt die Steuerelektronik- eine manuelle Kaltstarthilfe ist nicht vorhanden- das kalte Triebwerk erst mal auf unangenehme 2.500 Umdrehungen hoch. Wenig später reguliert sie den Leerlauf auf verträgliche 1.000 Touren ein. Spätestens ab diesem Zeitpunkt fängt man an, sich auf der FJR zu Hause zu fühlen. Handlich und leicht zu rangieren lässt sie den Piloten vergessen, dass doch über 260 Kilogramm bewegt werden müssen.

Sprunghaft

Nach der Warmfahrphase zeigt der Vierzylinder, was in ihm steckt. Ab 2800 Umdrehungen liegen permanent über 100 Newtonmeter an. Dank dieser Leistungsdaten ist es möglich, den Supertourer schon tief im Drehzahlkeller des fünften Ganges zu bewegen. Trotzdem reagiert der Motor spontan auf jede noch so geringe Bewegung des Gasgriffs und hangelt sich flink die Drehzahlleiter hinauf. Richtig zur Sache geht's ab etwa 6.000 Touren, das Aggregat springt förmlich bis in den roten Drehzahlmesserbereich vor. Zugunsten erhöhter Stabilität haben die Japaner den talentierten big Four fest im dicken Alurahmen verschraubt und so dringen trotz zweier Ausgleichwellen in höheren Drehzahlbereichen immer feine Vibrationen zu den FJR-Passagieren vor. Während sich unser Testmodell in den oberen Gängen, bei höherer Geschwindigkeit nur zu sehr geringfügigen Kardanreaktionen und dem Verhärten des Hinterteils beim Beschleunigen hinreißen lässt, nervt es seine Umgebung im ersten Gang beim Lastwechsel in der Rushhour jedoch mit einem überdeutlichen "Klack-Klack". Die Gänge des Fünfganggetriebes rasten etwas hart und laut, aber immer exakt ein. Aufgrund der Leistungscharakteristik mit Dampf in allen Lebenslagen vermissen wir ab und zu eine Ganganzeige, wie wir sie etwa von den bayerischen Mitbewerbern kennen.

Supersportler Jagd

Auf kurvigen Landstraßen kostet es mehr Kraft als erwartet, um die FJR in Schräglage zu bringen und auch die Lenkpräzision ist hier nicht 100-prozentig. Allzu sportlichen Ambitionen steht außerdem die gebotene Schräglagenfreiheit entgegen. Dafür klebt die Metzeler ME Z4-Bereifung in den Kurven wie der warme Kaugummi unter dem Lehrerpult. Macht nichts, spätestens am Kurvenausgang zieht der kräftige Vierzylinder samt seinem Piloten wieder in den Windschatten des kurzfristig davongeeilten Supersportlers. Der kann sich auf der Autobahn rächen. Im Hochgeschwindigkeitsbereich beginnt der Tourer bei hochgefahrener Scheibe nach dem Überfahren von Unebenheiten leicht, aber ungefährlich zu rühren. Der Wind- und Wetterschutz der stufenlos elektrisch verstellbaren Verkleidungsscheibe befriedigt kleine bis mittelgroße Piloten auf jeden Fall. Für größere Zeitgenossen könnte sie ruhig 4-5 Zentimeter höher sein, um den Helm von störender Windströmung und zerplatzenden Regentropfen zu befreien. Im Stadtbetrieb drückt das Leistungspaket seine Hitze nicht nur gegen den Alu-Rahmen, sondern über unnötige Spalten zwischen Tank und Verkleidung auch unangenehm auf den Piloten.

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Das Armaturenbrett ist klar und übersichtlich gestaltet, alles sitzt am richtigen Platz. Nicht gefallen konnte aber der Blick zurück über die Spiegel mit den etwas zu kurz geratenen Auslegern. Dafür fühlen sich beide Passagiere auf der ausreichend langen, breiten und komfortabel gepolsterten Sitzbank sicher auch auf sehr langen Touren wohl. Die hohen Lenkerhälften sind ebenso ergonomisch gelungen wie die Lage der Fußrasten und Bedienelemente der Sitzposition angepasst ist. Mit einem simplen Hebel, der zur Not auch während der Fahrt betätigt werden kann, wird eine der beiden Stoßdämpferfedern blockiert. So kann sich die Besatzung zwischen der Stellung "hard" oder "soft" entscheiden. In der Stellung "hard" dringen größere Unebenheiten allerdings ziemlich ungefiltert zur Besatzung durch.

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Die Bremsen stammen ursprünglich aus dem Supersportler R1 und bieten auch in der schwereren FJR 1300 überdurchschnittliche Verzögerungswerte. Verständlich, dass bei einem Motorrad, das sich mit einigen Extras locker der 15.350,- Euro-Hürde nähert, trotzdem oder gerade deswegen der Wunsch nach einem Antiblockiersystem aufkommt. Gut gelöst ist die Aufnahme der formschönen Koffer, die als Satz in Fahrzeugfarbe 710.70 Euro kosten. Wenn die Gepäckbehälter abgenommen werden, stört kein Kofferträger das Outfit. Die Kunststoffabdeckungen der Aufnahmen werden aber bestimmt bald verloren gehen. Weiteres sinnvolles Zubehör sind Heizgriffe für 267.92 Euro, Fußwindabweiser für 168.22 Euro und ein U-Schloss für 127.31 DM. Unrühmlich gestaltet sich mal wieder das Kapitel Bordwerkzeug. Das bei einem 13.549,23 Euro teuren Motorrad ein gestanzter und grob gegossener Pofel mitgeliefert wird, mit dem noch nicht einmal das Hinterrad ausgebaut werden kann, ist kaum tolerierbar. Das Umweltgewissen wird nicht nur von zwei geregelten Katalysatoren, sondern außerdem noch von einem Sekundärluftsystem beruhigt. Trotz der elektronisch gesteuerten Einspritzanlage zieht sich der Vierzylinder bei Vollgas bis zu 10 Liter Superbenzin auf 100 km Fahrstrecke durch die Düsen, kommt aber mit ruhiger Gashand auch mit 5,5 Liter aus.