Yamaha FZS 1000 S Fazer

Yamaha FZS 1000 S Fazer


Nackte Gewalt

"Flieg' wie ein Schmetterling und stich' wie eine Biene!" Schon der Meister aller Klassen, Muhamed Ali, wusste, dass die Kombination von Leichtfüßigkeit und Kraft erfolgversprechend ist.

Manche stehen auf wuchtige Aluminiumrahmen, die dann aber zu 95 Prozent von bunten Plastikverschalungen kaschiert werden, andere wollen unbedingt den klassischen Stahlrohrrahmen, einfach nackt und formschön. Da haben die Yamaha-Konstrukteure ein wunderschönes Fünfventil-Triebwerk entwickelt, das an Laufruhe und Bums in allen Lebenslagen kaum zu übertreffen ist und stecken es in einen Stummellenkersportler mit dem Namen R1. Pfui - tönt es aus der Puristenecke, wir wollen auch so einen Hammer! Die Stoßgebete wurden im fernen Japan erhört, immerhin hatte man ein ähnliches Motorrad, allerdings mit ein paar hundert Kubikzentimeter Hubraum weniger, schon seit Jahren im Programm.

Dass dieser zuverlässige, auch mit einem konventionellen Stahlrohrrahmen und einem potenten 95 PS-Motor ausgestattete Tourensportler mit Namen Fazer sich in die Herzen vieler Kilometerfresser gefahren hat, beweist die 2000er Zulassungsstatistik, wo wir ihn im Top Ten-Bereich finden können. Was lag also näher, als beide Konzepte zu verbinden? Und wo man schon dabei war, spendierte man dem R 1-Triebwerk eine um 10 Prozent schwerere Kurbelwelle, einen neuen Zylinderkopf mit vier horizontal angelegten 37er Gleichdruckvergasern, eine modifizierte Kupplung und eine neue Edelstahlauspuffanlage mit Exup-Auslasssteuerung.Am klassischen Stahlrohrrahmen ist der rechte Unterzug zur besseren Motordemontage geschraubt. Die große Fazer leistet gegenüber ihrer 600er Schwester fast 50 Prozent mehr und trägt doch nur 10 Kilo Mehrgewicht mit sich herum. Kann das gut gehen?

 

