Moto Guzzi Breva V1100 und Griso 1100

Moto Guzzi Breva V1100 und Griso 1100


Schwesterliebe

Motorräder sind auch nur Menschen! Glauben Sie nicht? Schauen Sie sich die Moto-Guzzi-Modelle Breva V 1100 und Griso 1100 an. Sie teilen sich weitgehend dieselben Gene, vertrauen zu großen Teilen auf dasselbe Erbgut. Und doch sehen sie ganz verschieden aus und haben völlig unterschiedliche Charaktere. Ganz wie richtige Schwestern eben.

Wer dabei das "Good Girl" und wer das "Bad Girl" ist, wird bei den Moto-Guzzi-Schwestern auf den ersten Blick klar. Die Breva V 1100 könnte auch ein Dirndl tragen, so bayerisch lieb schaut sie aus dem großen Rundscheinwerfer in die weite Welt. Als wäre sie ein verschüchtertes Groopie, das seinem geliebten, grossen Star möglichst ähnlich sehen möchte, kopiert die Italienerin ganz unverhohlen die BMW R 1150 R. Dicker Zweizylinder mit Einspritzung, 3-Wege-Kat und Kardan.

mächtig - mit bodenständigen 85 PS. Längs verschraubt in einem stabilen Stahlrohr-Verbund. Dazu ein, zu weiten Reisen lockender Sattel, tiefe Rasten und ein hoher Lenker. Klassische Rundinstrumente über traditionellem Rundscheinwerfer, garniert mit einer vielfältig informierenden LED-Anzeige, die auch einer Luxuslimousine gut stünde. Modernes LED-Rücklicht, gekröpfte Reifenventile, Warnblinkanlage und einstellbare Handhebel - auch für die neuerdings sogar mit ABS erhältliche Bremsanlage. All das kannten wir bisher eher aus Bayern denn aus der Lombardei. Doch wir müssen sagen: Das Dirndl steht der Italienerin gar nicht schlecht! Mit ihren wohlgeformten Rundungen gefällt uns die Süße aus Bella Italia sogar fast ein bisschen besser als die etwas kantig-grobe Bayerin. 

Dirndl oder Lederdress

Von einem ganz anderen Schlag ist die Schwester der Süßen. Was für eine Diva! Fast schon lasziv lümmelt sich die Moto Guzzi Griso 1100 auf der Straße. Mit 1,55 m Radstand scheinbar ewig lang, dazu extrem niedrig, betont muskulös und auf ihre ganz eigene Art wunderschön. Mit Instrumenten, bei denen einzig der Drehzahlmesser analog dargestellt, alles andere digital versinnbildlicht wird. Mit LED-Rücklicht, bequemem Sattel, ultra-breitem Lenker und einem fast schon provozierend dargebotenen Monstrum von Motor. Mit verknotet wirkenden, weil gekreuzten Krümmern (viel Spaß beim Putzen!), filigran anmutendem Rahmen und einem - äääh - ROHR, einem prolligen Etwas, das derart pubertierend fett und unflätig auf der linken Seite hängt, als hätte ein pickliger Pennäler sich eine Hasenpfote in die Unterhose gesteckt. Manchen mag das Teil gefallen - ich finde es einfach nur abgrundtief hässlich. Zumal der Sound, der dem Riesenmegaphon entfleucht, alles andere als fett ist. Die Griso pupst genauso legal gedämpft aus dem Auspuff wie die brave Breva. Überhaupt ist vieles am Antriebsstrang der Griso Schall und Rauch. In der Papierform dank diverser Änderungen (45 statt 36 mm messende Einspritzsaugrohre, andere Krümmer, anderes Mapping der Zündanlage, kürzere Primärübersetzung) etwas stärker und mit mehr Midrange-Drehmoment gesegnet, kann die Griso im tatsächlichen Leben der Breva V 1100 keineswegs so einfach entfleuchen, wie man meinen sollte. Das liegt an drei Dingen: Erstens funktioniert die Breva V 1100 annähernd so perfekt wie ihr großes Vorbild, die BMW R 1150 R. Und an der führt bekanntlich so leicht kein Weg vorbei, wenn sie von kundiger und vor allem im Kurvenausgang furchtloser Hand geführt wird. Zweitens vertraut die Griso - völlig aberwitzig für einen Roadster - auf Rennreifen! Die serienmäßig montierten Metzeler Rennsport werden selbst bei forciertem Landstraßenwetzhobeln nicht einmal annähernd betriebswarm. So kann man die Vorteile des gegenüber der Breva V 1100 spürbar deutlich mehr auf flinkes Handling getrimmten Fahrwerks einfach nicht ausspielen. Drittens nervte unsere Test-Griso mit unglaublich harschen Lastwechsel-Reaktionen, während diese bei der Breva V 1100 selbst bei Sensibelchen keinen einzigen negativen Kommentar auslösten. Wer bei der Griso nicht jeweils die hintere Bremse mitbenützt, um das Hinterrad auf Zug zu halten und den Kardan mit abzubremsen, wird mit einer total verkorksten Linie bestraft, wenn der Motor am Kurvenausgang beim sanften Gas anlegen zunächst nicht mal zuckt, dann plötzlich wie ein fallendes Hackbeil loszieht und die Fuhre durch das mächtige Kurbelwellenmoment getroffen wie ein angeschlagener Boxer nach rechts taumelt.

