Yamaha FZ1 2006

Yamaha FZ1 2006


Hohe Erwartungen

Eins der Neumodelle des 2006er Jahrgangs hat es den Motorradfahrern offensichtlich besonders angetan, wie die überwältigende Publikumsresonanz auf den Herbst- wie Frühjahrsmessen vermuten lässt: Am Yamaha-Stand war die FZ1 stets dicht umringt, immer saß irgendjemand zur Sitzprobe auf den Ausstellungsstücken. Doch Sitzen allein macht nicht glücklich, deshalb kommen hier die Erkenntnisse vom ersten Ausritt am südlichsten Zipfel von Afrika.

Die Erwartungen an die FZ1 sind ziemlich hoch, schließlich legen ihr scharfes Aussehen, die tollen Bauteile und die imposanten technischen Daten von 150 PS Leistung eine annähernd kompromissfreie Entwicklung nahe. Fünf Jahre nach Erscheinen der FZS1000 Fazer aktualisiert Yamaha seine zweite Generation Big Bike-Sportroadster mit einem komplett neuen Fahrwerk inklusive innovativem Alu-Rahmen sowie dem aktuellen Tausender-Vierzylinder aus der R1. Dessen Eckdaten bleiben weitgehend unverändert: 998 Kubikzentimeter Hubraum mit einem Hub-Bohrungs-Verhältnis von 53,6 zu 77 mm, Flüssigkeitskühlung, dohc-Steuerung, fünf Ventile und Kraftstoffeinspritzung. Die wesentlichen Unterschiede zum Supersport-Vierer sind die größere Schwungmasse, die durch eine 40 Prozent schwerere Kurbelwelle (9765 g statt 7320 g) und eine überarbeitete Ausgleichswelle bereitgestellt wird. Hinzu kommt eine von 12,4 auf 11,5 abgesenkte Verdichtung, zahmere Nockenwellen mit weniger Überschneidung fördern den Druck bei unteren Drehzahlen.

Etwas kürzer übersetzt im fünften und sechsten Gang ergibt sich dort ein entspannteres Drehzahlniveau beim relaxten Gleiten über Land. Modifiziert wurde ebenfalls die Einspritzanlage, die ohne das R1-Ram-Air-System auskommt. Wie mittlerweile üblich, kümmern sich zwei Drosselklappen - die zweite wird elektronisch gesteuert - um harmonische, schluckfreie Übergänge bei der Gasannahme. Die komplett aus Edelstahl gefertigte 4-in-2-in-1-Auspuffanlage beherbergt nicht nur zwei Katalysatoren und die Lambdasonde, sondern auch die jüngste Generation des drehmomentfördernden Yamaha-EXUP-System. Dabei handelt es sich um eine Walze im Auspuffsammler, die den Auslassquerschnitt drehzahlabhängig reguliert: Im unteren Drehzahlbereich reduziert es den Auslassdurchmesser und beschert dadurch ein fülligeres Drehmoment, bei höheren Drehzahlen gibt es den Querschnitt frei für einen möglichst großen Luftdurchsatz und damit maximale Leistung. Gesteuert wird das EXUP vom Motormanagement, bedient über einen Stellmotor mit Seilzügen. Was am Ende bei all dem Aufwand heraus kommt, kann sich wirklich sehen lassen: Mit 150 PS bei 11.000 U/min übertrifft die FZ1 die 143 Pferdchen der alten FZS1000 klar, doch für ein Bike dieser Gattung noch viel wichtiger stellt sich das höhere Drehmoment von 106 Nm nun volle 3.000 Umdrehungen früher bei exakt 8.000 Touren ein.

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Muskelpaket

Nicht minder imposant als diese technischen Daten stellt sich die FZ1 beim ersten richtigen Kontakt dar: In der Realität wirkt sie noch kompakter als auf den Bildern, richtig muskulös. Noch vorn geduckt wie eine Bulldogge prägt der kräftige Motor die Silhouette, vorn warnt ein aggressiver Scheinwerfer im Rückspiegel der Vordermänner vor der Energie der FZ1. Der rechten Fahrzeugseite drückt der dicke Auspuffstumpen seinen Stempel auf. Nach dem Selbst-Check, ausgelöst durch den herumgedrehten Zündschlüssel, tönt der Motor heiser und aggressiv aus dem Schalldämpfer. Auf den ersten Metern fühlt sich die FZ1 genau so leicht, agil und kontrollierbar an, wie man es von einem 194 Kilo-Bike mit knackigen 1.460 mm Radstand erwarten darf. Der lokale Verkehr hier unten rund um Kapstadt ist ein Spielplatz für die Yamaha. Dank der aufrechten, spürbar sportlicheren Haltung gegenüber der alten Fazer und des kleinen Wendekreises tänzelt sie geradezu durch vollbesetzte Pick-Ups und qualmende Busse. Doch so richtig kann man sie erst auf der Küstenstraße südwärts in Richtung Pringle Bay loslassen, wenn sich der Verkehr der südafrikanischen Metropole verliert. Hier überzeugt die Yamaha mit imposantem Schub und samtpfötigem Vierzylinder-Feeling, wenn sie so richtig "ab durch die (Drehzahl)Mitte" geht. Auf diesen fantastischen Straßen kann sie ihre Qualitäten voll zu Geltung bringen, insbesondere oben herum. Ab 6.000 Touren wirkt ihre urwüchsige Kraft fast wie ein kleines Katapult über die sechs sanft schaltbaren Gänge, erst die Redline setzt dem munteren Treiben bei 12.000 U/min ein Ende. Auf einer Geraden bergab signalisiert der neue Digital-Tacho 250 km/h, und der über den böse grinsenden Scheinwerfer stürmende Fahrtwind verstärkt das Speed-Gefühl zusehends. Vom Tempobolzen sind Nacken und Arme alsbald ermattet, selbst bei geringerem Tempo. Doch das ist eben der Preis, den man für den Fahrspaß auf einem unverkleideten Powerbike wie der FZ1 zahlen muss.