Die Mischung macht's

Schon beim Aufsteigen wird klar, dass der Mix gelungen ist. Nicht nur der Pilot, sondern beide Passagiere sitzen locker und entspannt auf der großen Fazer. Der Sitzkomfort ist Dank großzügiger Polsterung hervorragend. Alles, angefangen vom Lenker bis zu den Hebelleien, liegt dort, wo man es vermutet. Vielleicht könnte der Kupplungshebel bei dem mit 10.992,78 Euro nicht gerade billigen Motorrad noch verstellbar sein. Ansonsten ist die Fazer praxisgerecht ausgestattet und erfreut ihren Piloten mit serienmäßigem Seiten- und Hauptständer, einstellbarem Handbremshebel und komplettem Cockpit. Die Instrumente liegen gut im Blickfeld und sind passabel ablesbar. Den Zündschlüssel gedreht, auf den Knopf gedrückt und schon grummelt der Fünfventil-Vierzylinder vor sich hin. Nach einer kurzen Warmlaufphase hängt das potente Triebwerk immer voll am Gas, egal ob im letzten Gang bei 4.000 Umdrehungen gebummelt oder über 7.000 Touren brutale Beschleunigung abgerufen wird. Locker zieht es das vollgetankt rund 230 Kilogramm leichte Motorrad ab 1.500 Umdrehungen in der Minute im sechsten Gang ohne Ruckeln aus dem Drehzahlkeller und, ehe man sich versieht, faucht der bombige Vierzylinder in den roten Drehzahlmesserbereich, der immerhin erst bei 12.000 Umdrehungen in der Minute beginnt. Lastwechselreaktionen sind dabei so gut wie nicht spürbar. Selbst beim rasanten Beschleunigen ist die Leistung jederzeit beherrschbar, auch wenn das Vorderrad in den ersten drei Gängen ab 7.000 Touren merklich leicht wird und in die Höhe strebt. Ganz feine, aber nicht störende Vibrationen sind eigentlich immer spürbar, wandern aber je nach Drehzahl in die unterschiedlichsten Anbauteile. Der Motor verzichtet auf ausgleichende Wellen, die vordere Motoraufnahme ist aber wie die Fußrastenaufnahme und die Lenkerhalterungen in Gummi gelagert. Wer den Gashahn ordentlich aufreisst, spurtet in beachtlichen 3 Sekunden von Null auf 100 km/h, die 200 km/h-Marke erreicht der Raser nach etwa 10 Sekunden. An der Ampel scheint die große Fazer zu fragen: wo sind die Beschleunigungsmonster - und einige bekannte Macho-Bikes werden sich still in die nächste Seitenstraße verkrümeln. Das ist aber noch lange nicht das Ende der Stange! Wer sich gegen den kontinuierlich anschwellenden Fahrtwindorkan stemmt, erreicht locker 270 km/h auf dem leicht voreilendem Tacho. Selbst bei diesen Geschwindigkeiten liegt die schlanke Fazer wie das sprichwörtliche Brett und lässt sich auch von Fahrbahnunebenheiten, Spurrillen oder Bodenwellen nur kurzfristig ganz minimal aus der Ruhe bringen. Die hübsche Verkleidung schützt dann wenig. Nur der Oberkörper wird recht wirksam entlastet. Kleine und mittelgroße Fahrer treffen die von der Scheibe herrührenden Turbulenzen am Helm. Glücklicherweise bietet Yamaha drei Scheiben- varianten an. So kann der Fazer-Pilot zwischen der serienmäßigen Scheibe, einer farbigen Streetfighter-Version und einer hohen Tourenscheibe wählen.

Das Getriebe lässt sich leicht und mit exakter Rastung bedienen. Bei gemächlichem Tempo zeigt sich die FZS 1000 im Landstraßengeschlängel von ihrer handlichen Seite, obwohl man nicht sagen kann, dass sie von selbst in die Kurven fällt und auch schnelle, langgestreckte Straßenwindungen durcheilt die Fazer ohne die geringsten Probleme. Das gute Handling ist sicher auch auf die Metzeler Z4-Reifen mit der Sonderkennung "Y" zurückzuführen. Sie sind eindeutig auf gute Eigendämpfung sowie Komfort ausgelegt und überzeugen mit viel Grip. Natürlich tragen auch die voll einstellbaren Federelemente zum Wohlfühl-Effekt bei. Die Teleskopgabel mit den 43er Standrohren und das über Hebelsystem angelenkte hintere Federbein sind zwar fast sportlich straff ausgelegt, sprechen aber auch bei kleinen Fahrbahnunebenheiten sehr soft an. Beim Bremsen in der Kurve ist so gut wie kein Aufstellen zu vermerken. Überhaupt die Bremsen. Schon in der R1 wurden die einteiligen Bremszangen mehr als gelobt und auch am neuen Einsatzort bieten sie keinen Ansatz zur Kritik. Bei geringer Handkraft voll dosierbar, mit knackigem Druckpunkt und gut berechenbarer Wirkung gehören sie zu den Besten auf dem Markt. Beim Verbrauch gibt sich der sportliche Vierzylinder äußerst sparsam: mehr als acht Liter Normal-Benzin fließen auch bei Vollgas selten durch die Düsen der vier Vergaser. Bei Tempo 100 kann der Spritkonsum sogar unter die 5-Liter-Marke gedrückt werden. Wer will, kann sich aus dem Yamaha-Zubehör bedienen und die große Fazer mit Alarmanlage, Heizgriffen, Bügelschloß oder Kohlefaserteilen im Streetfighter-Look aufwerten. In Deutschland wird die Fazer in den Farben Blau, Schwarz und Rot angeboten.