Yamaha MT-03 2006

Yamaha MT-03 2006


Kleine Freundin

Ein Jahr nach der mächtigen MT-01 präsentiert Yamaha das zweite Modell der "Mega-Torque"-Baureihe. Doch kann ein quirliger Einzylinder wirklich ebenso viele Emotionen erzeugen wie der mächtige 1700er-V2 der MT-01?

Das derzeit beliebteste Schlagwort bei den Motorradhändlern! Klares Indiz dafür, dass das Geschäft stockt. Denn wenn man die Kunden selbst mit den besten rationellen Argumenten nicht mehr zum Kauf anregen kann, hilft nur noch die gute alte Schiene über das Bauchgefühl. Yamaha hat, wie übrigens auch Kawasaki, die Zeichen der Zeit bereits früh richtig gedeutet und erkannt, was andere japanische Hersteller lange nicht wahrhaben wollten: Der Motorradmarkt für immer noch wahnwitziger motorisierte Sportskanonen lahmt. Weil den Kunden einerseits das Geld für die immens teuren Boliden ausgeht. Und weil andererseits immer weniger von ihnen Zeit und Lust haben, ihre Mega-Kanone mühsam im Hänger an die Rennpiste zu karren, um dort erquickend schnelle Runden zu drehen. Denn seien wir doch mal ehrlich: auf der öffentlichen Straße ist der volle Spaß an der vollen Leistung doch längst selige Vergangenheit.

Pure Emotion

Im Gegenzug wünschen sich immer mehr Kunden - das haben aufwändige Marktstudien von Yamaha klar gezeigt - den "Kick vom ersten Meter an". "Der moderne Biker will den sofortigen Fahrspaß, egal ob auf Shoppingtour in der City, auf dem kurzen Weg ins Fitness-Studio, auf der kleinen Runde über die Hausstrecke oder beim Wochenendausflug mit den Kumpels", weiss Takeshi Higushi, Entwicklungschef der neuen Yamaha MT-03. Auf der Suche nach Lösungsansätzen zur Befriedigung dieses Bedürfnisses vertieften sich die Techniker des zweitgrößten Motorradherstellers der Welt in die Wunderwelt der japanischen Philosophie - und förderten "Kodo" zu Tage. "Kodo", das ist das wummernde Hämmern gigantischer Trommeln, der Bassschlag schwingender Trommelfelle, der durch das Körpergewebe bis in Herz und Bauch dringt. "Kodo", das ist pure Emotion, körperlich erlebte Kraft und spürbar pulsierende Lebensfreude. Transformiert aufs Motorrad ergibt dies, so die Yamaha-Idee, das Hämmern mächtiger Kolben, die reichlich Drehmoment erzeugen. Das Filtrat all dieser Überlegungen begeisterte 2005 die Massen: die Yamaha MT-01, eine Mischung aus getuntem 1700er-Cruisermotor, Sportfahrwerk und Brutalo-Design, ein Sportroadster mit Charakter, ein Motorrad, das eigentlich niemand braucht und das gerade deshalb keinen kalt lässt. Metallgewordene Unvernunft, ein Bubentraum für Erwachsene, der Macho unter den Motorrädern.

Die zweite Stufe der Emotion

Nun zünden die Yamaha-Strategen die zweite Stufe der Verführung: die MT-03. Die wirkt gegen die mächtige MT-01 wie David gegen Goliath. Zierlich, nur knapp 200 Kilogramm schwer, angetrieben von einem im Vergleich zum 1700er-V2 der MT-01 geradezu winzigen Motorchen, dem 45 PS starken Einzylinder der XT 660-Baureihe. Der steckt, statt in einem so komplexen und zugleich wunderschönen Alurahmen wie bei der MT-01, in einem wenig Aufsehen erregenden Stahlrahmen. Einziges technisches Highlight: die unkonventionelle Aluschwinge, die über einen massiven Hebelarm ein rechts neben dem Motor platziertes Federbein beaufschlagt. Und dennoch demonstriert die MT-03 enge optische Verwandtschaft zur MT-01: anhand der aggressiven Scheinwerfermaske und anhand der trichterförmigen, seitlich entlang der Sitzbank angebrachten Schalldämpfer. Takeshi Higushi: "Die MT-03 ist ebenso emotional, sportlich und enthusiastisch wie die MT-01. Allerdings auf ihre ganz eigene Art. Wo die MT-01 von ihrem mächtigen Motor und viel Power lockt, kokettiert die MT-03 mit Agilität, Leichtigkeit und spontan erlebbarer Fahrfreude für Jedermann - und für jede Frau!" In der Tat verfügt die MT-03 über eine zwar ganz andere, aber nicht minder faszinierende Ausstrahlung als die MT-01. Bereits im Stand weckt die kleine Yamaha eine unstillbare Begierde auf flottes Kurvenflitzen, lockt mit dynamischer Optik und einladenden Features wie dem komfortabel geformten und angenehm gepolsterten Sattel, einem ideal geformten Tank, dem breiten Lenker und den nicht zu hohen Rasten.