Dabei wäre die aggressivere Sitzposition geradezu ideal für schnelle Kurvenwechsel, denn im Griso-Sattel kann man wesentlich freier turnen als im Breva-Sessel. So aber bleibt es im Kurvenkampf dabei: die Breva hat die Nase vorn! Nur auf langen Geraden zieht die Griso klar davon. Denn ihr V2 kurbelt deutlich freier in hohe Drehzahlregionen als der vor allem oberhalb 5500/min etwas zugestopft wirkende Breva-Treibsatz. Beiden Schwestern gemeinsam: das gut schaltbare Getriebe, bei dem alle Gänge jederzeit sauber rasten, leise einrücken und bei dem überdies - ganz anders als früher - der Leerlauf jederzeit gut zu finden ist. Und auch die CARC (Cardano Reattivo Compatto, zu deutsch: Kardan-Reaktionen-Auffänger) getaufte Momentabstützung des Endantriebs funktioniert prächtig. Selbst bei vollem Beschleunigen bleibt das Heck in der normalen Position, die Federung verhärtet nicht. Auch bei den Bremsen gibt es keine Unterschiede. Beide Anlagen verzögern ausreichend kräftig, bei sehr hoher Handkraft sogar brachial. ABS gibt es allerdings nur für die Breva - Machos, die auf Bikes wie die Griso stehen, mögen so etwas doch nicht - denken zumindest die Techniker in Mandello del Lario. Fährt man eher beschaulich als sportlich durch die Lande, können beide Schwestern überzeugen. Mit brummendem Auspuff, mit zirpenden Ventilen, mit schnaufender Airbox und mit pulsierenden Kolben stampfen die Italienerinnen die steilen Anstiege in den Toggenburger Voralpen hinauf. Souverän bügelt das moderat abgestimmte Fahrwerk der Breva die schlimmsten Bodenwellen aus, und auch die Griso federt angenehm komfortabel, ohne dabei aber schwammig zu wirken. Leichtfüßig stürzt sich die Breva durch engste Bergabkehren, folgt dabei zwar nicht ganz so Millimeter genau der anvisierten Linie wie die Griso, verwöhnt dafür mit der aufrechteren, entspannteren Sitzposition, dank derer die freudige Kurvenhatz gerne auch mehrere Stunden dauern darf. 

Feingefühl gefragt

Bei beiden Schwestern angebracht: Einfühlungsvermögen und der Wille, sich auf eine Italienerin von echtem Schrot und Korn einzulassen. Denn so bayerisch die Breva V 1100 aussehen mag, so sportlich-ambitioniert die Griso auf dem Seitenständer steht. Beide Maschinen haben sehr viel Charakter! Eher wenig Durchzug bei mittleren Drehzahlen? Kein Thema, als bekennender Breva-Treiber schalte ich vor dem Überholen halt mal schnell einen Gang runter. Aufsetzender Hauptständer bei voller Schräglage? Kein Problem, wer Moto Guzzi Griso fährt, nimmt sich trotz Rennreifen Zeit für den Genuss, fährt etwas gelassener als der Herr Kollege auf dem japanischen Naked Bike. Tickernde Ventile und raspelnde Motorgeräusche? Hurra, meine Moto Guzzi lebt! Frappierend, wie rasch sowohl die Breva als auch die Griso selbst die verwöhntesten Muttersöhnchen zu läutern vermögen, wie viel hemdsärmligen Spaß ihre unkomplizierte Bodenständigkeit bereitet. Fast 450 Kilometer, zig Höhenzüge und Bergrücken sowie Hunderte von Kurven später sitze ich in einer Gartenwirtschaft, genieße einen kühlen Drink. Draußen vor dem Gartenzaun tickern die italienischen Schwestern leise vor sich hin, als würden sie die Erlebnisse des Tages, jede Kurve, jedes Überholmanöver nochmals genauso eingehend miteinander diskutieren wie ich und mein Testbegleiter. Die Abendsonne bringt den Lack der braven Breva und der wilden Griso scheinbar zum Glühen und plötzlich sehen sich die Schwestern ähnlich wie zwei alte Freundinnen. In diesem Moment bin ich sicher: Es ist gut, dass in der Lombardei zwei Motorräder gebaut werden, die trotz aller technischen Verwandtschaft im Geiste unterschiedlicher nicht sein könnten, deren mediterranes Flair und italienisches Design aber jedes Herz zu erwärmen versteht, das ihnen nur offen genug gegenüber zu treten bereit ist. 

Text: Jörg Wissmann

Fotos: Moto Guzzi

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