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Schwacher Vortrieb

Mehr und dazu verständliches Gejammer verursacht indes der dürftige Eindruck des Triebwerks unter 6.000 Touren. Hier, wo ein solches Motorrad naturgemäß einen Großteil seiner Stärken abliefern sollte, enttäuscht der fleischlose Vortrieb - vor allem, wenn man bedenkt, mit wie viel technischen Kniffen dem Hochleistungsprotz aus der R1 gerade unten herum Beine gemacht werden sollte. Beispielsweise bedarf die Yamaha zum "Pfötchenheben" eines herzhaften Zugs am Lenker oder effektiver Assistenz der Kupplung, wo bei anderen Granaten ein simpler Dreh am Gasgriff genügt. Will man hastig Überholen beim Gondeltempo 100 km/h und 4.000 Touren im letzten Gang, muss man ein-, zweimal runterschalten, um in den Schokoladenbereich der FZ1 zu gelangen. Dann spurtet sie tatsächlich mit aller Macht vorwärts. Um die Dinge etwas gerade zu rücken: In weniger hektischen Situationen genügt das Gebotene vollauf, um den Großteil des Verkehrs nach hinten zu zoomen. Doch entsprechend der hochgesteckten Erwartungen, die ein drehmomentoptimierter R1-Vierer automatisch auslöst, hätte man durchaus mehr erwarten dürfen. Auf der annähernd verkehrsfreien, gewundenen Küstenstraße ist die FZ1 dann im richtigen Revier angekommen, hier macht sie einen Riesenspaß. Ihr mittenbetonter Motor und das tadellose Handling lassen sie durch die weich geschwungenen Kurven surfen, gerade in der weichen Nachmittagssonne bekommt dieses genussvolle Gleiten schnell einen süchtig machenden Charakter. Einzig ein leicht verzögertes Ansprechen auf die Befehle der Gashand ist gewöhnungsbedürftig, da tut es bisweilen einen kleinen Schlag im Antriebsstrang.

Stabiles Fahrwerk

Ihre spontane Agilität verdankt die FZ1 vor allem dem deutlich steiferen Alu-Rahmen, der analog zur R1 aus miteinander verschweißten Alu-Gussteilen besteht. Die besondere Kombination von einzelnen gegossenen und gepressten Aluminium-Komponenten erlaubt eine Gewichtsersparnis von sage und schreibe neun Kilo gegenüber der alten Fazer. Durch einen abgerundeten Kühler konnten die Ingenieure den Motor weiter vorn im Rahmen platzieren und eine längere Schwinge (324 mm statt 579 mm) verwenden, was das Gewicht stärker in Richtung Vorderrad verlagert - wie bei einem richtigen Sportmotorrad lasten 51 Prozent des Gesamtgewichts nun auf der Front. Zusammen mit der konservativen Fahrwerksgeometrie beschert dies der FZ1 für ein Naked Bike dieser Größenordnung eine erstaunliche Stabilität, und das ohne Lenkungsdämpfer. Keine Windböe, kein provoziertes Rütteln entlockt der FZ1 eine unartige Unruhe. Hinzu kommt eine straffere Dämpfungsabstimmung, die mit dem soften Eindruck der Fazer 1000 aufräumt. Im Gegenzug geht vor allem der Upside-Down-Gabel eine gewisse Sensibilität verloren, auf schnell gefahrenen welligen Abschnitten führt dies zu unangenehmen Handshakes mit dem Lenker. Kurzfristige Einstellarbeiten an Zug- und Druckstufendämpfung - ungewöhnlich getrennt beide Gabelholme untergebracht - brachten keinen durchschlagenden Erfolg, doch bei intensiver Beschäftigung dürfte das Resultat besser ausfallen. Über sämtliche Zweifel erhaben zeigt sich die Frontbremse im R1-Stil, die mit ihren bekannten Vierkolben-Festsätteln samt 320er Scheiben ein höchst wirkungsvolles Duo für den Geschwindigkeitsabbau parat stellen. Erfreulicherweise passen sich die Michelin Pilot Road-Gummis mit 190er Heckwalze diesem guten Eindruck an. Die reinen Straßengummis liefern genialen Grip bis zum Rastenschmirgeln und belegen die These, dass Normalfahrer keine Hypersportreifen benötigen, um das Potenzial ihres Bikes ausloten zu können.

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Überraschende Facette

Am Ende des Fahrtages offenbart die FZ1 dann völlig überraschend eine neue Facette, mit der niemand gerechnet hatte. Rund 40 Kilometer vor dem Ziel blinkt plötzlich die Spritwarnlampe hektisch und mahnt zum baldigen Spritfassen. Da jedoch die südafrikanische Barschaft wohl behütet im Hotelsafe liegt, heißt es Tempo drosseln und untertourig entlang zuckeln - wer will schon mit trockenem Tank am Straßenrand liegen bleiben? Gemäßigte Drehzahlen, schnelles Hochschalten statt Ausdrehen der Gänge und geringerer Kurvenspeed machen auf der krakeligen Küstenstraße völlig überraschend nicht weniger, sondern mehr Spaß! Das konnte wirklich niemand von der FZ1 erwarten. Somit unterstreicht dieser erzwungene Chill-out, dass die unverkleidete FZ1 auch dann noch Spaß macht, wenn man sich und das Bike etwas zurück nimmt - trotz der wirklich viel versprechenden Optik.

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Text: Thilo Kozik

Fotos: Yamaha