Erquickend leichter Fahrspaß

Entsprechend weckt schon die erste Sitzprobe die Lust nach mehr. "Wir haben auf eine betont Front-orientierte Auslegung geachtet", erklärt Higushi. "Der Motor ist weit vorne platziert. Auch die Batterie, der Öltank und das schwere Federungselement der Hinterradaufhängung sind nach vorne orientiert. Das steigert die Agilität immens." Probieren wir es aus. Kurzer Druck aufs Starterknöpfchen, "brooooaaapapa-pa-pa-pap!" - knallt der Einzylinder los. Und, wie von "Kodo" versprochen, schon die ersten Meter Fahrt zaubern einem ein breites Lächeln ins Gesicht. Der mit Einspritzung aufwartende Einzylinder poltert erfrischend sonor, sendet die für großvolumige Einzylinder so typischen, niedrig-frequenten Vibrationen an den Allerwertesten. Dennoch überzeugt das Triebwerk mit feiner Laufkultur. Das aus der XT 660 bekannte Triebwerk wurde für den Einsatz in der MT-03 sanft modifiziert. So musste, wegen der geänderten Auspuffanlage (aus Edelstahl, mit Katalysator und großem Endschalldämpfer, der in zwei Auspuffrohre mündet) der ECU der Einspritzung neu programmiert werden. Zusätzlich wurde die Übersetzung etwas länger gewählt. Ebenso gut gemacht: das für flottes Landstraßen-Räubern geradezu ideal gestufte, leicht zu schaltende 5-Gang-Getriebe. So gut wie bei der XT: die satte Kraft aus dem Drehzahlkeller. Bereits ab 2.500 Touren zieht die MT-03 kräftig voran, bis zur 6.000er-Markierung auf dem analogen Drehzahlmesser ist erfreulich viel Leistung vorhanden. Darüber wird die Drehfreude naturgemäß etwas verhaltener, ehe bei 7.500 U/min der Begrenzer abregelt. Doch derartige Drehzahlorgien sind eigentlich gar nicht notwendig. Auf unserer Testfahrt entlang der spanischen Costa-Brava-Küste jedenfalls mussten wir kaum je mehr als 5.500 U/min drehen - und waren dabei doch mit bis zu 140 km/h unterwegs. Was hilft? Das hervorragend ausbalancierte Fahrwerk. Die MT-03 ist handlich wie ein Mountainbike, dabei aber keineswegs nervös. Egal, ob entspanntes Cruisen um weite Bögen oder knallhartes Supermono-Driften um verzwickte Ecken. Das Fahrwerk der MT-03 vermittelt viel Vertrauen ins eigene Können, denn es überzeugt mit guter Rückmeldung und spontaner Reaktion auf kleinste Gewichtsverlagerungen. Über den breiten Lenker hat man die Fuhre jederzeit ideal im Griff, die Sitzbank bietet genügend Bewegungsspielraum für jede Art von Fahrstil. Einziger Kritikpunkt: die Rasten dürften für noch mehr Kurvenspaß etwas höher montiert sein.

Eine Maschine für Solisten

Nichts zu mäkeln gibt es in punkto Bremsanlage. Die von der Fazer FZ6 übernommene vordere Bremsanlage mit zwei 298-mm-Scheiben und Doppelkolbensätteln verzögert mit klarem Druckpunkt, feiner Dosierbarkeit und selbst bei forcierter Fahrt absolut fadingfreier Wirkung. Auch die hintere Scheibenbremse funktioniert tadellos, wenngleich die Dosierbarkeit besser sein dürfte. Was bei aller Lobhudelei gesagt werden muss: für Beziehungskisten ist die MT-03 nicht die erste Wahl. Die geteilte Sitzbank ist dafür zu kurz, die Sozia sitzt zu hoch und muss die Beine über die weit ausladende Auspuffanlage zur Seite strecken. Auf Dauer keine angenehme Sitzposition. Und auch der Fahrer genießt alleine klar mehr Spaß als zu zweit, denn das Federbein erweist sich bei voller Beladung der MT-03 als etwas unterdämpft. Doch Supermotard-Spaß erfährt man ohnehin vorzugsweise alleine. Und für die beste Sozia aller Zeiten darf es ja ruhig eine eigene MT-03 sein. Denn zwei MT-03 (je 6.695 Euro und damit teuer genug) kosten nur lächerlich 95 Euro mehr als eine einzelne MT-01, die bekanntlich unglaubliche 13.295 Euro kostet. Der Fahrspaß zu zweit, jeder auf dem eigenen Motorrad, ist aber naturgemäß um ein Vielfaches höher, als zu zweit auf einem Bike. Und wenn dieses noch so viele PS und noch so viel Drehmoment haben mag.

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Text & Fotos: Jörg Wissmann